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Russischer Oppositioneller : Gegen den Bruderkrieg

Schlossberg: Zahl der in der Ukraine gefallenen Soldaten vierstellig

Der Abgeordnete ist überzeugt davon, dass Putin Russland zu einem neuen Imperium verhelfen wolle. Den Preis dafür sehe der Präsident rein statistisch. „Wie viel Geld muss ich dafür ausgeben, wie viele Leute muss ich opfern?“ Nachdem die Ukraine keine Gegenwehr gegen die Annexion der Krim leistete und auch die Europäische Union, so Schlossberg, sich weitgehend aufs „Fluchen“ beschränkte, habe Putin geglaubt, im Osten der Ukraine werde es so einfach weitergehen. Es kam anders - mit den Pskower Soldaten mittendrin. Einzelne von ihnen waren schon für ihre Rolle auf der Krim mit Orden bedacht worden. Am 18. August zeichnete Putin die gesamte 76. Division mit einem Orden aus „für Erfüllung militärischer Aufgaben“, für „Mut“ und „Heldentum“. Da waren Soldaten der Division gerade in die Ostukraine vorgedrungen, berichtet Schlossberg unter Berufung auf „informierte Leute“.

Es war die Zeit, als Kiews Truppen die Separatisten immer weiter zurückdrängten. „Unsere Soldaten glaubten, es würde ein Spaziergang.“ Doch allein bei einem Beschuss mit Granaten und Raketen kurz nach Putins Ordensverleihung sei fast eine ganze Kompanie von 80 Mann getötet worden. Wohl auch die beiden auf dem Friedhof nahe Pskow bestatteten Soldaten, über die Schlossbergs Zeitung berichtete. Und nach ihr weitere Journalisten. Einige wurden vor Ort angegriffen. Allein die Artikel der „Pskowskaja Gubernija“ hätten Millionen Menschen online gelesen, sagt Schlossberg: „Das ist das Rating der Wahrheit.“ Damals hätten seine Kollegen und er einen kurzen Moment genutzt, in dem überlebende Soldaten und Hinterbliebene zum Austausch bereit gewesen seien. „Sie wollten Antworten.“ Jetzt mieden sie jede Öffentlichkeit, würden vom Geheimdienst überwacht.

Bild von Boris Nemzows Leichnam ist für Schlossberg nun „das Bild Russlands“.
Bild von Boris Nemzows Leichnam ist für Schlossberg nun „das Bild Russlands“. : Bild: AFP

Aus Pskow kamen nicht nur erste Fotos von Soldatengräbern. Im September stellte Schlossberg eine Liste mit den Namen von zwölf Soldaten zusammen, von denen er sicher war, dass sie in der Ukraine gefallen waren, und ersuchte die Militärstaatsanwaltschaft um Aufklärung. Zwei Monate später kam die Antwort. Darin hieß es, die Umstände des Todes fielen unter ein Gesetz zum Schutz von „Staatsgeheimnissen“. Ein Erfolg, hebt Schlossberg hervor: Immerhin sei offiziell anerkannt worden, dass die Männer tot seien. Die Hinterbliebenen seien entschädigt worden. Wenig später habe die Militärstaatsanwaltschaft auf eine ähnliche Anfrage der „Soldatenmütter“ aus Sankt Petersburg schon keine so aussagekräftige Antwort mehr gegeben. Wie viele Soldaten allein hier im Pskower Gebiet begraben wurden, weiß Schlossberg nicht. Er schätzt, dass ihre Zahl dreistellig ist - und die Zahl der insgesamt in der Ukraine gefallenen russischen Soldaten vierstellig.

„Wir kämpfen für saubere und faire Wahlen“

Vor kurzem schrieb Schlossberg in seiner Zeitung einen Aufruf: „Schieß nicht!“. Die Zukunft Russlands, schrieb Schlossberg da, hänge davon ab, ob das „Volk des Friedens“ die Überhand über das „Volk des Krieges“ gewinne. Schlossberg ist selbst skeptisch. „Menschen, die ich tief schätzte und hoffentlich wieder schätzen werde, bejubelten die Annexion der Krim“, sagt er. „Normale, kultivierte Leute“ hätten sich vor seinen Augen verändert. Schlossberg, der einst Geschichte studierte, sagt, Putins „imperialistische Matrix“ sei stark, appelliere an alle Lager, Linke, Rechte. Doch fingen nun mehr Leute an nachzudenken. Zum einen durch die Berichte der Rückkehrer aus dem Krieg: Mindestens 2000 Soldaten seien allein aus dem Gebiet Pskow in die Ukraine geschickt worden. Zum anderen durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Allein die öffentlichen Ausgaben in Pskow seien, so Schlossberg, um ein Drittel zurückgegangen.

Und nun der Mord an Nemzow. Für Schlossberg prägt das Foto der Leiche unter der Plastikplane vor den Kuppeln der Basiliuskathedrale nun „das Bild Russlands“. Auf Aufklärung des Mordes hofft er nicht. Aber darauf, dass mehr Russen verstehen, „wohin es mit dem Land gekommen ist“. Dafür will er sich weiter einsetzen - in der Heimat. Die Emigration, die viele Andersdenkende wählen, sei „nicht interessant“ für ihn. „Ich bin ein russischer Politiker, das ist meine Arbeit. Egal, unter welchem Regime. Wir kämpfen für saubere und faire Wahlen.“

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„Schlagt das faschistische Pack“

Während die Rolle russischer Soldaten in der Ostukraine weiter verschwiegen wird, nimmt die Entsendung von „Freiwilligen“ ins Kriegsgebiet kultische Züge an. Ein Video des Internetportals „66.ru“ zeigt die Verabschiedung von rund 50 Männern, die am Mittwochabend aus der Stadt Jekaterinburg im Ural in die Ostukraine gezogen seien. Zu sehen sind Dutzende Männer in olivgrüner Militärkluft. Sie haben einander die Arme um die Schultern gelegt und stampfen um einen Mann mit der Fahne von „Neurussland“ herum, dem Gebiet im Osten der Ukraine, das, wenn es nach russischen Nationalisten geht, Teil eines neuen russischen Imperiums werden soll. Das Jekaterinburger Nachrichtenportal „E1.ru“ schrieb, dies sei die „größte Gruppe von Freiwilligen seit Beginn der Waffenruhe, die so feierlich und öffentlich losgeschickt wurde“. Die Entsendung organisiert haben Vereine wie „Ural - Neurussland“ und eine „Stiftung von Veteranen der Spezialkräfte“ des Swerdlowsker Gebiets, in dem Jekaterinburg liegt. Der Stiftungsvorsitzende sagte, die Männer seien in der Mehrzahl Veteranen der Spezialkräfte, die schon in der Ukraine gekämpft hätten. Bei der Verabschiedungszeremonie trat auch ein Priester auf. Das Nachrichtenportal „Uralpolit.ru“ zeigte ihn mit der Flagge „Neurusslands“. Demnach sagte er den Männern: „Wenn es sein muss, und es muss unbedingt sein, schlagt das faschistische Pack und fürchtet nichts.“ (frs.)

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