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Russischer Oppositioneller : Gegen den Bruderkrieg

Als Schlossberg spricht, erinnert er daran, dass Pskow als eine der ersten Städte Russlands erobert und als eine der letzten befreit worden sei, zu 90 Prozent zerstört. Die Medaille sei für die Taten im Krieg, aber auch für den Wiederaufbau danach. „Zur Feier des Lebens und als Zeichen ihres Heldentums“, sagt Schlossberg. Zwischendurch besingt ein Knabe zu Klavierklängen glockenhell einen Soldaten, der, während seine Kameraden ringsum im feindlichen Feuer fallen, zum Schutze der heimischen Erde voranmarschiert. Wenige Tage darauf soll das „Volksjugendmusiktheater Troubadour“ hier im Saal das Musical „Wir sind Kinder des großen Sieges“ aufführen.

Vier Kugeln und vier Kreml-Fernsehsender

Die Redaktion der Zeitung, die als erste das Schicksal der in der Ukraine gefallenen und heimlich in der Heimat bestatteten Enkel und Urenkel dieses Sieges beleuchtete, arbeitet in einem unscheinbaren Bau wenige Meter vom Kulturhaus entfernt. Die drei Mitarbeiter der „Psowskaja Gubernija“, zu denen Schlossberg noch sich selbst als halbe Kraft dazuzählt, teilen sich die Adresse mit der örtlichen Staatsanwaltschaft. Seit 15 Jahren gibt es die Zeitung. Sie wird in Schwarzweiß gedruckt, in einer Auflage von nur 5000 Exemplaren. „Wir zählen jede Kopeke“, sagt Schlossberg, während er in seinem Büro die Requisiten der Gedenkveranstaltung für Nemzow beiseiteräumt. An der Wand lehnt ein großes Schwarzweißfoto des Ermordeten. „Vier Kugeln“ steht auf einem Schild, darunter die Namen von vier Kreml-Fernsehsendern, die Nemzow seit Jahren verleumdet hatten. Vier Kugeln hatten den Politiker in den Rücken getroffen.

Schlossberg hat schon am eigenen Leib erfahren, welche Folgen das Engagement gegen den Kreml haben kann. Kurz nach der Veröffentlichung über die gefallenen Soldaten wurde er von drei Männern angegriffen, als er gerade aus der Redaktion auf dem Weg nach Hause war. Sie schlugen ihn, wie es hieß, „mit stumpfen Gegenständen“ auf Kopf und Bauch. Mehrere Tage lag er im Krankenhaus. Die Täter gelten weiterhin als unbekannt. Schlossberg ist überzeugt davon, dass er wegen seiner Veröffentlichung angegriffen wurde - „auf Befehl aus Moskau“. Fühlt er sich nach dem Mord an Nemzow noch unsicherer? Er antwortet für sich und seine Frau, eine Kardiologin. „Wir sind an Gefahr gewöhnt“, sagt er. „Wir wissen, unter welchen Bedingungen wir leben.“

Bild: F.A.Z.

Aus Schlossbergs Sicht begann die „Welle der Gewalt“ schon nach den gefälschten Duma-Wahlen des Jahres 2011. Zu der Zeit also, als auch er sein Mandat in der Abgeordnetenversammlung von Pskow erhielt. Die Wahlkommission habe „Jabloko“ damals ein Drittel der Stimmen abgezogen, sagt Schlossberg. „In Russland ist das ein Durchschnittswert.“ So wurde er der einzige Vertreter seiner Partei unter den 44 Abgeordneten der Gebietsversammlung - und der einzige echte Oppositionelle dort. Es war die Zeit der Massenproteste für saubere Wahlen, gegen die Rückkehr Putins ins Präsidentenamt. Sogar in Pskow gingen Leute auf die Straße. Putin, sagt Schlossberg, habe damals eine Entscheidung getroffen: gegen eine „Demokratisierung“, eine allmähliche Erneuerung der Elite. Stattdessen habe der Präsident die „Gewaltlinie“ gewählt. Schlossberg erinnert an das Gesetz, das amerikanischen Eltern die Adoption russischer Kinder verbietet, von Ende 2012, mit dem vielen kranken und behinderten russischen Waisen die einzige Chance auf Adoption genommen wurde. „Wer mit vom Schicksal geschlagenen Kindern so umgeht, ist zu allem bereit“, sagt er.

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