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Der neue Bundeskanzler : Schon am ersten Tag fehlen Scholz Stimmen

Ohne Gottes Hilfe: Olaf Scholz ist nach Gerhard Schröder der zweite deutsche Bundeskanzler, der seinen Amtseid ohne religiöse Beteuerung ablegt. Bild: Daniel Pilar

Die SPD verneigt sich vor Olaf Scholz, der sie zurück ins Kanzleramt führte. Doch wie lange wird die Wirkung des Wunders anhalten?

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          So ähnlich wie manche Abgeordnete der SPD am Mittwoch im Bundestag müssen Jesu Jünger ausgesehen haben, als er auf der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelte. Es grenzt ja auch an ein politisches Wunder, dass die Sozialdemokratie nach 16 Jahren Abstinenz wieder den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland stellt. Noch vor einem halben Jahr hatte selbst in der Partei kaum jemand damit gerechnet. Scholz aber nutzte die Chance, die er nicht hatte. Sein Glaube an sich selbst und seine Beharrlichkeit sind nun mit dem mächtigsten politischen Amt belohnt worden, das die Republik zu vergeben hat.

          Vor dem Mann, der die SPD aus der Knechtschaft der großen Koalition und dem „Mist“ der Opposition führte, verneigen sich jetzt sogar jene, die ihn nicht als Parteivorsitzenden wollten und ihm die Kanzlerkandidatur nur überließen, weil sie diese als aussichtslos ansahen. Doch wie lange wird die Wirkung des Wunders anhalten?

          Wie geschlossen steht die Koalition hinter ihrem Kanzler?

          Trotz der Harmonie und der Aufbruchstimmung, die in der Ampelkoalition nach eigener Darstellung herrschen sollen, fehlten Scholz schon bei der Kanzlerwahl mindestens 15 Stimmen. Zwar behauptet Kühnert, die Abweichler stammten nicht aus den Reihen der SPD. Aber beweisen kann er das nicht. Und auch fehlende Unterstützung von FDP und Grünen ließe schon an Tag eins die Frage aufkommen, wie geschlossen diese Koalition hinter ihrem Kanzler steht.

          Davon aber wird abhängen, ob auch Scholz „Großartiges bewegen“ kann, wie er es seiner Vorgängerin attestierte. Die Herausforderungen in der Innen- und Außenpolitik, mit denen der neue Kanzler und seine Regierung von heute an zu kämpfen haben, werden reichlich Gelegenheiten dazu bieten. Auf göttlichen Beistand baut Scholz dabei nicht, wie sein Verzicht auf die religiöse Beteuerung bei der Eidesleistung zeigte. Er ist nach Schröder erst der zweite von neun Bundeskanzlern, der ein rein weltliches Gelöbnis ablegte. Sieben seiner Ministerinnen und Minister taten es ihm gleich. In keinem Fall war man verwundert.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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