https://www.faz.net/-gpf-8ouzp

Terroranschlag in Berlin : Der Fall Anis Amri

Bilder vom Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt gingen um die Welt. Bild: dpa

Die Bilder des Terroranschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt gingen um die Welt. Auch weil die Aufarbeitung um den mutmaßlichen Attentäter Anis Amri stockt, bleibt ein Gefühl der Verwundbarkeit.

          1 Min.

          Die „Erkenntnisse“ über den Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, die die Bundesanwaltschaft am Donnerstagnachmittag und damit zehn Tage nach dem Attentat und sechs nach dem Tod des (mutmaßlichen) Attentäters Anis Amri mitteilen konnte, waren vor allem eines: dürftig. Nicht, dass es Aufgabe der Ermittlungsbehörden wäre, die Öffentlichkeit in Echtzeit an den Bemühungen teilhaben zu lassen, die Hintergründe der Tat und des Täters auszuleuchten. Aber es stärkt nicht das Vertrauen in die Organe der Strafverfolgung, wenn Informationen über den Täter, die für die Öffentlichkeit relevant und offenbar längst aktenkundig sind, auf anderen Pfaden ihren Weg in die Nachrichten finden als mittels amtlicher Kommunikation – die Kölner Silvesternacht lässt grüßen.

          Denn auch noch so dürftige Informationen wie die, dass das Selbstbezichtigungsvideo Amris, das vom IS verbreitet wurde, echt sei, werfen mehr Fragen auf, als dass sie Antworten geben. Mag das Kalifat, das der IS im Jahr 2014 ausgerufen hat, womöglich schon bald wieder vom Erdboden verschwunden sein, die salafistische Lesart des Islams ist nicht nur älter als der IS, sie wird ihn auch überdauern. Und damit auch die islamistische Terrorgefahr, die sich aus dieser radikalen Interpretation speist.

          Dabei ist es vom Ergebnis her gleich, welchen Ausgang der wissenschaftliche Disput darüber nimmt, ob der Salafismus nur dazu dient, eine vorhandene nihilistische Radikalität zu „islamisieren“, oder ob die apokalyptischen Dichotomien des salafistischen Weltbildes erst jene tödlichen Energien freisetzen, mit denen Dschihadisten in Paris, Nizza, Ansbach oder Berlin wahllos morden. Fest steht nur, dass offene Gesellschaften eine ins Unendliche gehende Zahl „weicher“ Ziele bieten, für die ein absoluter Schutz nicht möglich ist. Umso wichtiger ist all das, was sich unter dem unanschaulichen Wort „Prävention“ zusammenfassen lässt. Der Fall Amri etwa zeigt in seltener Anschaulichkeit, wie dicht geknüpft das Netz von Anlaufstellen ist, zwischen denen sich ein „Gefährder“ in Deutschland bewegen kann. Dass es Moscheen oder Gebetsräume sind, sollte zu allererst die friedliebenden Muslime aufstören. Im Namen ihres Gottes werden Menschen ohne Ansehen von Hautfarbe und Religion massakriert. Das ist nicht nur ein Zivilisationsbruch. Es ist auch ein Bruch mit allem, was der Prophet gelehrt hat.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Weitere Themen

          Aufbruchstimmung passé Video-Seite öffnen

          Tunesien in politischer Krise : Aufbruchstimmung passé

          Das Musterland des Arabischen Frühlings befindet sich in einer kritischen Lage. Viele Tunesier erleben ihre Situation heute sogar schlechter als während der autoritären Herrschaft bis 2011. Die Krise gilt jedoch als hausgemacht.

          Topmeldungen

          Spitzen mit den drei Corona-Impfstoffen von AstraZeneca, BioNTech/Pfozer und Moderna.

          Zu viel Impfstoff : Schrei vor Glück oder schick’s zurück

          Die Länder schicken dem Bund Unmengen des Impfstoffs von AstraZeneca zurück. Sie sehen keine Chance, dass ihn noch jemand will. Die Regierung plant, das Mittel zu exportieren – und einen Teil davon selbst zu behalten.

          Flutwarnung in Ahrweiler : Warum wurde nicht evakuiert?

          Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn die Verantwortlichen im Kreis Ahrweiler früher gehandelt hätten. Der rheinland-pfälzische Innenminister verspricht, den Katastrophen-Abend aufzuklären.
          Mit ihr ist nicht zu spaßen: Scarlett Johansson als „Black Widow“

          Johansson verklagt Disney : Die Rächerin

          Scarlett Johansson hat den Disneykonzern verklagt. Worum geht es der „Black-Widow“-Superheldin? Um Geld, das der Konzern im Kino nicht verdienen will.

          Aufruhr im Schwimmen : Zurück im Doping-Sumpf

          Ryan Murphy wird von Jewgeni Rylow geschlagen. Der Amerikaner spricht im Anschluss von einem Rennen, das „wahrscheinlich nicht sauber“ war – und wird vom Olympischen Komitee Russlands als Verlierer verhöhnt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.