https://www.faz.net/-gpf-7j3h8

Österreich und Atomkraft : Ausstieg vor dem Einstieg

Das etwas andere Ausflugslokal: Das nie in Betrieb genommene Kraftwerk in Zwentendorf Bild: IMAGO

Vor 35 Jahren entschied Österreich, sein einziges Atomkraftwerk nie einzuschalten. Heute ist Zwentendorf das einzige Kernkraftwerk auf der Welt, das jedermann besichtigen kann.

          Eine runde Luke zum Reaktorkern steht offen, freundlich leuchtet ein Lichtschein heraus. Hineinsteigen darf jetzt niemand. Nicht aus Sorge vor dem Strahlentod, sondern weil die Leiter steil, die Luke klein und die Besuchergruppe groß ist. Der Sicherheitsbehälter hat hier normalerweise gar keine Öffnung und die ihn umgebende Kondensationskammer keine Tür. Doch in ihr gehen jetzt etwa dreißig Menschen bei dämmrigem Licht auf einem Gitterboden rund um das schwärzliche Stahlungeheuer und blicken zu offenen Rohren und überdimensionalen Duschköpfen auf. Hier käme in einem aktiven Kernkraftwerk nach Fertigstellung nie wieder jemand hinein. Hier gäbe es nur destilliertes, entionisiertes und radioaktiv hochbelastetes Wasser. Doch in diesem Reaktor hat nie eine Kernreaktion stattgefunden.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Zwentendorf ist das einzige Kernkraftwerk auf der Welt, das jedermann besichtigen kann. Man muss sich nur beim Besitzer, dem österreichischen Energieversorgungsunternehmen EVN, anmelden. Und man sollte keine Stöckelschuhe tragen. Von der Ebene 39 (im Werk gibt es keine Stockwerke, nur Höhenmeter), wo die Uranbrennstäbe mit einem Kran in den Reaktor hinabgesenkt worden wären, bis unter die Druckkammer reichen die Führungen. Mehr als 10000 Besucher kommen pro Jahr, allein am vergangenen Wochenende waren es 1400. Anlass für die „Tage der offenen Tür“ war eine Volksabstimmung vor 35 Jahren: Am 5. November 1978 entschieden die Österreicher mit der knappesten Mehrheit von einem Prozentpunkt dagegen, das fix und fertig dastehende, mit allen behördlichen Genehmigungen versehene Kraftwerk in Betrieb zu nehmen.

          Stimmung von Unverständnis geprägt

          Walter Grünstäudl ist zur Besichtigung gekommen. Er will sich einmal ansehen, wie der Meiler eigentlich funktioniert hätte. „Man hat ja nichts gewusst von dem Kraftwerk, wie das ausschaut innerlich, was da eigentlich passiert und wie das wiederverwertet worden wäre.“ Als die Volksabstimmung abgehalten wurde, war er gerade volljährig geworden. Der junge Grünstäudl hat damals mit Ja gestimmt. Die Stimmung danach war in seiner Umgebung von Unverständnis geprägt, „wieso bei uns das Kraftwerk nicht eingeschaltet wird“. Schließlich sei der Osten Österreichs, wo der Meiler steht, dafür gewesen; die Mehrheit im fernen Westen für ein Nein gab den Ausschlag. Doch jetzt, während der Führung, klingen seine Fragen eher skeptisch: Ob die Anlage wirklich nach den dreißig Jahren ihrer technisch ausgelegten Lebensdauer abgeschaltet worden wäre? Um dann weitere zehn Jahre ohne Produktion und Profit im Abklingbetrieb zu stehen? In Deutschland sei das schließlich auch nicht der Fall gewesen.

          Kernkraftwerke im Dreiländereck Österreich - Ungarn - Tschechische Republik

          Die Schaltzentrale sieht ein bisschen aus wie die Brücke von Raumschiff Enterprise: über drei Wände hinweg ganz viele Knöpfe und Schalter, Bildschirme und Messanzeigen, Lämpchen und Schaltkreise. Die vierte Wand mit der Eingangstür ist aus Panzerglas. Gewehrkugeln hätte es vielleicht standgehalten. Massivere Angriffe hat man sich nicht vorgestellt. Zwei mausgraue Telefone stehen am Platz von Käpt’n Kirk. Der in einen gelben Retro-Overall samt Überschuhen gewandete Führer erkundigt sich vorsichtshalber bei den jüngeren Besuchern, ob er erklären müsse, was eine Wählscheibe ist. Dabei ist er selbst noch ein junger Mann, als Student an der Technischen Universität Wien verdient er sich hier etwas dazu. Eines der Telefone zeigt Reste von einem roten Anstrich. Es war eine Direktleitung ins Bundeskanzleramt in Wien. „Das funktioniert auch nicht mehr“, sagt der Student bedauernd, „das habe ich schon ausprobiert.“ Es ist schwer zu sagen, was sie im Bundeskanzleramt gemacht hätten, wenn wirklich ein Anlass gewesen wäre, das rote Telefon zu benutzen. Aber gewiss ist, dass der damalige Kanzler ein höchstes Interesse an der Sache gehabt hat. Es war Bruno Kreisky, der Übervater der österreichischen Sozialdemokratie, eine Ikone wie in Deutschland Willy Brandt.

          Weitere Themen

          Kurz und der Reißwolf

          Datenträger geschreddert : Kurz und der Reißwolf

          Der damalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz ließ nach dem Platzen der Koalition mit der rechten FPÖ durch einen Mitarbeiter inkognito Daten vernichten. Warum?

          Frankreich ratifiziert Freihandelsabkommen Video-Seite öffnen

          EU mit Kanada : Frankreich ratifiziert Freihandelsabkommen

          Das Abstimmungsergebnis fiel am Dienstag aber, mit 266 Stimmen dafür und 213 dagegen, knapper aus, als gedacht. Die deutsche Wirtschaft würdigte das Votum als wichtigen Meilenstein.

          Jeder Riegel eine Spende

          Start-up Share : Jeder Riegel eine Spende

          Sebastian Stricker wurde vom Berater zum Entwicklungshelfer – und gründete dann ein Unternehmen, das Konsum und Hilfe für Menschen in Not vereinen soll. Das gelingt dank mächtiger Partner.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.