https://www.faz.net/-gpf-7mx8a

Obamas Warnung : Lautes Säbelrasseln

In Washington hat Präsident Obama Moskau vor einer offenen militärischen Intervention gewarnt. Ein Eingreifen würde einen hohen Preis nach sich ziehen. Putin weiß, dass Amerika andere Konflikte ohne russische Mitwirkung schwerlich regeln kann.

          Die Warnungen, dass die Vorgänge in der Ukraine und die Haltung Russlands eine geopolitische Großkrise heraufbeschwören könnten, scheinen sich leider zu bewahrheiten. Der Schauplatz ist die Krim mit ihrer mehrheitlich russophilen beziehungsweise russischen Bevölkerung und der großen Militärbasis Moskaus. Militärbewegungen, gestörte Kommunikationsverbindungen, Sperrung des Luftraums und jetzt auch ein höchst alarmierter amerikanischer Präsident - das sind die Begleitumstände eines Ost-West-Konflikts, wie man ihn schon lange nicht mehr erlebt hat.

          In der Brisanz und in seiner Tragweite stellt er den Georgien-Krieg vom Sommer 2008 weit in den Schatten. Und das liegt vor allem daran, dass die Ukraine, dieses große Land an der Schnittstelle mehrerer Einflusszonen, für die Pläne der Moskauer Führung unerlässlich ist - zudem spielt es in der historischen Wahrnehmung Russlands eine zentrale Rolle. Dass nun nach dem Umsturz in Kiew eine neue Führung sich auf den Weg nach „Europa“, nach Westen machen will, kommt so, wie nicht nur der russische Präsident Putin das sieht, einer schweren Niederlage gleich.

          Politik der Destabilisierung

          Ohne die Ukraine gibt es keine Eurasische Union; die neoimperialen Träume Moskaus wären nur noch halb soviel wert oder wären ganz ausgeträumt. Deswegen betreibt Moskau eine Politik der Destabilisierung, nachdem es schon nicht gelungen war, das diskreditierte, kleptokratische und rücksichtslose Regime Janukowitsch an der Macht zu halten.

          In Washington hat nun Präsident Obama Moskau vor einer offenen militärischen Intervention gewarnt. Ein solches Eingreifen würde einen hohen Preis nach sich ziehen. Wie hoch der letztlich sein würde, sei mal dahingestellt. Schließlich weiß Putin, dass die Vereinigten Staaten und andere westliche Ländern zum Beispiel den Atom-Konflikt mit Iran ohne russische Mitwirkung schwerlich regeln können. Aber die Einlassung Obamas kommt einem weiteren, einem letzten Eingeständnis gleich, dass seine Politik eines Neubeginns in den amerikanisch-russischen Beziehungen gescheitert ist - weil er sich Illusionen über die Ziele und Triebkräfte der russischen Politik und über den Charakter ihres Führungspersonals gemacht hat, weil er einen naiven Optimismus an den Tag gelegt hat. Der rächt sich jetzt, so wie er sich schon bei anderer Gelegenheit gerächt hat. Griffe Moskau unter einem Vorwand militärisch in der Ukraine ein, so hätte das natürlich keine Reaktion des Westens, also der Nato zur Folge.

          Russlands Sympathisantenkreis

          Aber die politischen Konsequenzen wären nicht gering. Und selbst diejenigen, welche die russische Führung noch wohlmeinend betrachten, könnten dann nicht mehr so tun, als wüssten sie nicht, mit wem sie es zu tun haben. Überhaupt: Es sind weiß Gott nicht die besten Adressen, die zu Russlands Sympathisantenkreis gehören: brutale Diktatoren, autoritäre Herrscher. Liberale Demokraten, erfolgreiche Modernisierer? Mehr oder weniger Fehlanzeige.

          Putin scheint das nicht zu stören - auch das verrät, wessen Geistes Kind er ist. Russland will nicht, dass die Ukraine sich aus seiner Einflusszone verabschiedet, dass sie sich seinem Zugriff entwindet. Denn dann wäre es ziemlich alleine. Und Moskau, das ohnehin einer weniger hellen Zukunft als Petrogroßmacht entgegenblickt, müsste fürchten, dass, fände die Ukraine wieder festen Tritt, die neue Ordnung im Nachbarland auf die eigene Bevölkerung ausstrahlte.

          Das ist der wahre Grund, warum Putin so mit dem Säbel rasselt. Vermutlich haben nicht viele gedacht, dass die Krim zum Schauplatz einer geopolitischen Konfrontation im 21. Jahrhundert werden würde. Aber genau so sieht es aus.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Europäisches Tandem: Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian (links) und sein deutscher Amtskollege Heiko Maas am Mittwoch in Paris

          Plan wider die Lähmung : So wollen Maas und Le Drian Europa stärken

          Das deutsch-französische Tandem stockt. Die Außenministerien in Berlin und Paris haben hinter den Kulissen ein Programm entwickelt, wie es künftig besser laufen kann – und Europa handlungsfähiger werden soll.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.