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Obama in Tucson : Innehalten in Amerika

Bild: reuters

Barack Obamas große, empathische Trauerrede ist auch eine politische Rede gewesen. Sie ruft Amerika zur Versöhnung mit sich selbst auf.

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          Nach der Verfassung ist der amerikanische Präsident Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberkommandierender der Streitkräfte (und, in der Erwartung der Leute, auch der Herr über die Wirtschaft). In der politischen Folklore ist er Ersatzmonarch und, wenn Furchtbares geschieht, soll er die Nation trösten und einen. In der Trauerfeier für die Opfer von Tucson hat der Präsident einer aufgewühlten, zerrissenen Nation Trost gespendet; Obama zeigte eine Seite, die man von ihm noch nicht gesehen hat. Die Fähigkeit, Empathie auszudrücken, hatten viele Amerikaner an dem kühlen Kopfarbeiter bislang vermisst.

          Obama gedachte der Opfer, berichtete von der Abgeordneten Giffords und würdigte den Mut derer, die am Samstag noch Schlimmeres verhindert hatten. Noch wichtiger war der Nachdruck, mit dem er dazu aufrief, den Massenmord, verübt von einem geistig verwirrten Mann, nicht sofort zu politisch-ideologischen Abrechnungen und Anschuldigungen zu missbrauchen nach dem Motto: Nur der politische Gegner, der „Feind“, ist schuld an der Vergiftung des politischen Klimas.

          Aus dem Auftritt wird man Hinweise auf Obamas künftigen Regierungsstil ableiten

          Hat man, aus so einem Anlass, je eine ähnlich schonungslose Beschreibung der politischen Psyche einer Gesellschaft gehört? Amerika ist so gespalten, dass ein besonnener Diskurs nicht möglich ist. Der Präsident hat nicht Amerikas Größe beschworen, sondern dessen inneren Zustand offengelegt. Versöhnung, Heilung, Mäßigung - der Appell richtet sich an das Land und seine politische Klasse, nicht nur an eine Partei und deren publizistische Verstärker.

          Es war dieser Appell zur Zivilisierung der politischen Auseinandersetzungen, mit dem sich Obama vor vier Jahren auf den Weg ins Weiße Haus gemacht hatte. Er wurde nicht beachtet, wurde vergessen. Vielleicht wird der auch jetzt nicht gehört; zu Optimismus bieten die vergangenen Tage eigentlich keinen Anlass. Aber in diesem Augenblick oblag es dem Präsidenten, den Parteien- und Kulturkampf nicht zu verschweigen - und damit ein Gegenprogramm aufzuzeigen. Insofern ist seine große Trauerrede auch eine politische Rede.

          Mit dem, was ein Präsident sagt und tut, verfolgt er natürlich immer eine Absicht, so sehen es Anhänger und Kritiker. Deswegen wird man aus Obamas Auftritt, zum Beispiel, Hinweise auf seinen künftigen Regierungsstil herauslesen wollen. Die Botschaft jedoch ist unmissverständlich: Sie ruft Amerika zur Versöhnung mit sich selbst auf.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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