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Nutzerdaten verkauft : Wenn der Browser uns verrät

„Sicher surfen“, verspricht der Hersteller des Add-ons „Web of Trust“. Bild: dpa

Die populäre Software „Web of Trust“ verspricht Sicherheit im Netz – und soll persönliche Nutzerdaten unzureichend anonymisiert verkauft haben. Anhänger wenden sich enttäuscht ab.

          Dieser Name ist womöglich nur Schall und Rauch: „Web of Trust“ (Netz des Vertrauens) heißt eine weltweit beliebte Browser-Erweiterung. Deren Ziel sei es, „Ihre persönliche Online-Sicherheit zu erhöhen“, verspricht der finnische Hersteller. Doch das Gegenteil könnte der Fall sein. Eine Recherche des NDR zeigt, dass die im Hintergrund erhobenen Daten nur unzureichend anonymisiert und dann verkauft werden. Aus ihnen lassen sich demnach intime Details über die Surfgewohnheiten und das Leben von Millionen Nutzern rekonstruieren.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Web of Trust (WOT) wird als Erweiterung (Add-on) für alle gängigen Browser wie Firefox, Chrome, Safari oder Internet Explorer angeboten. Dahinter steht die Idee, dass Netznutzer die Vertrauenswürdigkeit von Websites beurteilen und zugleich von den Beurteilungen anderer profitieren sollen. Aus allen abgegebenen Bewertungen errechnet die Software einen Vertrauensstatus, der zum Beispiel in einer Google-Suche angezeigt wird. Dort tauchen neben den Suchergebnissen farbige Kreise von dunkelgrün (sehr vertrauenswürdig) über gelb (unbefriedigend) bis dunkelrot (sehr schlecht) auf. So könne jeder Nutzer selbst entscheiden, ob er eine Website ansteuert. „Finden Sie sofort heraus, welchen Websites Sie vertrauen können“, wirbt der Hersteller. „Helfen Sie, das Internet zu einem sichereren Platz für uns alle zu machen.“ Mehr als 140 Millionen Mal wurde die Software nach Unternehmensangaben bereits heruntergeladen, namhafte Computermagazine haben sie empfohlen.

          Shoppen und Pornos gucken

          Einmal installiert, übermittelt das Programm im Hintergrund Daten zum Surfverhalten an einen Server im Ausland, wo ein Profil erstellt wird. Es beinhaltet etwa die aufgerufenen Websites, Datum und Uhrzeit, die IP-Adresse und den Ort. Jedem Nutzer wird ein Identifizierungsmerkmal hinzugefügt. In den Datenschutzbestimmungen weist die finnische Firma ausdrücklich darauf hin; allerdings behauptet sie auch, dass die Profile anonymisiert würden, bevor man sie an Dritte weitergebe. Doch die Reporter des NDR, die sich über eine Tarnfirma als potentielle Kunden ausgaben, konnten aus einem angebotenen Probedatensatz mehr als 50 Internetnutzer persönlich identifizieren. In den Protokollen der aufgerufenen Websites fanden sie E-Mail-Adressen, Anmeldenamen oder Bankdaten. Schließlich konnten sie Rückschlüsse auf Krankheiten, sexuelle Vorlieben und Drogenkonsum ziehen. In einem Fall ließen sich sogar Details zu Ermittlungen eines Polizisten rekonstruieren. Ein Richter soll nach einer neuen Robe gesucht und zwischendrin Gewalt-Pornos angeschaut haben. Gelangen solche Daten in die Hände von Kriminellen, könnten sie die Betroffenen womöglich erpressen.

          Datenschützer weisen darauf hin, dass auch zahlreiche andere Browser-Erweiterungen Daten sammeln, die ihre Hersteller dann verkaufen. Womöglich ist es auch dort schlecht um die Anonymisierung bestellt. Das schmälert aber nicht die Brisanz, die der Fall WOT offenbart – im Gegenteil. Dass Sammlung und Verkauf der Daten dort auch noch als Gewinn an Sicherheit ausgegeben werden, nannte der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar im NDR „perfide“.

          Im Netz machen wütende WOT-Anwender ihrer Enttäuschung Luft. „Ein Desaster für jeden, der Privatsphäre schätzt“, heißt es auf Mozillas Add-on-Seite. „Leider wird die gute Idee durch Datenverkauf an Dritte zerstört“, schreibt ein anderer. Und: „Web of TRUST? LOL“. Das Unternehmen allerdings äußert sich bislang überhaupt nicht zu den Vorwürfen. Presseanfragen bleiben unbeantwortet, auch auf der eigenen Website herrscht eisernes Schweigen. An Eigenlob mangelt es dort jedoch nicht. „Eine Milliarde Bedrohungen“ habe die Software dank der fast eine Millionen aktiven Anwender schon verhindern können, reklamiert der Hersteller. Doch gerade der Fall „Web of Trust“ nährt Zweifel an dem Ansatz, Internet-Nutzer massenweise über die Sicherheit von Websites abstimmen zu lassen. Denn um zu einem soliden Urteil zu gelangen, ist schon einiges Fachwissen erforderlich, das die meisten von ihnen gar nicht besitzen. Auch dem „Web of Trust“ vertrauten schließlich Millionen.

          UPDATE: Am Abend äußerte sich die Herstellerfirma gegenüber der F.A.Z. Die Datensammlung sei in den Datenschutzbestimmungen offengelegt worden, heißt es. Und weiter: „Wenn es Fälle gegeben haben sollte, in denen Informationen nicht hinreichend anonymisiert und geschützt worden sein sollten, werden wir diese selbstverständlich untersuchen und, falls notwendig, Maßnahmen ergreifen, um einen adäquaten Schutz unserer Nutzer sicherzustellen.“

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