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Neue Aussage im NSU-Prozess : Wohlleben bestreitet Beschaffung der Tatwaffe

  • Aktualisiert am

Ralf Wohlleben Bild: dpa

Nach Beate Zschäpe hat im NSU-Prozess nun auch Ralf Wohlleben sein Schweigen gebrochen. Als Schlüsselfigur hinter dem rechtsextremen Terrortrio sieht sich der frühere NPD-Funktionär nicht.

          Im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München hat nach Beate Zschäpe auch der Mit-Angeklagte Ralf Wohlleben sein Schweigen gebrochen und eine umfassende Aussage zu dem Tatvorwurf der Beihilfe zum Mord gemacht. Anders als Zschäpe ließ der frühere NPD-Funktionär jedoch seine Aussage nicht von seiner Anwältin verlesen, sondern trug seine Erklärung persönlich vor.

          Wohlleben erhob in seiner Aussage Vorwürfe gegen die Behörden. Es sei ihm unerfindlich, warum der Staat die drei untergetauchten mutmaßlichen Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) nicht aufgespürt habe, sagte Wohlleben. Schon mit Blick auf die ersten Jahre nach dem Untertauchen der drei NSU-Mitglieder Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe 1998 sagte er, hätte man sie finden wollen, wäre das seiner Meinung nach mit Hilfe des rechtsextremen Aktivisten Tino Brandt möglich gewesen. Brandt war damals gut bezahlter V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

          Wohlleben bestritt zuvor, die Mordwaffe für den NSU beschafft zu haben. Den von der Bundesanwaltschaft erhobenen Vorwurf der Beihilfe zum Mord wies er zurück.

          Er habe auch nichts von der Gewaltbereitschaft seiner damaligen Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gewusst. Die beiden NSU-Mitglieder, die sich ihrer Festnahme durch Suizid entzogen hatten, sollen laut Anklage die zehn Morde begangen haben. 

          Das Verhalten der beiden habe keinen Anlass gegeben, zu vermuten, dass sie mal schwere Straftaten begehen würden, sagte Wohlleben. Er gestand aber ein, nach dem Untertauchen des NSU-Trios - Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe - Kontakt zu den dreien gehabt zu haben. Es sei zu mehreren Telefonaten gekommen. In einer Wohnung in Chemnitz habe er sie dann zum ersten Mal wiedergetroffen. Später sei es zu weiteren Treffen gekommen.

          Wohlleben berichtete auch ausführlich, wie sich die rechtsextreme Szene in den neunziger Jahren in Jena formierte. Damals habe er Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt kennengelernt, sagte der 40 Jahre alte Angeklagte

          Mit Zschäpe habe man gut und lange reden können. Sie sei schlagfertig, witzig und ihm sehr sympathisch gewesen. Eine Schlüsselrolle bei der Formierung der verschiedenen Gruppierungen - insbesondere des „Thüringer Heimatschutzes“ - sprach Wohlleben Tino Brandt zu, der damals V-Mann des Verfassungsschutzes war.

          Wohlleben sagte, er habe schon Mitte der neunziger Jahre nichts gegen Ausländer gehabt - sondern gegen die Politik, die den Zuzug von Ausländern fördere. In Frankfurt am Main habe er damals den Eindruck gehabt, dass es da Stadtviertel gebe, in denen keine Deutschen mehr lebte. Das habe er nicht für Jena gewollt, argumentierte Wohlleben.

          Der Angeklagte sagte zu Beginn seiner Aussage, er habe den Weg einer schriftlich vorformulierten Erklärung gewählt, weil er wegen der langen Untersuchungshaft an erheblichen Konzentrations- und Wortfindungsstörungen leide. Dann berichtete der 40 Jahre alte Angeklagte ausführlich von seinem persönlichen und politischen Werdegang.

          Nach Mauerfall und Wiedervereinigung habe er versucht, mit den neuen Verhältnissen zurechtzukommen. „Da ich schon immer einen großen Nationalstolz verspürte, der integraler Bestandteil der DDR-Erziehung war, sah ich keinen Grund, den abzulegen“, erklärte er. In den Folgejahren habe er zunehmend rechtsextreme Veranstaltungen, Konzerte, Stammtische und Demonstrationen besucht.

          Dann trat Wohlleben nach eigener Aussage in die NPD ein - wobei ihm Tino Brandt einen Mitgliedsantrag unter die Nase gehalten habe.

          Den Angehörigen der Opfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ sprach Wohlleben sein Mitgefühl aus. „Ich bedaure jede Gewalttat“, sagte er am Ende seiner Aussage vor dem Münchner Oberlandesgericht. Er fügte hinzu: „Den Angehörigen der Opfer gilt mein Mitgefühl.“

          „Seine Aussage ist ein Akt der Notwehr gegen Lügen und Unterstellungen“, hatte seine Verteidigerin Nicole Schneiders vor der Aussage ihres Mandanten gesagt. Wohlleben gilt der Bundesanwaltschaft als „steuernde Zentralfigur“ hinter der NSU-Terrorgruppe.

          Die Hauptangeklagte Zschäpe hatte am Mittwoch vergangener Woche in ihrer Aussage jede Beteiligung an den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen des NSU bestritten. Die Schuld für die Taten hatte sie allein ihren toten Freunden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zugeschoben.

          Die Bundesanwaltschaft bezeichnet die Hauptangeklagte Beate Zschäpe als einziges überlebendes Mitglied der Gruppe. Sie hatte in der vergangenen Woche von ihrem Anwalt eine ausführliche Erklärung verlesen lassen und darin jede Beteiligung an den Morden  bestritten.

          Ihre Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten die Taten allein begangen und ihr jeweils erst im Nachhinein davon berichtet, ließ Zschäpe von ihrem Verteidiger erklären. Sie hatte ausdrücklich ausgeschlossen, über ihre mutmaßlichen Helfer Ralf Wohlleben und André E. auszusagen.

          Den Ermittlungen zufolge ermordete die Gruppe binnen zehn Jahren neun Männer griechischer und türkischer Abstammung sowie eine Polizistin. Außerdem sollen die Extremisten Bombenanschläge und Raubüberfälle begangen haben.

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