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NSU-Prozess : Zwei Männer in Radlerhosen

Am Absperrgitter vor dem Oberlandesgericht München am 7. Mai: „In Erinnerung an Enver Simsek“ Bild: dpa

Auch der Mord an Enver Şimşek im September 2000 wird den Terroristen des NSU zugeschrieben. Der Blumenhändler wurde hinterrücks erschossen. Zeugen sahen zwei Männer in Radlerhosen am Tatort.

          2 Min.

          Die Kunden warteten. Es war ein sonniger Samstagnachmittag Anfang September, Zeit, um an dem mobilen Blumenstand an der Straße noch schnell einen Strauß zu kaufen. Doch der Blumenverkäufer war nirgendwo zu sehen - nur Gerbera und Gladiolen in ihren mit Wasser gefüllten Kübeln und der weiße Lieferwagen mit der roten Aufschrift „Şimşek Blumen“. Zwei Kunden fuhren unverrichteter Dinge wieder weg. Ein Kunde wartete weiter auf den Verkäufer. Er schaute hinter dem Lieferwagen und im angrenzenden Waldstück nach. Er sah niemanden - dann rief er die Polizei.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Etwa zwei Stunden zuvor war Günther B. an diesem 9. September 2000 um 12.45 Uhr mit seinem Sohn in Nürnberg auf der vielbefahrenen Verbindungsstraße entlanggefahren, die zwischen den Stadtteilen Altenfurt und Langwasser liegt. Es war sonnig und warm, sie hatten die Autofenster geöffnet. Plötzlich hörten sie drei, vier metallische Schläge vom Straßenrand her. Günther B. blickte zur linken Seite, dort sah er ein paar Blumenkübel und einen Lieferwagen. „Ich sah zwei Männer schnell von dem Lieferwagen weggehen. Sie sind nicht gerannt, gingen aber sehr schnell. Sie waren groß und trugen Radlerkleidung. Einer hatte eine Baseballkappe auf.“ Die Männer, die Günther B. am Mittwoch als Zeuge im NSU-Prozess beschrieb, könnten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gewesen sein, denen die Bundesanwaltschaft den Mord an Enver Şimşek zuschreibt. Es war der erste von zehn Morden.

          Das Opfer in seinem Blut fotografiert

          Vor 13 Jahren, während seiner polizeilichen Vernehmung, konnte sich Günther B. an deutlich mehr Details erinnern: Damals sagte er, wie der Vorsitzende Richter ihm vorhält, dass er einen Mann gesehen habe, der noch mit einem Bein auf dem Trittbrett des Lieferwagens gestanden und mit dem rechten Arm eine Bewegung ins Innere des Transporters gemacht habe. Durch die geöffnete Schiebetür habe er auch noch eine weitere Person gesehen. Die erste Version scheint die plausiblere zu sein, denn es ist kaum anzunehmen, dass Günther B. Schüsse und Wegrennen im Vorbeifahren nahezu gleichzeitig wahrgenommen hat. Auch sein Sohn, der sich am Mittwoch ebenfalls nur an „Männer, die weglaufen“ erinnern will, hatte damals Ähnliches zu Protokoll gegeben: Ein Mann habe vor der geöffneten Tür des Lieferwagens gestanden und mit dem rechten Arm in den Wagen „hineingelangt“.

          Nebenklägerin Adile Şimşek, die Frau des Opfers, in der ersten Verhandlung im NSU-Prozess
          Nebenklägerin Adile Şimşek, die Frau des Opfers, in der ersten Verhandlung im NSU-Prozess : Bild: AP

          Şimşek wurde in seinem Blut liegend von den Tätern fotografiert - die Fotos sind in dem Selbstbezichtigungsfilm der Terrorgruppe zu sehen. War das Fotografieren die Bewegung mit dem rechten Arm, welche die Zeugen bei der Polizei geschildert haben? Oder wurde noch weiter geschossen? Gegen 13 Uhr haben nach Ansicht der Bundesanwaltschaft Böhnhardt und Mundlos dem Blumenhändler mehrfach in den Kopf, in den Oberkörper und in einen Arm geschossen. Es sei das erste Mal gewesen, dass sie eine Pistole der Marke Ceská, Model 83, mit aufgesetztem Schalldämpfer verwendet hätten, heißt es in der Anklageschrift. Geschossen wurde auf Şimşek demnach jedoch auch mit einer Pistole des Herstellers Bruni. Am Mittwoch sagte ein Kriminalbeamter der Polizei Nürnberg aus, dass im Lieferwagen insgesamt sechs Hülsen gefunden wurden: vier Hülsen vom Kaliber 7.65 und zwei vom Kaliber 6.35.

          Semiya und Kerim Şimşek in einer Verhandlungspause: Für die Angehörigen der Opfer ist der NSU-Prozess eine große Belastung.
          Semiya und Kerim Şimşek in einer Verhandlungspause: Für die Angehörigen der Opfer ist der NSU-Prozess eine große Belastung. : Bild: dpa

          Der Kunde, der damals die Polizei zum Blumenstand rief, ist Rettungssanitäter. Zusammen mit der Polizei fand er Şimşek noch lebend im Wagen vor und versorgte ihn medizinisch, wie er am Mittwoch aussagte. Doch Şimşek erlag zwei Tage später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Ihn verband vor allem eines mit den weiteren Opfern - völlige Arg- und Wehrlosigkeit. Offenbar sortierte er gerade Blumen in seinem Laderaum, als die beiden Männer an die geöffnete Schiebetür des Lieferwagens herantraten und auf ihn schossen.

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