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NSU-Prozess : „Wir machen schon keinen Scheiß’ damit, Holger“

Der Angeklagte Holger G. am Donnerstag im Münchner Gerichtssaal Bild: dpa

Mit der Hilfe von Holger G. konnten die Terroristen des NSU ihre wahre Identität verschleiern. Vor Gericht spricht der Angeklagte von „Freundschaftsdiensten“.

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          Er könne sich durchaus vorstellen, dass der Vorsitzende Richter einige Fragen an seinen Mandanten habe, sagt der Verteidiger von Holger G. am Donnerstag. „Aber Herr G. wird zu diesem Zeitpunkt keine Fragen zu seiner vorbereiteten Erklärung beantworten.“ Und so bleiben die Ausführungen von Holger G. an diesem siebten Verhandlungstag unwidersprochen. G. spricht über seine Kartenspiel-Treffen mit den Mitgliedern des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) und über seine Freundschaft zu den beiden „Uwes“ – Böhnhardt und Mundlos.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Er habe sich sozial „aufgewertet“ gefühlt durch die Freundschaft mit Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe, liest Holger G. vor. Zwanzig Jahre sei er mit den „Uwes“ befreundet gewesen, er könne bis heute kaum glauben, was ihnen zur Last gelegt werde. Zwar habe es mit ihnen „theoretische“ Diskussionen über die Anwendung von Gewalt gegeben. Auch habe er gewusst, dass Uwe Böhnhardt einen „Hang zur Gewalt“ gehabt hätte und ein „Waffennarr“ gewesen sei, der über Waffen, Messer und eine Armbrust verfügt habe.

          Seinen „Freunden“, die er in seiner Erklärung immer als die „drei“ bezeichnet, habe er auch im „Untergrund“ helfen wollen – mit 3000 Mark und mit seinem Reisepass, den er Uwe Böhnhardt 2001 zur Verfügung stellte, weil beide sich ähnlich sahen. Dass der Ausweis zur Vorbereitung von Verbrechen verwendet würde, das habe er sich nicht vorstellen können. Er habe nicht bewusst eine terroristische Vereinigung unterstützt.

          Man habe sich als „Freunde“ in all den Jahren weiter getroffen. Die „drei“ seien vorbeigekommen, man habe Bier getrunken, Billard gespielt. „Wir haben uns ganz normal unterhalten.“ Dass diese Treffen den sogenannten Systemchecks dienten, habe er doch nicht ahnen können: Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft hat der NSU mit diesen Treffen die Information über den Geber ihrer falschen Identität auf den neuesten Stand bringen wollen: Jobs, Privatleben, Familie.

          „Freundschaftsdienste“

          Im Jahr 2004 habe G. sich von der rechtsextremen Szene gelöst. Seit dieser Zeit habe auch der Kontakt zu dem Trio abgenommen. Doch dann hätten sie wieder vor seiner Tür gestanden. Sie brauchten seinen Führerschein. Er habe sich aus alter Verbundenheit verpflichtet gefühlt, sagt G. „Wir machen schon keinen Scheiß’ damit, Holger, haben wir doch mit deinem Reisepass auch nicht gemacht“, hätten sie gesagt.

          Der Führerschein gehörte nach seinen Angaben zu den vielen „Freundschaftsdiensten“. So besorgte Holger G. laut seiner Erklärung von einer Bekannten eine Krankenversicherungskarte für Beate Zschäpe. Und er übergab ihnen nach seinen Angaben 2001 – was inzwischen verjährt ist – in Zwickau einen Stoffbeutel des Angeklagten Ralf Wohlleben. In dem Beutel, das habe er erst im Zug gemerkt, sei eine Waffe gewesen.

          Nach der Übergabe habe Uwe Böhnhardt die Waffe durchgeladen. Er habe sofort protestiert, was denn der „Scheiß“ mit der Waffe solle. 2011 schließlich hätte er abermals Besuch bekommen. Sie brauchten eine Verlängerung des abgelaufenen Reisepasses, falls sie in eine Kontrolle geraten würden. Hier habe er sich wohl das erste Mal „unwohl“ gefühlt. Doch die „drei“ hätten ihn in die „Zange“ genommen, Mundlos hätte ihm sogar gedroht: Falls das mit dem Pass nun aufliegen würde, dann sei „auch er dran“. Sogar die Haarschneidemaschine hätten sie schon dabei gehabt, um sein Aussehen anzupassen. Also wurde noch am gleichen Tag ein neuer Pass beantragt, der einige Wochen später abholt werden konnte.

          Schwer belastet durch die Aussagen des Mitangeklagten Holger G.: Beate Zschäpe an diesem Donnerstag im Münchner Gerichtsaal

          Er spreche den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus, hatte Holger G. zu Beginn seiner Erklärung gesagt. Als „Schutzbehauptung“ bezeichnete es Bundesanwalt Herbert Diemer nach Verhandlungsende, dass Holger G. nicht gewusst haben will, welche Art von Gruppierung er da unterstütze. Weil G. stets von den „dreien“ spricht, sieht die Bundesanwaltschaft durch G.s Aussage aber die Hauptangeklagte Beate Zschäpe belastet. „Wir sind heute ein großes Stück vorangekommen.“

          Brigitte Böhnhardt, die Mutter des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, an diesem Donnerstag vor dem in Erfurt vor dem Untersuchungsausschuss des Landtags

          Unterdessen hat die Mutter Böhnhardts vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags ihr tiefes Misstrauen gegen die Polizei geschildert. Sie glaube inzwischen nicht mehr, dass in einer 1998 durchsuchten Garage Böhnhardts wirklich Sprengstoff gefunden worden sei, sagte sie am Donnerstag vor dem Ausschuss.

          Sie bezweifelte auch, dass alles, was die Polizei bei Razzien in der Wohnung ihres Sohnes entdeckt haben will, sich tatsächlich dort befand. Böhnhardt und sein Komplize Uwe Mundlos hatten sich erschossen, als ihre Verhaftung drohte.

          Der Vermieter der mutmaßlich als Bombenwerkstatt genutzten Garage des späteren NSU-Trios will von dem Sprengstofffund 1998 nichts gewusst haben. Erst nach dem Auffliegen des Trios 2011 habe er erfahren, dass die anderthalb Kilo TNT in seiner Garage waren, sagte der Kriminalbeamte aus Jena am Donnerstag vor dem Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss.

          Er war am Morgen des 26. Januars auf der Dienststelle von der Durchsuchung wegen Sprengstoffverdachts informiert worden und habe dann den Schlüssel für eines der Schlösser geholt. Er widersprach Angaben eines anderen Jenaer Polizisten, dass er bereits vor dem Tag der Razzia zur Garage befragt worden sei.

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