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NSU-Prozess : Wie aus der Pistole geschossen

Handelte er auf eigene Initiative? NSU-Helfer Carsten S. Bild: AFP

Carsten S. stellt sich im NSU-Prozess der Befragung durch die Anwälte von Ralf Wohlleben, für den er eine der Mordwaffen besorgt haben soll. Die Wohlleben-Verteidigung zieht die Glaubwürdigkeit von S. in Zweifel - und wollen ihm einen Bruch in seinem Aussageverhalten nachweisen.

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          Was ein Schlitten sei, fragt der Verteidiger von Ralf Wohlleben. „Das ist oben auf einer Waffe drauf oder ein Wintersportgerät“, antwortet ihm Carsten S. prompt. Über Stunden hat ihn der Verteidiger von Ralf Wohlleben schon nach seinen Waffenkenntnissen gefragt: Ob er zwischen Colt und Faustfeuerwaffe unterscheiden könne, wieso er sich eine Schreckschusspistole samt Patronen gekauft habe, obwohl er sie eigentlich nur zum Raketenabschießen an Silvester genutzt habe. Carsten S. antwortet mit der Ruhe und Geduld, mit der schon zu Prozessbeginn die Fragen von Gericht und Nebenklägervertretern beantwortet hatte: „Daran habe ich keine Erinnerung mehr.“ – „Das weiß ich jetzt nicht mehr“ – „Das habe ich Ihnen doch eben schon beantwortet.“ Im Juni hatte Carsten S. es noch abgelehnt, Fragen der Verteidigung des Angeklagten Ralf Wohlleben zu beantworten. Er wolle das wegen der „Waffengleichheit“ nicht, weil Wohlleben schweige. Am Donnerstag jedoch gab er an, dass ihm Bundesanwaltschaft und Gericht nahegelegt hätten, dass es seiner Glaubwürdigkeit nutzen würde, wenn er auch deren Fragen zuließe.

          Schlechtes Erinnerungsvermögen

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Carsten S. ist ebenso wie Ralf Wohlleben der Beihilfe des Mordes an neun Personen angeklagt. Er soll laut Anklage die Waffe Ceska 83 besorgt haben, mit der neun der dem NSU zur Last gelegten Morde begangen wurden. S. hatte Wohlleben zu Prozessbeginn stark belastet, was er am Donnerstag wiederholte: Wohlleben habe ihn aufgefordert, Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe zu unterstützen. Er habe öfter mit ihnen telefoniert und den Auftrag erhalten, eine Waffe samt Munition zu besorgen. Diese habe er dann im Frühjahr 2000 an Böhnhardt und Mundlos übergeben. Das Geld dafür habe er von Wohlleben erhalten.

          „Wie hat denn diese Geldübergabe ausgesehen?“, fragt Verteidiger Olaf Klemke. „Das weiß ich nicht mehr.“ – „Und woher wissen Sie dann, dass Herr Wohlleben Ihnen das Geld gegeben hat?“ – „Ich weiß es einfach, weil ich hatte das Geld ja nicht.“ Die Fragen des Verteidigers zielen auf drei Dinge ab: Zum einen will er das schlechte Erinnerungsvermögen von Carsten S. noch einmal deutlich machen: „Erinnern Sie sich jetzt daran, oder schlussfolgern Sie nur?“, fragt Klemke immer wieder. Zum anderen will er Carsten S. als jemanden darstellen, der mehr über Waffen wisse, als er bislang zugegeben habe. Er könne somit, das sollen die Fragen nahelegen, auch auf eigene Initiative bei Beschaffung und Auswahl gewirkt haben. Das dritte Anliegen des Verteidigers ist es, Brüche in dem Aussageverhalten von S. zu offenbaren: Seine Nachfragen unterstellen, dass er nur aufgrund des Aktenstudiums oder durch Jochen Weingarten, Sitzungsvertreter der Bundesanwaltschaft, während des Ermittlungsverfahren zu bestimmten Aussagen gedrängt worden sei. „Sie sagten, Sie hätten ein Bild im Kopf, dass Herr Wohlleben einen Schalldämpfer auf die Waffe aufgeschraubt und dabei Lederhandschuhe getragen habe?“ – „Ja.“ – „Haben Sie das von sich berichtet? Oder hat nicht in Karlsruhe Herr Weingarten gezielt danach gefragt?“ – „Ja, er hat danach gefragt, mir ist dann bewusst geworden, dass da Handschuhe dabei gewesen sind.“ Und Klemke fragt weiter: Wieso habe er denn bei der angeblichen Waffenbestellung den Unterschied zwischen Colt und halbautomatischer Waffe noch in Erinnerung? „Ich habe keinen konkreten Wortlaut mehr, aber die Uwes wollten keinen Colt, sondern eine Faustfeuerwaffe.“ „Aha“, sagt Klemke.

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