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NSU-Prozess : Vater von Uwe Mundlos beschimpft Richter

Siegfried Mundlos am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht München Bild: dpa

Der Vater des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos beschimpft bei seiner Zeugenaussage im Münchner Prozess den Vorsitzenden Richter als „kleinen Klugsch...“. Trotz Bomberjacke und Rudolf-Hess-Foto auf dem Schreibtisch - „ein Fascho“ sei sein Sohn nicht gewesen.

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          Als Siegfried Mundlos morgens seinen Apfel auspackt und neben die Wasserflasche und den Plastikbecher auf den Tisch legt, wird klar, dass dieser Tag nicht ohne Konfrontation mit dem Vorsitzenden ablaufen wird. Stunden später, nachdem Mundlos während der Befragung in den Apfel gebissen und der Vorsitzende die Sitzung deshalb unterbrochen hatte, wird er ansetzen und den Vorsitzenden als „Sie kleiner Klug...“ beschimpfen.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Er kommt nicht weit, weil der Vorsitzende ihn laut in Kenntnis setzt: „Ich werde gleich Ordnungsmittel verhängen, ich warne Sie!“ Doch Siegfried Mundlos lässt sich nicht aufhalten: „Sie müssen mich Professor Mundlos nennen.“ – „Nein, das muss ich nicht Herr Dr. Mundlos.“ – „Doch das müssen Sie, ich bin durchaus berechtigt, den Titel noch zu führen.“ Es bleibt nicht bei diesem Schlagabtausch.

          „Fragen Sie doch Beate Zschäpe“, wirft Mundlos dem Vorsitzenden hin, als dieser ihn zu den Namen von inhaftierten Rechtsextremisten fragt, zu denen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe Kontakt gehabt haben sollen.

          Mundlos fordert Unschuldsvermutung für seinen Sohn

          Immer wird er vom Vorsitzenden aufgefordert, seine Zeugenrolle und die Sitzungshoheit des Vorsitzenden ernstzunehmen. Beides stellt Mundlos schon zu Beginn in Frage, als er, statt auf die Fragen des Vorsitzenden nach der Entwicklung seines Sohnes zu antworten, Forderungen stellt: Es müsse doch die Unschuldsvermutung von allen Prozessbeteiligten gewahrt werden. „Gerade die Staatsanwaltschaft sollte dies beherzigen.“

          Damit ist seine Marschrichtung klar, er wählt denselben Tenor, den schon die Aussagen von Böhnhardts Mutter hatten: Alle, Journalisten, Staatsanwälte und Jugendarbeiter, hätten seinen Sohn falsch beschrieben, der letztlich nur ein grundanständiger, aber leider naiver junger Mann gewesen sei.

          Rührend habe Uwe sich um seinen behinderten Bruder und um seine Freunde gekümmert – diese seien jedoch die Falschen gewesen. 1995, als Böhnhardt und Zschäpe nach seinen Worten jedes Wochenende Mundlos besuchten, seien diese beiden – im Gegensatz zu seinem Sohn – schon „tief in die rechte Szene verstrickt“ gewesen.

          „Er war überhaupt kein Fascho“

          Für seinen Uwe habe er jedoch Hoffnung gesehen. Schließlich sei der immer ein liebes, aufgeschlossenes Kind mit guten Noten gewesen. Und zur Wendezeit sogar eher systemkritisch: „Er war überhaupt kein Fascho, wie das alle gesagt haben.“ Danach sei er dann „irgendwie in gewaltbereite Kreise, den rechten Sektor reingerutscht“, was jedoch keinerlei Ursachen in der Familie habe.

          Uwe Mundlos habe zwar Springerstiefel und braune Hemden oder Bomberjacke getragen. „Uwe, es ist doch kein Fasching“, habe er dann gesagt. Er hätte auch ein Bild von Rudolf Hess auf dem Schreibtisch gehabt, doch es hätte doch nichts gebracht, das Bild wegzunehmen. Er und seine Freunde seien nur „junge Leute“ gewesen, die einfach zu viel Zeit gehabt hätten. So erzählt er, wie er seinen Sohn eine Leiter und Anhänger verwehrt habe, als Uwe wieder „Plakate kleben wollte“. „Lass doch den Quatsch“, habe er dann zu Uwe gesagt.

          „Beate hätte ich der Szene nicht zugerechnet“

          Nach Schulzeit und Lehre als Datenverarbeitungskaufmann kam 1994 die Bundeswehr, danach besuchte Uwe Mundlos das Thüringenkolleg, um dort das Abitur nachzuholen. Zschäpe hatte er schon 1992 kennengelernt. Zwei Jahre waren die beiden ein Paar, Mundlos zog, kaum zwanzig Jahre alt, sofort bei ihr ein, obwohl sie auch noch bei ihrer Mutter wohnte. „Beate hätte ich zuerst gar nicht der Szene zugerechnet. Sie war eher ein Mädchen, das Klamotten mochte und gerne in die Diskothek ging.“

          Angeblich habe sich Zschäpe an der Kleidung von Uwe Mundlos gestört. „Sie sagte zu ihm, bevor sie loszogen: ‚Zieh dir doch was anderes an, das gibt sonst nur Ärger.‘“ 1994, nach dem Bundeswehrdienst, stand plötzlich wieder Uwes Rucksack in der elterlichen Wohnung. „Beate hat jetzt einen neuen Freund“, habe Uwe nur gesagt. Was jedoch der alten Freundschaft zwischen ihm und dem anderen Uwe keinen Abbruch tat. Die drei blieben weiterhin befreundet.

          Uwe Böhnhardt - „gefährlich und gewalttätig“

          Über Böhnhardt, ein „Problemkind“, hat Siegfried Mundlos nichts Gutes zu berichten. Angeblich hätten ihm schon in den neunziger Jahren Freunde seines Sohnes aus der rechtsextremen Szene Böhnhardt als „gefährlich und gewalttätig“ und als „Psychopathen“ beschrieben. Sein Sohn solle aufpassen, dass er nicht irgendwann ein Messer von Böhnhardt verpasst bekomme. Warum er seinen Sohn nicht darauf angesprochen habe, will der Vorsitzende Richter wissen, was Mundlos dazu bringt, ihn fast als „Klugscheißer“ zu beleidigen. Er beantwortet die Frage dann damit, dass er nicht über alles mit seinem Sohn rede, was ihm dessen Freunde erzählten. Sein Sohn, so Mundlos, habe immer die „Amme“ von Böhnhardt spielen müssen, wenn dieser „Scheiße“ gebaut habe.

          Er habe viel versucht, sagt Siegfried Mundlos und meint damit, dass er die „jungen Leute“ am Wochenende oft zu einem Tagebausee oder zum Campingurlaub gefahren habe. „Damit sie mal raus sind aus der Stadt und nicht auf dumme Gedanken kommen.“ Mundlos wiederholt die Anschuldigungen, die er schon in den Untersuchungsausschüssen vorgebracht hatte: Die Eltern von Böhnhardt hätten ihm nach der Flucht 1998 den telefonischen Kontakt zu seinem Sohn verwehrt, obwohl nach deren Angaben die drei „bei Verwandten in Mecklenburg auf dem Lande“ untergekommen seien. Letztendlich habe der Verfassungsschutz dafür gesorgt, dass Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos nicht gefunden wurden. An die Angehörigen der Opfer gewandt, sagte er, dass er mit ihnen fühle und hoffe, dass aufgeklärt werde, was hinter der „Sauerei“ stecke – vor allem, welche Rolle der Verfassungsschutz gehabt habe.

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