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NSU-Prozess : Richter Götzl bleibt sich treu

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl (Mitte) und sein Staatsschutzsenat Anfang August im Gerichtssaal in München Bild: dpa

Im Frühsommer wurde Richter Manfred Götzl für den Streit über Presseplätze verantwortlich gemacht. Mittlerweile hat er sich Respekt verschafft - und ein paar Kritiker „weggegötzlt“.

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          Wegen seiner Sturheit im Streit um die Presseplätze im NSU-Prozess wurde der Vorsitzende Richter, Manfred Götzl, vor Prozessbeginn als „Autist in Richterrobe“, als „unbelehrbar und weltfremd“ bezeichnet. Ein „Mann wie ein Paragraph“, dem „Fingerspitzengefühl und Empathie“ fehlten, der es geschafft habe, das Oberlandesgericht München vor dem ersten Verhandlungstag in Misskredit zu bringen. Nach 32 Prozesstagen in drei Monaten sind alle Seiten voll des Lobes für den Vorsitzenden Richter. „Das Klima ist insgesamt nicht konfrontativ“, so die Bilanz der Bundesanwaltschaft. „Götzl ist ein Ausbund an Gründlichkeit“, sagt der Verteidiger des Mitangeklagten Holger G., Stefan Hachmeister. Er habe das komplexe, umfangreiche Verfahren in geordnete Bahnen gebracht, heißt es von Seiten der Nebenklagevertreter.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Die Meinung über Richter Götzl hat sich um 180 Grad gedreht. Götzl selbst ist sich treu geblieben. Das Chaos zu Anfang des NSU-Prozesses trägt genauso seine Handschrift wie die ruhige Arbeitsatmosphäre, die nach den ersten Verhandlungstagen im Saal 101 des Münchner Justizzentrums eingekehrt ist. Götzl ist kein Januskopf mit einer aufbrausenden und einer besonnenen Seite. Der Vorsitzende Richter am Oberlandesgericht München hat Vertrauen in sein Können, das lässt er sein Umfeld spüren. Widerspruch und Kritik kann er nicht leiden, das lässt er alle noch deutlicher spüren. Es hat nur wenige Tage gedauert, bis er diese Erkenntnis allen rund 70 Juristen im Gerichtssaal beigebracht hatte.

          280.000 Seiten im Kopf

          In den ersten 32 Verhandlungstagen haben Götzls sieben Kollegen auf der Richterbank - alle sind Berufsrichter - kaum je das Wort ergriffen. Götzl belehrt die Angeklagten, Zeugen und Sachverständigen. Er fragt präzise und hakt nach. Wenn sich ein Zeuge nicht mehr genau erinnert, liest er ihm vor, was er zuvor gegenüber der Polizei ausgesagt hatte. Götzls Aktenkenntnis ist beeindruckend. Er hat den Prozessstoff, der etwa 280.000 Seiten umfasst, bis ins Detail parat. Bei Prozessen eines solchen Ausmaßes werden die Tatkomplexe zuweilen unter den Richtern aufgeteilt. Das ist unter Götzls Führung unvorstellbar.

          Auch wenn Bundesanwälte, Verteidiger und Nebenklagevertreter an der Reihe sind, Fragen zu stellen, behält Götzl die Verhandlungsführung fest in der Hand. Jede Seite, selbst die Bundesanwaltschaft, hat er schon gerügt - „weggegötzlt“ nennen das manche. Die Verteidiger von Beate Zschäpe, die zu Anfang des Prozesses sehr selbstbewusst ihre Anträge präsentierten, hat sich Götzl regelrecht erzogen. Inzwischen blicken Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl fast ehrfürchtig auf den über ihnen thronenden Richter Götzl.

          Nie auf Diskussionen eingelassen

          Das hat Götzl erreicht, indem er sich nie auf Diskussionen eingelassen hat. In der zweiten Prozesswoche wollte Heer unbedingt eine Frage an den Angeklagten Carsten S. stellen, Götzl erteilte ihm aber nicht das Wort. Einige Nebenkläger lachten. „Es geht nicht an, dass hier gelacht wird“, sagte Heer daraufhin. Sein Kollege Stahl sekundierte: „So kann man keine Verhandlung führen“, zog seine Robe aus und verließ wütend den Saal. Eine Weile später kehrte Heer kleinlaut zurück. Götzl dachte nicht daran, diesen emotionalen Auftritt mit einer Unterbrechung zu honorieren.

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