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NSU-Prozess : Parole: Rippchen

Als Zeugin vor Gericht: Brigitte Böhnhardt Bild: dpa

Zu Hause bei der Mutter durfte Uwe Böhnhardt keine Springerstiefel tragen und nicht gegen Ausländer hetzen. Die Schuld für die NSU-Morde gibt die Mutter den Behörden.

          Nein, niemals hätte ihr Junge drei Dolche auf den Tisch gelegt. „Er wusste, dass ich Angst habe vor scharfen Messern, das hätte mein Junge mir nicht angetan.“ Brigitte Böhnhardt sitzt im roten Pullover auf dem Zeugenstuhl, hat ihre Hände ordentlich vor sich auf dem Tisch zusammengelegt und wirkt, als könne sie sich immer noch keinen Reim darauf machen, wie ihr „Junge“, das Wunschkind, in Abgründe geraten sei, aus denen sie ihn nicht habe retten können. Das Raster, in das sie den Werdegang ihres Sohnes Uwe einfügt, ist schnell skizziert: Zunächst versagten die Schulen, die Jugendämter, die Jugendgerichte, dann die Polizei, Staatsanwaltschaften und Geheimdienste. Dazu kam nach ihren Worten eine politisch bewegte Zeit, Jugendarbeitslosigkeit und allgemeine Sinnsuche. Es seien ja alles „nette junge Leute gewesen“, die ihr Sohn kennengelernt hatte: der Uwe Mundlos, der Ralf Wohlleben, die Beate Zschäpe. Alle nett und höflich und alle „leider arbeitslos“.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Flucht von Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos im Januar 1998 schildert die pensionierte Lehrerin mit ihrer hellen Kinderstimme, als ob drei Kinder vor den bösen Schupos weggelaufen seien. Schon den Sprengstoff-Fund in der Garage im Januar 1998, der Anlass für die Flucht, stellt sie in Frage. Die Polizei habe auch oft ihre Wohnung in ihrer Abwesenheit durchsucht und dort Dinge hingelegt, die „vorher dort nicht lagen“. Warum nicht auch in den Garagen? „Was hat denn ihr Sohn am Telefon zu den Sprengstoff-Funden in der Garage gesagt?“, fragt der Vorsitzende Richter bei ihrer Vernehmung am Dienstag. „Er sagte immer: Mutti, glaub nicht alles, was die sagen. Denk dran, wie sie das mit der Wohnung getürkt haben.“

          Ein „aufgewecktes, liebes Kerlchen“

          Uwe Böhnhardt hat nach Aussage seiner Mutter von Anfang an Schwierigkeiten in der Schule gehabt. Geboren 1977 als dritter Sohn, hätten sie ihn immer verwöhnt, er sei ja ein „aufgewecktes, liebes Kerlchen“ gewesen. Mit der fünften Klasse begannen die Schwierigkeiten, vor allem auch im Fach „Betragen“. Böhnhardt schwänzte die Schule, musste Klassen wiederholen und verließ die Schule ohne Abschluss. Verurteilungen wegen Diebstahls und Körperverletzung folgten, doch was immer auch geschah, auf seine Mutter konnte er sich verlassen. Brigitte Böhnhardt war vor Gericht dabei, als ihr Sohn 1997 wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. Dass ihr Sohn an Demonstrationen teilgenommen und sich in einschlägigen Szene-Treffs aufgehalten hatte, will sie nicht wahrhaben. Immer hängt sie ein „mitgemacht haben soll“, „hingefahren sein soll“ an ihre Angaben.

          „Uwe durfte keine Schriften zu Hause haben, er durfte in seinem Kinderzimmer keine Plakate aufhängen, er durfte auch keine CDs hören, er durfte seine Springerstiefel nicht zu Hause tragen.“ Die Bomberjacke ja, gut, aber die hätten ja damals alle getragen, „das war so Mode“. Sie hätten versucht, ihm seine Parolen auszureden: „Ist doch schön, jetzt haben wir Türken, Griechen, Italiener, da können wir überall mal essen gehen.“ Doch er sei frustriert gewesen, dass er arbeitslos war. „Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg“, habe er gesagt. Auch das habe sie versucht, ihm auszureden. „Er plapperte einfach etwas nach, ohne dass er den Sinn verstanden hätte.“ Doch bei allem sei es ihnen darum gegangen, ihm klarzumachen: „Wir stehen zu dir, wir lieben dich.“ So war es auch, als im Januar 1998 die Polizei frühmorgens klingelte, um die Wohnung und ihre Garage zu durchsuchen. Als ihr Sohn dann mit Mundlos und Zschäpe verschwunden war, sei sie „krank vor Sorge gewesen“. „Wovon leben die? In was für eine Absteige leben sie?“, habe sie sich gefragt.

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