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NSU-Prozess : Nicht die dumme Hausfrau

Die Angeklagte Beate Zschäpe an diesem Dienstag vor dem Oberlandesgericht in München Bild: dpa

Im NSU-Prozess berichtet der frühere NPD-Funktionär Tino Brandt über Beate Zschäpe und seine Arbeit für den Thüringer Verfassungsschutz. Seine Aussagen passen so gar nicht zu der bisherigen Linie der Verteidigung.

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          Im Germanentum habe sich Beate Zschäpe gut ausgekannt, sagt der Zeuge. Auch sonst ist sie nach seinen Schilderungen alles andere gewesen als die „dumme Hausfrau“. Ob in „Rechtsschulungen“, weltanschaulichen Unterweisungen oder „NS-Themen“ – Beate Zschäpe habe stets „Fachwissen“ gezeigt. „Wenn diskutiert wurde, da war dann Wissen da, da hat sie mitdiskutiert.“

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Was der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des NPD-Landesverbands Thüringen und frühere Informant des Thüringischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Tino Brandt, am Dienstag vor Gericht aussagt, wird den Anwälten von Beate Zschäpe kaum gefallen. Denn es passt so gar nicht zu der bisherigen Linie der Verteidigung: Die Angeklagte als junge Frau zu schildern, die eher Anhängsel als Aktivistin war, der eine ideologische Verwurzelung nicht nachzuweisen sei.

          Denn mit Brandts Aussage wurden die Verästelungen des rechten Dickichts der „Kameradschaften“ im Thüringen der neunziger Jahre ein wenig entknotet, auch wenn seine Angaben mit Vorsicht zu werten sind. Vorgeführt wurde der 39 Jahre alte Mann in Handschellen. Der ganz in schwarz gekleidete Brandt sitzt zur Zeit in Untersuchungshaft, gegen ihn wird wegen des Verdachts des Kindesmissbrauchs ermittelt.

          Der „Thüringer Heimatschutz“ - eine „elitäre Gruppe“

          Auskunft über seine „aktive Zeit“ in den neunziger Jahren gibt er im Gegensatz zu anderen Umfeldzeugen bereitwillig, auch wenn er neuralgischen Aspekten wie dem Thema Gewalt wortreich ausweicht. So schildert der arbeitslose gelernte Einzelhandelskaufmann, wie sich 1995 die „Kameradschaften“ der Städte Saalfeld, Rudolstadt oder Jena zum „Thüringer Heimatschutz“ zusammenschlossen. Fortan gab es regelmäßige „Stammtische“ mit Bier und Heimatkunde in Gasthäusern. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben und André K. hätten die „Kameradschaft Jena“ gebildet.

          Dies sei eine „elitäre“ Gruppe gewesen, ihnen sei „Qualität vor Quantität“ gegangen. Während die anderen Kameradschaften bis zu zwanzig Jugendliche um sich scharten, seien die „Jenaer“ zunächst immer in dieser Besetzung geblieben. Später habe sich auch der ebenfalls Angeklagte Carsten Sch. dazugesellt, ab und zu sei zudem Holger G. dort gewesen. Brandt belastet auch Carsten Sch.: Der habe sich als „Führungskraft richtig in die Arbeit reingekniet“. „Unbedingte Gefolgstreue“ sei der Gruppe wichtiger gewesen als „Masse“, die vielleicht auf Demonstrationen gut wirke, aber nichts tauge für die politische Arbeit vor Ort.

          Zu den „Kadersitzungen“ und „Stammtischen“ des „Thüringer Heimatschutzes“ kamen aus Jena mal alle, mal nur die Uwes und oft „die Beate“. Dann habe man Demonstrationen, Aufmärsche oder Konzerte besprochen. Uwe Böhnhardt, so sagt Brandt, habe uniformähnliche Kleidung getragen, Beate Zschäpe hingegen sei optisch nie wie ein „Skinhead-Mädchen“ aufgetreten. In früheren Vernehmungen hatte er Böhnhardt noch als „militant“ bezeichnet, vor Gericht wollte er davon nichts mehr wissen, rang sich jedoch nach zähem Nachfragen zumindest die Bezeichnung „Waffennarr“ ab, alles sei aber „harmlos“ gewesen. „Der hat sich dann mal über Schreckschusspistolen unterhalten.“

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