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NSU-Prozess : Mehr als eine Frage der Frisur

Beate Zschäpe soll in der Nähe des Nürnberger Mordtatorts gewesen sein Bild: dpa

Eine Zeugin im NSU-Prozess will immer noch Beate Zschäpe in einem Geschäft nahe einem Mordtatort gesehen haben – auch wenn sie in anderen Details früheren Aussagen widerspricht.

          3 Min.

          „Was denn nun: Lockenpracht oder feine Locken?“ Der Verteidiger von Beate Zschäpe will es genau wissen. Doch die Zeugin lässt sich nicht beirren: Die Frau, die sie im Supermarkt gesehen habe, habe braunes, langes, gewelltes Haar gehabt. Eher gewellt, aber eine Pracht eben. Und sie habe auch ihr Gesicht ganz deutlich gesehen. „Aber Sie sagten doch, Sie hätten hinter der Frau an der Kasse gestanden?“ – „Ja, aber als ich reinkam, da habe ich sie von vorne gesehen.“ Denn als Andrea C. an diesem 9. Juni 2005, an dem Tag, als Ismail Yasar in Nürnberg ermordet wurde, den Supermarkt in der Nähe seines Imbissstandes betrat, sei ihr eine Frau direkt aufgefallen. Eine Frau, die sie sofort an die amerikanische Schauspielerin Sara Gilbert aus ihrer Lieblingsserie „Roseanne“ erinnerte. Diese Frau aus dem Markt habe sie dann Jahre später, im November 2011, im Fernsehen wiedergesehen – als die ersten Bilder von Beate Zschäpe gezeigt wurden. Als die Polizei dann auf sie zugekommen sei, da sie ja auch 2005 schon als Zeugin im Mordfall Yasar vernommen worden war, berichtete sie von ihrer Beobachtung.

          Zschäpe und die Schauspielerin Sara Gilbert: Wegen deren Ähnlichkeit sei Zschäpe der Zeugin aufgefallen
          Zschäpe und die Schauspielerin Sara Gilbert: Wegen deren Ähnlichkeit sei Zschäpe der Zeugin aufgefallen : Bild: dpa
          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Denn damals hatte die heute 37 Jahre alte Altenpflegerin gegen 9.30 Uhr auf ihrem Weg zum Supermarkt auf einem Spielplatz gegenüber dem Döner-Imbiss zwei Männer mit Fahrrädern gesehen. Die Männer hätten mit den kurzgeschorenen Haaren wie Russen ausgesehen, gab Andrea C. 2005 zu Protokoll. Die Frau im Supermarkt erwähnte sie nicht. „Das habe ich ja damals nicht in Verbindung mit dem Mord gebracht“, sagt sie am Dienstag beim NSU-Prozess. Das mit der Frau sei ihr im Gedächtnis geblieben, weil diese sie so an die Schauspielerin erinnert habe: „Das war halt meine ganz persönliche Wahrnehmung.“ Eine Wahrnehmung, die nicht aus der Luft gegriffen scheint. Denn als der Vorsitzende Richter Bilder der Schauspielerin auf die Leinwand projizieren lässt, ist die Ähnlichkeit mit Beate Zschäpe augenfällig: Eine schlanke Frau mit dunkelbraunem, langem, gewelltem Haar, das ihr üppig über die rechte Schulter fällt. So sind es die Haare, die ihr besonders im Gedächtnis blieben, wie die Zeugin sagt.

          An eine Brille könne sie sich heute nicht erinnern – auch wenn sie das vor einem Jahr gesagt habe. Ebenso könne sie jetzt nicht bestätigen, dass sie die beiden Männer auf dem Spielplatz schon auf dem Hinweg zum Supermarkt gesehen habe. „Herr Richter, wenn Sie mir das heute vorlesen, das klingt so, als ob das eine andere Person gesagt hat.“ Heute könne sie nur sagen, dass sie die Männer auf dem Rückweg wahrgenommen habe. Es sind diese Widersprüche, die Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit wecken. Doch letztendlich hat auch die Bundesanwaltschaft stets hervorgehoben, dass es für den Nachweis der Mittäterschaft von Beate Zschäpe nicht darauf ankomme, ob sie tatsächlich an einem Tatort gewesen sei oder nicht. So erklärt Bundesanwalt Herbert Diemer am Dienstag den Antrag eines Nebenklägervertreters, die Zeugin zu vereidigen, für hinfällig, da ihre Aussage nicht „von ausschlaggebender Bedeutung“ sei.

          Politischer Eifer statt tatsächlicher Beobachtung

          Vor Wochen hatte eine andere Zeugin mit großer Überzeugung die Ansicht vertreten, Beate Zschäpe 2006, kurz vor dem Mord an Mehmet Kubasik, in Dortmund auf einem Nachbargrundstück gesehen zu haben. Doch bei der Vernehmung des ehemaligen Nachbarn wurde klar, dass ihre Aussage eher auf politischem Eifer als auf einer tatsächlichen Beobachtung beruhen musste: Dem Nachbarn konnte bislang keine direkte Verbindung zur rechten Szene nachgewiesen werden. Eher wahrscheinlich ist, dass die Zeugin dessen Frau als Beate Zschäpe erkannt haben wollte. Auch auf den Bildern einer Überwachungskamera kurz vor dem Anschlag in der Keupstrasse in Köln im Jahr 2004 hatten Nebenklägervertreter schon Beate Zschäpe vermutet, doch zeigte sich auf den Vergrößerungen während der Verhandlung, dass es sich zwar um eine dunkelhaarige Frau, nicht aber um Beate Zschäpe handelte.

          Ebenso kann es Zufall sein, dass ein anderer Zeuge, der ehemalige Beschuldigte und Mitarbeiter des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Andreas T., in Kassel auf seinen Wegen zur Arbeit und zu seiner Wohnung immer an Orten vorbeifuhr, die auf Stadtplänen und Adresslisten des NSU markiert waren. Diesen Zusammenhang stellten am Dienstag zumindest die Nebenklägervertreter her, die die Angehörigen des Kasseler Mordopfers Halit Yoskat vertreten: Sie beantragten umfangreiche „Nachermittlungen“. Bundesanwalt Herbert Diemer wies jedoch auch dies als „längst aktenkundig“ und nicht auf Tatsachen bezogen zurück.

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