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NSU-Prozess : Inzwischen auch Selbstverteidigung

Gelichtete Reihen: Anwältin Anja Sturm im Gerichtssaal in München Bild: AFP

Beate Zschäpes Anwältin Anja Sturm sieht sich mit Vorhaltungen konfrontiert - zum Teil sind sie abwegig. Die Öffentlichkeit kann brutal sein. Die Anwältin ist vorsichtig geworden.

          „Die Wut halte ich locker aus.“ Das hatte Anja Sturm vor Beginn der Hauptverhandlung im NSU-Prozess der Illustrierten „Brigitte“ gesagt. Am letzten Verhandlungstag vor der Sommerpause im NSU-Prozess ist ihr die Anspannung deutlich anzusehen. Von Lockerheit kann keine Rede sein, die Strapazen der vergangenen drei Monate haben ihre Spuren hinterlassen.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Mehrfach sind ihr jüngst Ungenauigkeiten unterlaufen; vergangene Woche hat sie sogar, wohl ohne es zu merken, durch ihre Fragen herausgearbeitet, dass durch die Brandstiftung, für die ihre Mandantin Beate Zschäpe verantwortlich sein soll, nicht nur drei, sondern sechs Menschen hätten sterben können. Anja Sturm, die vor Prozessbeginn nicht müde wurde herauszustellen, welche einzigartige Chance dieses Mandat sei, sieht sich inzwischen mit den Schattenseiten ihrer Aufgabe konfrontiert.

          Die Verteidigung Zschäpes ein „Killermandat“

          Einiges ist seit Prozessbeginn auf die Anwältin eingeprasselt. Vor einigen Tagen hat sie bekanntgegeben, dass sie sehr kurzfristig ihre Kanzlei und ihre Wahlheimat Berlin verlassen werde. Zum 1. August ist sie in die Kölner Kanzlei ihres Verteidigerkollegen Wolfgang Heer gewechselt. In der Zeitung „Tagesspiegel“ begründete sie den Schritt damit, ihre Berliner Kollegen hätten sich zunehmend Sorgen um den Ruf der Kanzlei bei Mandanten mit türkischen Wurzeln gemacht.

          Es habe Unmut über das Zschäpe-Mandat gegeben. Das haben ihre Kanzleikollegen bestätigt. Sturm sei „geschockt“ und „sehr enttäuscht“ darüber gewesen. Eine andere Kanzlei in Berlin habe sie nicht gefunden, die sie aufnehmen wollte - die Verteidigung Zschäpes sei ein „Killermandat“, habe ihr ein Kollege gesagt.

          Anja Sturm möchte über die Unstimmigkeiten mit ihren früheren Kollegen nun nicht mehr sprechen. Überhaupt möchte sie nicht, dass aus dem Gespräch, das sie mit dieser Zeitung führte, irgendetwas abgedruckt wird - mit einer Ausnahme: „Ich freue mich über meine neue Kanzlei mit meinem Kollegen Wolfgang Heer in Köln seit dem 1. August und unsere Zusammenarbeit.“ Die Anwältin ist vorsichtig geworden.

          Nicht den Anwälten der Szene überlassen

          Den Unmut der Berliner Kollegen hat Anja Sturm schon zu Beginn des Jahres erfahren. Bei den Wahlen zum Vorstand der Berliner Strafverteidigervereinigung im Januar fiel sie durch. Ein Mitglied der Strafverteidigervereinigung berichtet von einer „turbulenten Abstimmung“. Zwei Kollegen sollen sich explizit gegen Sturm ausgesprochen haben. Anja Sturm hat keine Sympathien für rechtsextremes Gedankengut, daran besteht kein Zweifel. Sie verteidige eine Person, keine Tat - das sagt sie bei jeder Gelegenheit. Sie wolle die Verteidigung Rechtsextremer nicht den Anwälten der Szene überlassen.

          Dennoch gab es eine Diskussion über Aufgabe und Funktion von Strafverteidigern: Kurdische Terroristen oder Islamisten zu verteidigen sei etwas ganz anderes als Neonazis, sollen einzelne Verteidiger gesagt haben. Die Taten von Linksterroristen richteten sich gegen das Handeln von Menschen, die Taten von Rechtsterroristen gegen Menschen als solche - diese Argumentation ist in Berlin nicht selten zu vernehmen.

          Doch die Mehrheitsmeinung sei das keinesfalls, heißt es aus der Strafverteidigervereinigung, die sich von solchen Ansichten distanziert. „Der unterschiedslose Anspruch auf effektive Verteidigung“ sei eines der zentralen Anliegen der Vereinigung, so steht es in einer Pressemitteilung von vergangener Woche. „Das gilt selbstverständlich auch für Beate Zschäpe.“ Zudem habe Sturm damals auch Fürsprecher gehabt. Doch wäre die Abstimmung genauso ausgegangen, wenn Sturm nicht Beate Zschäpe vertreten würde? Tatsächlich kann das knappe Scheitern Sturms auch andere Gründe gehabt haben.

          Sie arbeitete damals erst ein Jahr lang in Berlin, weshalb sie bei den Kollegen noch nicht so bekannt war. Sturm hat unmittelbar nach der Abstimmung auch selbst der Berliner „tageszeitung“ gesagt, sie führe das Ergebnis nicht auf das Zschäpe-Mandat zurück. Außerdem wäre das Mandat aus zeitlichen Gründen nicht mit der Position als Vereinsvorstand vereinbar.

          Augenzeugen der damaligen Abstimmung berichten davon, dass Anja Sturm auch selbst zur Eskalation beigetragen habe. Als ein Vereinsmitglied in Zweifel zog, dass der Zeitpunkt ihrer Kandidatur günstig sei, soll sie trotzig entgegnet haben: „Für das Mandat kann ich nichts, ich bin nur beigeordnet.“ Dabei war es damals kein Geheimnis, dass Sturm zunächst als Wahlverteidigerin für Beate Zschäpe tätig war und erst nach einiger Zeit vom Gericht als Pflichtverteidigerin beigeordnet wurde.

          Einer öffentlichen Person

          Ähnlich forsch waren vor Beginn des Prozesses ihre Auftritte in der Öffentlichkeit. Sturm half damals kräftig mit, dass Privates an die Öffentlichkeit kommt. So ließen die drei Verteidiger Zschäpes Fotos machen, auf denen sie posieren, als machten sie Werbung für eine amerikanische Anwaltsfernsehserie. In der „Brigitte“ plauderte sie Anfang des Jahres ausführlich über ihr Marathontraining, die Erziehung ihrer neun Jahre alten Zwillinge und ihren überwundenen Brustkrebs. Strafverteidigerkollegen kritisierten das als „naiv“. Wenn sich ein Verteidiger so in den Vordergrund spiele, könne das dem Mandanten schaden.

          Durch das Zschäpe-Mandat ist Sturm zu einer öffentlichen Person geworden. Sie ist mittlerweile dünnhäutig. Alle ihre Regungen werden auf Schritt und Tritt begleitet und kommentiert - welche Belastung das sein kann, hat sie jetzt erfahren. Die Öffentlichkeit kann brutal sein. Einige der Drohbriefe, welche die Verteidiger bekommen haben, liegen nun bei der Staatsanwaltschaft.

          Zschäpes Verteidiger wohnen während der Prozesstage im Hotel „Vier Jahreszeiten“. „Luxus-Hotel auf Kosten des Steuerzahlers“ war in der Boulevardpresse zu lesen. Doch das stimmt so nicht. Die drei Verteidiger bekommen für ihre Unterbringung während der Verhandlungstage das, was alle von auswärts anreisenden Anwälte in München erhalten: 120 Euro pro Nacht werden von der Staatskasse übernommen; nur während des Oktoberfestes kann der Betrag höher sein. Die Differenz zum tatsächlichen Zimmerpreis - die Anwälte haben im „Vier Jahreszeiten“ einen Rabatt ausgehandelt - müssen sie selbst tragen. Die Staatskasse finanziert auch keine Taxifahrten, sondern nur den Transport mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

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