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NSU-Prozess : Inzwischen auch Selbstverteidigung

Doch die Mehrheitsmeinung sei das keinesfalls, heißt es aus der Strafverteidigervereinigung, die sich von solchen Ansichten distanziert. „Der unterschiedslose Anspruch auf effektive Verteidigung“ sei eines der zentralen Anliegen der Vereinigung, so steht es in einer Pressemitteilung von vergangener Woche. „Das gilt selbstverständlich auch für Beate Zschäpe.“ Zudem habe Sturm damals auch Fürsprecher gehabt. Doch wäre die Abstimmung genauso ausgegangen, wenn Sturm nicht Beate Zschäpe vertreten würde? Tatsächlich kann das knappe Scheitern Sturms auch andere Gründe gehabt haben.

Sie arbeitete damals erst ein Jahr lang in Berlin, weshalb sie bei den Kollegen noch nicht so bekannt war. Sturm hat unmittelbar nach der Abstimmung auch selbst der Berliner „tageszeitung“ gesagt, sie führe das Ergebnis nicht auf das Zschäpe-Mandat zurück. Außerdem wäre das Mandat aus zeitlichen Gründen nicht mit der Position als Vereinsvorstand vereinbar.

Augenzeugen der damaligen Abstimmung berichten davon, dass Anja Sturm auch selbst zur Eskalation beigetragen habe. Als ein Vereinsmitglied in Zweifel zog, dass der Zeitpunkt ihrer Kandidatur günstig sei, soll sie trotzig entgegnet haben: „Für das Mandat kann ich nichts, ich bin nur beigeordnet.“ Dabei war es damals kein Geheimnis, dass Sturm zunächst als Wahlverteidigerin für Beate Zschäpe tätig war und erst nach einiger Zeit vom Gericht als Pflichtverteidigerin beigeordnet wurde.

Einer öffentlichen Person

Ähnlich forsch waren vor Beginn des Prozesses ihre Auftritte in der Öffentlichkeit. Sturm half damals kräftig mit, dass Privates an die Öffentlichkeit kommt. So ließen die drei Verteidiger Zschäpes Fotos machen, auf denen sie posieren, als machten sie Werbung für eine amerikanische Anwaltsfernsehserie. In der „Brigitte“ plauderte sie Anfang des Jahres ausführlich über ihr Marathontraining, die Erziehung ihrer neun Jahre alten Zwillinge und ihren überwundenen Brustkrebs. Strafverteidigerkollegen kritisierten das als „naiv“. Wenn sich ein Verteidiger so in den Vordergrund spiele, könne das dem Mandanten schaden.

Durch das Zschäpe-Mandat ist Sturm zu einer öffentlichen Person geworden. Sie ist mittlerweile dünnhäutig. Alle ihre Regungen werden auf Schritt und Tritt begleitet und kommentiert - welche Belastung das sein kann, hat sie jetzt erfahren. Die Öffentlichkeit kann brutal sein. Einige der Drohbriefe, welche die Verteidiger bekommen haben, liegen nun bei der Staatsanwaltschaft.

Zschäpes Verteidiger wohnen während der Prozesstage im Hotel „Vier Jahreszeiten“. „Luxus-Hotel auf Kosten des Steuerzahlers“ war in der Boulevardpresse zu lesen. Doch das stimmt so nicht. Die drei Verteidiger bekommen für ihre Unterbringung während der Verhandlungstage das, was alle von auswärts anreisenden Anwälte in München erhalten: 120 Euro pro Nacht werden von der Staatskasse übernommen; nur während des Oktoberfestes kann der Betrag höher sein. Die Differenz zum tatsächlichen Zimmerpreis - die Anwälte haben im „Vier Jahreszeiten“ einen Rabatt ausgehandelt - müssen sie selbst tragen. Die Staatskasse finanziert auch keine Taxifahrten, sondern nur den Transport mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

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