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NSU-Prozess : Hundert Tage und kein Ende in Sicht

Beate Zschäpe mit ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer Bild: dpa

Hundert Verhandlungstage dauert der NSU-Prozess inzwischen. Nach der Aufarbeitung der zehn Mordanschläge steht nun vor allem das Umfeld der Angeklagten im Mittelpunkt. Doch die Zeugen aus der rechten Szene machen dem Gericht die Arbeit schwer.

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          Geld stinkt nicht. Das muss sich Neonazi Tino B. gedacht haben, als er 1994 vom Thüringischen Landesamt für Verfassungsschutz als Quelle angeworben wurde. Tino B. habe sich seinen „Verräterkomplex“ von der Behörde versüßen lassen, sagte sein damaliger V-Mann-Führer am Dienstag vor Gericht.  „Tino B. war Spitzenverdiener bei uns.“ Er habe damals etwa 200 bis 400 Mark pro Woche erhalten. Hinzu seien Auslagenerstattungen und Sonderprämien gekommen - zum Beispiel für „Hess-Gedenkmärsche“. „Das war uns wichtig, darüber wollten wir alles wissen.“

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Mit den Ausführungen des ehemaligen Geheimdienstlers wehte am hundertsten Verhandlungstag des NSU-Verfahrens ein Hauch von „Homeland“, zumindest in der thüringischen Version, durch den Gerichtssaal. Von Autos mit „Spurfolgetechnik“ war die Rede, von „Mailbox-Systemen“, Treffen an Autobahn-Raststätten mit „V-Leuten“ und von Observationsgruppen, die an den „Quellen dranblieben“. Und eine der wichtigsten Quellen Ende der neunziger Jahre in Jena und Umgebung sei eben Tino B. gewesen, sagt der Zeuge. 1994 habe er B. über die Abteilung „Forschung und Werbung“ als Informant übernommen. „Er war wahnsinnig gut vernetzt, kannte alle, alle kannten ihn.“

          Seit ein paar Wochen schon stehen Umfeldzeugen im Mittelpunkt des NSU-Verfahrens. Nach der Aufarbeitung der Mordserie in den vergangenen Monaten stehen nun die ideologische Verwurzelung und die Umstände der Flucht 1998 im Vordergrund. In zähen, stundenlangen Vernehmungen versucht der Vorsitzende Richter Manfred Götzl, Zeugen aus dem Umfeld des NSU zu Aussagen zu bewegen. Doch die machen immer wieder Erinnerungslücken geltend.

          Eine frühere Freundin von Ralf Wohlleben wurde gehört, die unmittelbar nach dem Untertauchen der drei in der Wohnung von Uwe Mundlos und Beate Zschäpe unter anderem Kleidungsstücke abholen sollte. „Warum sollten Sie das machen?“, wollte der Vorsitzende wissen. Nur ihrem Freund Ralf Wohlleben zuliebe, habe sie das gemacht. An mehr könne sie sich nicht erinnern.

          Zschäpe verwaltete die Kasse

          Ähnlich wortkarg blieben auch andere Weggefährten. André K. konnte sich weder an Geldübergaben noch an Kontakte zur Mutter von Uwe Böhnhardt erinnern, er habe lediglich mit den Untergetauchten telefoniert. Und André S., der nach den Ermittlungen die Ceska-Pistole  im Auftrag von Ralf Wohlleben besorgt hatte, saß wortkarg neben seinem Anwalt auf dem Zeugenstuhl.

          An diesem Dienstag nun berichtet ein Zeuge, von Beruf „Hausbauer und Maurer“, dass er 1998 in Chemnitz einfach die Tür geöffnet und Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos für zwei, drei Wochen bei sich aufgenommen habe. Schließlich hätten bei ihm „welche“ geklingelt und übernachten wollen. Laut Anklage war seine Wohnung die erste, in der die drei nach dem Untertauchen unterkamen. Wie das denn so gewesen sei, damals mit seinen Gästen? Man habe gemeinsame Interessen gehabt, sagt der Zeuge. „Wir gingen zusammen Fahrrad fahren und haben DVDs ausgetauscht.“ Es sei alles ganz „normal“ gewesen. Je mehr der Vorsitzende nachfragt, was denn an Gruppierungen wie „Blood and Honor“ so „normal“ gewesen sei, was man überhaupt darunter zu verstehen habe, desto pampiger werden die Antworten des Mannes mit dem kahlrasierten Schädel und dem Vollbart: „Dazu sage ich nichts.“ Auch die Androhung von Ordnungsmitteln bringt ihn nicht zur Aussage. Er beruft sich schließlich auf ein Ermittlungsverfahren gegen ihn.

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