https://www.faz.net/aktuell/politik/nsu-prozess/nsu-prozess-hessischer-verfassungsschuetzer-bleibt-raetselhaft-12842323.html

NSU-Prozess : Für Verfassungsschützer tabu

NSU-Prozess: Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe in der Mitte zwischen ihren Verteidigern Anja Sturm und Wolfgang Heer Bild: dpa

Im NSU-Verfahren zeigt Ex-Verfassungsschützer Andreas T., welchen Weg er durch das Internetcafé in Kassel nahm, in dem Halit Yozgat von seinen rechtsextremen Mördern erschossen wurde.

          3 Min.

          Der Mann geht schnellen Schrittes durch den Raum, an dem Schreibtisch vorbei und blickt weder nach links, noch nach rechts. Er öffnet die Tür, schaut auf die Straße, blickt dort jetzt langsam erst nach links und dann nach rechts. Dann schließt er die Tür wieder, geht wieder durch den Raum, geht in das angrenzende Zimmer mit den vielen Kabinen, dreht sich um, wendet sich zum Schreibtisch: Ohne den Blick zu senken legt er ein paar Münzen auf den Tisch. 

          Rekonstruktion im Internetcafe´

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Mann in der Videoaufnahme, die am Dienstag im NSU-Verfahren gezeigt wird, ist Andreas T., ehemaliger Mitarbeiter des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz.. Die Räume sind die Räume des Internetcafe´, in dem Halit Yozgat am 6. April 2006 erschossen wurde. Andreas T., der zunächst als Beschuldigter galt, sollte nach der Tat zusammen mit der Polizei rekonstruieren, welche Wege er genommen hat.

          Denn Andreas T. galt zunächst als Verdächtiger in dem Mordfall, da er sich nicht als Zeuge gemeldet hatte. Später musste er jedoch zugeben, doch zur Tatzeit dort gewesen zu sein – er hatte sich  auf einem Computer eingeloggt, um in Flirtforen Frauen kennenzulernen.. Der Verdacht gegen ihn hatte sich zwar nicht erhärtet, doch auch seine Angaben als Zeuge waren in Zweifel gezogen worden. So hatte Andreas T. bislang stets vor Gericht angegeben,  zwar dort gewesen zu sein, von dem Mord jedoch nichts gehört und nichts gesehen zu haben.  

          Andreas T. will nichts gesehen haben

          Halit Yozgat musste jedoch zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich schon tot hinter seinem Schreibtisch gelegen haben. Ein Mann von Ts. Größe, so die Angaben von Polizeibeamten, hätte ihn dort liegen sehen müssen, als er das Geld auf den Tisch legte. So passt der steife Gang durch das Café in der Video-Rekonstruktion zu seinen wenig nachvollziehbaren Äußerungen.

          Er habe, hatte er ausgesagt, nach seiner Internetsitzung den Besitzer in dem Internetcafé gesucht, auch auf die Straße geblickt. Dann hätte er ihm einfach das Geld hingelegt und sei gegangen. Wer sucht, schaut umher, Andreas T. allerdings stiefelte wie ein Roboter durch die Räume, den Blick starr geradeaus gerichtet. Kein einziges Mal blickte er zum Schreibtisch, selbst als er das Geld hinlegte, senkt er den Kopf kaum. Doch selbst, wenn er offenbar krampfhaft bemüht war, bei diesem Gang eine Möglichkeit des „So-konnte-ich-unmöglich-etwas-gesehen-haben“ aufzuzeigen – der Schreibtisch war so niedrig, die Räume so eng: jeder auf dem Boden liegende Mann wäre in sein Blickfeld geraten.

          Neuralgischer Punkt im Prozess

          Die Angaben des Zeugen Andreas T. beschäftigen das Oberlandesgericht im NSU-Verfahren seit Monaten und gehören zu den neuralgischen Punkten des Prozesses. Am Dienstag gab eine Mitarbeiterin  des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, eine ehemalige Kollegin von Andreas T.,  Einblicke in die Arbeitsweise des Amtes. Da sagt die Zeugin, eine 58 Jahre alte Oberamtsrätin, dass sie einen Kollegen bemühen musste, im Internet etwas zur Vorbereitung ihrer Ladung zu  recherchieren, da „ich mich nicht so gut damit auskenne“.

          Unwissen beim hessischen Verfassungsschutz

          Er habe ihr dann Protokolle eines Blogs ausgedruckt, in denen die bisherigen Aussagen von Andreas T. vor Gericht wiedergegeben wurden. Sie habe sich das jedoch „nur“ anschauen wollen, um nochmals ihre damaligen Urlaubszeiten zu rekonstruieren. Mit dem Fall Andreas T. sei sie im April 2006 nur am Rande befasst gewesen. Einen Tag nach dem Mord habe ihr Vorgesetzter sie aufgefordert, doch Herrn T. damit zu beauftragen, beim Staatsschutz einmal nachzufühlen, ob dieser Mord etwas mit „Islamismus“ zu tun habe. Schließlich habe Andreas T. dienstlich auch Verbindungspersonen  aus dem islamistischen Extremismus geführt. Andreas T., der einen niedrigeren Dienstgrad hatte,  habe im Gespräch mit ihr „ganz normal“ gewirkt: „Er war überhaupt nicht nervös.“

          Er habe auch gesagt, dass er das Café kenne, da es auf seinem Nachhauseweg liege. Gewesen sei er dort jedoch noch nie, habe er ihr gesagt. Auch den Namen des Mordopfers habe er nicht gekannt. T. habe ihr gesagt, dass der Mord vielleicht Teil einer Serie sein könne. Internetcafés, so die Zeugin, seien sowieso für die Mitarbeiter tabu gewesen. Schließlich seien diese oft in einer Gegend, in der „die Klientel ist, die wir beobachten“., sagt sie weiter: „Das ging  aus Sicherheitsgründen nicht.“

          „Ich fand ihn immer sehr korrekt“

          Und das Internetcafé in der Holländischen Straße in Kassel, in der  Mord geschah, sei für T. „absolut tabu“ gewesen, da er in der Gegend V-Personen geführt habe.  In einem internen Vermerk, der der Zeugin am Dienstag vorgelesen wurde, hieß es jedoch, es sei bekannt, dass Adreas T. Internetcafés aufsuche. Von der Verhaftung ihres Kollegen habe sie damals erst erfahren, als sie aus dem Urlaub zurückkam. Wie sie denn Andreas T. immer so erlebt habe, fragt der Vorsitzende sie am Dienstag. Er sei eher zurückhaltend gewesen, habe kaum über Privates gesprochen. Allerdings sehr ehrgeizig. „Ich fand ihn immer sehr korrekt.“

          Weitere Themen

          Steht Australien vor einem Machtwechsel? Video-Seite öffnen

          Parlamentswahl : Steht Australien vor einem Machtwechsel?

          17 Millionen Australier entscheiden am Samstag über die Zusammensetzung der beiden Parlamentskammern. Nach einem Jahrzehnt konservativer Führung steht das Land möglicherweise vor einem Regierungswechsel. Der konservative Premierminister Scott Morrison kämpft um eine weitere dreijährige Amtszeit.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis
          Sprachkurs
          Lernen Sie Englisch
          Kapitalanlage
          Pflegeimmobilien als Kapitalanlage
          Automarkt
          Top-Gebrauchtwagen mit Garantie