https://www.faz.net/-gpf-7h9mb

NSU-Prozess : Folgenloses Erkennen

Um den Mord in Nürnberg an Ismail Yasar im Juni 2005 ging es am Donnerstag im Münchner NSU-Prozess. Bild: AFP

Im Münchner NSU-Prozess hat eine Zeugin ausgesagt, die kurz vor und nach dem Mord an Ismail Yasar am 9. Juni 2005 am Tatort in Nürnberg war. Sie hatte die zwei Männer dort „sehr sicher“ auf einem Video aus der Kölner Keupstraße wiedererkannt.

          2 Min.

          Vielleicht, habe sie gedacht, hätten die beiden Männer, die sie vor der Imbissbude habe stehen sehen, nur einen Döner kaufen wollen. Später habe ihr Sohn ihr dann erzählt, was passiert sei. „Da bin ich dann sofort auf die Straße und habe einem Polizeibeamten berichtet, was ich vormittags gesehen habe.“ Gesehen hatte die Zeugin, die am Freitag vor Gericht ausgesagt hat, zunächst zwei Männer mit Fahrrädern, die auf dem Bürgersteig standen und in einen Stadtplan schauten. Die Bäckereiverkäuferin war an diesem Tag gegen 9.40 Uhr mit dem Fahrrad unterwegs, um in die Schule zur Sprechstunde des Lehrers ihres Sohnes zu fahren. „Die Männer sahen so aus, als ob sie sich nicht auskannten.“ Sie habe überlegt, Hilfe anzubieten, aber die Zeit reichte nicht.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          An diesem Tag, dem 9. Juni 2005, wurde Ismail Yasar in seinem Imbissstand in Nürnberg erschossen. Laut Anklage traten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gegen 9.55 Uhr an die Theke des Imbisses. Über den Tresen hinweg schoss demnach einer von ihnen, vermutlich durch eine Plastiktüte, auf Yasar, der offenbar noch versuchte, sich in Deckung zu bringen. Doch der Mann habe weiter geschossen, auch, als das Opfer längst am Boden lag. Er verblutete noch am Tatort.

          Ein Gegenstand in einer Plastiktüte

          Als die Zeugin nach der Sprechstunde gegen zehn Uhr zurückkehrte, fuhr sie wieder auf der Straße zurück. Dort habe sie dann die Männer wiedergesehen. „Sie standen jetzt vor dem Dönerstand. Der eine stand mit dem Rücken zu mir, hatte die Hände am Lenkrad seines Fahrrads. Der andere hat ihm eine Plastiktüte in den Rucksack getan.“ Es habe so ausgesehen, als ob in der Plastiktüte ein Gegenstand eingewickelt gewesen sei. „Wie ein kleiner Schirm, den man in eine Tüte einwickelt.“ Sie sei dann weitergefahren. Als sie später bei der Polizei aussagte, hat sie nach ihren Angaben die beiden Männer als „lange, dünne Spargeltarzane“ beschrieben. Es seien eher nordische Typen gewesen, hellhäutig. Sie seien dunkel gekleidet gewesen, einer habe eine Kappe und einen Rucksack getragen, der andere eine Sonnenbrille. Sie könne sich bei einem Mann auch an ein abstehendes Ohr erinnern.

          Nach ihren Angaben zeigte ihr die Polizei, obwohl sie „hellhäutig“ angegeben hatte, auch viele Bilder von türkischstämmigen Männern, man ermittle auch in die Richtung der türkischen Mafia, habe es geheißen. Nach Bekanntwerden des NSU im November 2011 hat sie dann erste Bilder von Böhnhardt und Mundlos im Fernsehen gesehen. „Mein Sohn sagte damals: ,Das sind doch die Männer, die du auf dem Phantombildern beschrieben hast.’“

          „Sehr sicher“ wiedererkannt

          Als die Polizei sie kurz darauf abermals vernahm, haben die Ermittler ihr auch Bilder von Böhnhardt und Mundlos vorgelegt - in einer Reihe mit anderen Männern. Zudem zeigten sie ihr auch die Videosequenz aus der Kölner Keupstraße, auf der auch Männer mit Fahrrädern zu sehen sind. „Die schauen so aus wie die zwei, die ich in Nürnberg gesehen habe“, habe sie damals gesagt. Sie habe sich die Video-Bilder auch vergrößern lassen. Und ja, sie habe die beiden wiedererkannt: Von der Statur, der Kopfform und von der Kappe her. „Vom Kopf her ist das sehr markant, auch dieses Ohr, ich bin mir sehr sicher, dass ich die auch in Nürnberg gesehen habe.“ Auf den Lichtbildern habe sie damals in der Reihe von Männerbildern auf Mundlos gezeigt.

          Gehört wurde am Freitag auch ein Polizeibeamter, der einem weiteren Augenzeugen die Bilder von Böhnhardt und Mundlos gezeigt hatte. Auch dieser habe sofort auf Mundlos gezeigt, sagte der Polizist. Heute, sagte die Zeugin, die während der stundenlangen Einvernahme am Freitag ruhig und klar alle Fragen beantwortete, könne sie sich natürlich nicht mehr so genau an alles erinnern. Aber 2011 sei sie sich sicher gewesen. Trotzdem habe die Polizei ihre Aussagen im Protokoll relativiert, weil sie sich „nicht 150 Prozent sicher gewesen sei“. Daher habe man „ziemlich“ dazugeschrieben. Auf Nachfrage eines Nebenklägervertreters, ob das „ziemlich“ im Sinne von „sehr sicher“ oder „weniger sicher“ zu verstehen sei, sagte die Zeugin: „Sehr sicher.“

          Weitere Themen

          Die Logik des Täters

          Lübcke-Prozess : Die Logik des Täters

          Am vierten Verhandlungstag im Lübcke-Prozess am Frankfurter Oberlandesgericht geht es um ein weiteres Video mit Aussagen von Stephan E. Je mehr es um das Vorfeld der Tat geht, desto detaillierter äußert er sich.

          „Der Wald ist sein Wohnzimmer“

          Flüchtiger bei Oppenau : „Der Wald ist sein Wohnzimmer“

          Noch immer wird er gesucht: Dass sich vier Polizisten von einem „Waldläufer“ überwältigen ließen, sorgt für Belustigung. Polizei und Staatsanwaltschaft haben daher am Dienstag noch einmal detailliert geschildert, wie es dazu kam.

          Topmeldungen

          Kritik an Manchester City : Guardiola attackiert Klopp und Mourinho

          Manchester City erhält doch keine Europapokal-Sperre. Die Kritiker sind entsetzt ob des Urteils. Pep Guardiola geht prompt zur Gegenattacke über – und bekommt wohl ziemlich viel Geld für eine Transferoffensive.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.