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NSU-Prozess : Familienpizza von der „Dienelt-Maus“

Die Angeklagte Beate Zschäpe am 17.Juli im Münchner Gerichtssaal: „Erstens hieß sie Dienelt, zweitens war sie ja eine Maus“ Bild: dpa

Wenn Beate Zschäpe bei ihrem Nachbarn fernsah, stand auf dem Gerät ein gerahmtes Foto von Adolf Hitler. Welche Gesinnung Zschäpe hatte, will niemand gewusst haben.

          Geflirtet wurde nie, auch über Politik wurde nicht gesprochen. Die „Kellerrunden“, die Olaf B. - ein früherer Nachbar von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt - im NSU-Prozess beschreibt, waren rein „geselliger Natur“. Man saß mit den Nachbarn zusammen, jeden Abend, entweder im Keller oder im Hof. Ein Fernseher lief, es gab Bier, Wein mit Schaum, Wein ohne Schaum, Knabberzeug, manchmal sogar eine „Familienpizza“. „Die hatte die damalige Frau Dienelt, heute Frau Zschäpe, spendiert“, sagt B. Sie habe aber selbst nicht runterkommen wollen an dem Abend. „Wir haben sie noch gefragt, aber sie sagte, sie hätte keine Zeit.“ Der 44 Jahre alte Zeuge, ein selbständiger Bauarbeiter, wohnte in demselben Haus in der Frühlingsstrasse in Zwickau wie die mutmaßlichen NSU-Terroristen.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Zu Zschäpe - die sich ihm bei ihrem Einzug 2009 als „Susann Dienelt“ vorgestellt habe - habe er ein „gutes, nachbarschaftliches Verhältnis“ gehabt. Mundlos und Böhnhardt habe er selten gesehen. „Wenn, dann kamen sie gerade mit ihren Fahrrädern wieder zurück und schlossen die sofort in den Keller.“ Man habe mit ihnen höchstens mal ein „Glück auf“ gewechselt, sie seien nie bei den Treffen dabei gewesen. Darüber scheint Olaf B. nicht unglücklich gewesen zu sein. „Das war uns egal, wer nicht kommt, braucht nicht zu gehen.“ Man brauche keine Männer, wenn man eine schöne Frau am Tisch habe, so B. - und meint Zschäpe, für die er den Spitznamen „Dienelt-Maus“ erfand: „Erstens hieß sie Dienelt, zweitens war sie ja eine Maus.“ Er habe das auch zu ihr gesagt. „Sie hat dann immer gelächelt.“

          Die „Dienelt-Maus“ kam nach seinen Angaben oft in den Keller oder in den Hof dazu, wenn er mit Freunden und Nachbarn zusammensaß. Geredet habe man über „Belanglosigkeiten“ wie ihre Urlaube auf Fehmarn. Die drei hätten dort oft Ferien verbracht und dann immer die Wohnmobile mit Surfbrettern und Fahrrädern beladen. Worüber noch geredet wurde, das wisse er nicht mehr. „Worüber unterhalten Sie sich denn mit Ihrer Frau privat?“, fragt er den Nebenklägervertreter.

          Beate Zschäpe soll in einem guten Licht erscheinen

          Um Antworten ist der Zeuge nicht verlegen. Ein Jutesack mit Hakenkreuz, ein Kübelwagen mit Eisernen Kreuzen, ein Hitler-Bild auf dem Fernseher - der Opfer-Anwalt nennt eine ganze Anzahl von Nazi-Memorabilien, die nach Aktenlage Olaf B. gehören, und fragt ihn: „Und das hat keine Bedeutung für Ihre politische Einstellung?“ - „Nein, definitiv nicht.“ Den Jutesack habe er bei einer „Entrümpelung“ gefunden, die Eisernen Kreuze hätte selbst Angela Merkel auf ihrem Flugzeug („als Hoheitszeichen der BRD“) und das Hitler-Bild sei eine Erinnerung an den verstorbenen Nachbarn Thomas K. „Jeder weiß, dass Herr K. das Bild auf seinem Fernsehen stehen hatte. Ich habe damals seine Wohnung aufgeräumt und das Bild als Erinnerung mitgenommen.“

          Auch die Angabe aus der Akte, er habe zu einem Bekannten gesagt: „Unter Hitler war alles besser“ weist B. von sich: „Ich weiß nicht, wie der auf so etwas kommt.“ Bei den Kellerrunden stand das Hitler-Bild fortan auf dem Fernseher. Ob Zschäpe bei den Treffen dazu einmal etwas gesagt habe, fragt der Vorsitzende Richter den Zeugen. „Nein, nie.“ Ob Zschäpe viel Alkohol getrunken habe. „Nein, nie. Nur mal ein Glas Prosecco.“ Später wird er auf Nachfrage zugeben, dass sie doch einmal fast eine ganze Flasche getrunken habe. „Da ist sie betrunken nach oben gegangen.“

          „Ihre Gesinnung (...) hat sie nie preisgegeben“

          Olaf B. ist angestrengt darauf bedacht, Zschäpe in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Bekümmert darüber, dass er nun, nach all den Kellerabenden, in einem Gerichtssaal seiner ehemaligen Nachbarin gegenübersitzt, die der Mittäterschaft an zehn Morden angeklagt ist, wirkt er nicht. „Können Sie aus den Kontakten Rückschlüsse ziehen, welche Einstellung sie hatte? Auch in Bezug auf Ausländer?“ - „Sie war eine liebe, gute Nachbarin. Ihre Gesinnung, wenn sie so sein sollte, hat sie nie preisgegeben.“ Sie hätte sich nur mal über das griechische Restaurant im Haus beschwert, „weil es da immer so stinkt“. Da habe sie aber Recht gehabt. „Es stank wirklich stark nach Knoblauch.“ Und er sei „allergisch“ gegen Knoblauch.

          Ihre Wohngemeinschaft hat Beate Zschäpe Olaf B. direkt nach dem Einzug näher erläutert, „damit es kein Gerede gibt“, wie er sagt. Einer von den beiden Männern sei ihr Freund, der andere ihr Bruder, habe sie gesagt. Welcher ihr Freund war - Böhnhardt oder Mundlos, das könne er nicht mehr sagen. Auch ihre damaligen Namen habe er nicht gekannt. Zschäpe habe gesagt, die beiden Männer seien für die Überführung von Autos für die Firma ihres Onkels zuständig. „Das ist ja auch plausibel.“

          Denn es hätten auf dem Parkplatz hinter dem Haus immer verschiedene Autos gestanden - auch immer wieder Wohnmobile. Sie selbst hingegen arbeite zu Hause für die Firma am Computer. Jeden Donnerstag habe sie Besuch von einem Mann und einer Frau mit zwei Kindern bekommen. Die Frau sei ihre Schwester, soll Zschäpe zu B. gesagt haben.

          Nach Angaben der Ermittler handelte es sich dabei um die Ehefrau des ebenfalls angeklagten Andre E. „Erkennen Sie in dem Angeklagten Andre E. den Mann, der bei Frau Zschäpe zu Besuch war?“ fragt eine Nebenklägervertreterin Olaf B. „Nein.“ Anfang November 2011, als seine drei Nachbarn wieder einmal ein Wohnmobil bepackt hätten, habe er sie gefragt: „Na geht’s wieder in den Urlaub?“

          Laut Anklage überfielen Böhnhardt und Mundlos am 4. November abermals eine Bank. Anschließend hätten sie sich in ihrem Wohnmobil erschossen. Daraufhin schüttete Zschäpe nach dem Dafürhalten der Bundesanwaltschaft in der gemeinsamen Wohnung literweise Benzin aus und zündet es an. Er habe, sagt Olaf B., es erst nicht glauben wollen, als er angerufen wurde und hörte, dass fast das ganze Haus abgebrannt sei. „Ich dachte erst: Das ist versteckte Kamera.“

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