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NSU-Prozess : Entschieden haben andere

Im Urlaub gewesen: Lutz Irrgang Bild: Kaufhold, Marcus

Der frühere Direktor des Hessischen Verfassungsschutzes wird im NSU-Prozess stundenlang vernommen, sagt aber nicht viel Neues. Er verteidigt seine Behörde - die nach Ansicht der Nebenklage nicht gerade kooperativ war.

          Im NSU-Verfahren hat am Mittwoch der ehemalige Direktor des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Lutz Irrgang, zu seinem ehemaligen Mitarbeiter Andreas T. ausgesagt. Andreas T. galt im Mordfall Halit Yozgat zunächst als Beschuldigter, da er sich offenbar am 6. April 2006, als Yozgat in einem Kasseler Internetcafé erschossen wurde, ebenso dort aufgehalten hatte. Lutz Irrgang gab am Mittwoch an, dass er von dem Mord an Halit Yozgat erst am 12. April 2006 nach seinem Urlaub erfahren habe.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Kurz darauf habe man ihm dann gesagt, dass Andreas T. unter Mordverdacht stehe. Als Andreas T. Ende April aus der Untersuchungshaft entlassen worden sei, habe er dann Andreas T. um die Abgabe einer dienstlichen Erklärung gebeten. In dieser Erklärung gab Andreas T. nach seinen Angaben lediglich zu, in dem Internetcafe gewesen zu sein. „Sonst hatte ich keinen Kontakt zu Andreas T.“ Er habe nie mit ihm über die Ereignisse am 6. April 2006 gesprochen. Dann hat er ihn nach seinen Angaben nur noch einmal im Sommer getroffen, als Andreas T. offiziell vom Dienst suspendiert wurde. Bei dieser Gelegenheit habe er ihm gesagt: „Falls noch irgendetwas zum Sachverhalt zu sagen ist, wäre es jetzt die Gelegenheit.“

          Er solle dabei auch an die Verantwortung für seinen neugeborenen Sohn denken. Doch T. habe gesagt, er bleibe bei seiner dienstlichen Erklärung. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl las darauf das Protokoll einer Telefonüberwachung vom 29. Mai 2006 vor. Darin hatte der Vorgesetzte von Andreas T. in der Außenstelle Kassel zu T. gesagt, dass er „sich beim Irrgang nicht so restriktiv“ verhalten habe wie bei der Polizei. „Wie kommt es denn zu dieser Angabe?“, fragte der Vorsitzende. Damit könne „ausschließlich“ die dienstliche Erklärung gemeint sein, sagte Irrgang dazu. „Ich habe sonst keinen Kontakt zu Andreas T. gehabt.“

          Sehen und wissen

          Der Vorsitzende Richter fragte mehrfach, wie es denn sein könne, dass er als Direktor seinen Mitarbeiter suspendiert habe und angeblich nie die Rolle des Andreas T. überprüft habe? Das führte Irrgang darauf zurück, dass der Landespolizeipräsident ihn schließlich explizit gebeten habe, dass sich seine Behörde „aus dem Sachverhalt zurückziehen“ solle. „Es sollte keinerlei Kontakt zur Polizei entstehen, soweit von dort nicht Fragen kämen.“ Die Staatsanwaltschaft habe darauf während der Ermittlungen angefragt, bestimmte Personen, die „Quellen“ von Andreas T., zu vernehmen.

          Diese Anfrage habe seine Behörde an die Aufsichtsbehörde, das Hessische Innenministerium, weitergeleitet, sagte Irrgang. Das Innenministerium hatte die Befragung dann untersagt. „Die Aufsichtsbehörde hat das entschieden.“ Der ehemalige Direktor des Landesamtes sagte zu dem Mord, sie hätten damals „wirklich nicht gewusst“ wer dafür verantwortlich sein könne. Allerdings hob er hervor, dass er sich „nie etwas geschenkt habe bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus“. Er habe das auch öffentlich vertreten. So sei auf ihn zum Beispiel im November 2005 ein Anschlag verübt worden. Er sei in der Garage im Auto überfallen worden, nur mit Glück habe er überlebt. Man habe ihn und seine Familie ausgespäht, die Polizei habe nie etwas herausfinden können. Für ihn sei es nicht unwahrscheinlich, dass Rechtsextremisten dafür verantwortlich seien.

          Auch Andreas T. wurde am Mittwoch abermals vernommen. Am Dienstag war eine Videorekonstruktion der Polizei gezeigt worden. In diesem Film sah man Andreas T., der noch einmal die Wege abschritt, die er in dem Internetcafé genommen hatte, nachdem er seine Sitzung an dem Computer beendet hatte. Nach den Ermittlungen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass T. zu dem Zeitpunkt anwesend war, als der Mord geschah. Andreas T. hatte stets bestritten, etwas gesehen oder gehört zu haben. Doch die Zeitspanne zwischen seinem Verlassen des Internetcafés und dem Eintreffen der Täter wird als äußerst kurz, kaum eine Minute, eingeschätzt. Da T. auf dem Video schnellen Schrittes durch die Räume ging, wollte ein Nebenklagevertreter am Mittwoch wissen, ob er etwas von der kurzen „Zeitspanne“ gewusst habe? Ja, das habe er gewusst.

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