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NSU-Prozess : Ein Zeuge mit Erinnerungslücken: „Alles Satire“?

Auf dem Weg in den Zeugenstand im Münchner Gerichtssaal: Der Zeuge André K. an diesem Mittwoch Bild: dpa

Der Zeuge André K., der mit Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in rechtsradikalen Gruppierungen aktiv war, beruft sich bei der Vernehmung über seine Kontakte zum NSU-Terrortrio auf Erinnerungslücken.

          Er habe doch wirklich alles versucht. So oft habe er sich in den vergangen Monaten gefragt, wie das eigentlich damals gewesen sei, mit dem Abtauchen der beiden Uwes und Beate Zschäpe. „Aber glauben Sie mir, ich weiß auch nicht mehr, was ich zum Uwe Böhnhardt gesagt habe, da können Sie zehnmal nachfragen.“ Der Zeuge André K., der in den neunziger Jahren zusammen mit Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in rechtsradikalen Gruppierungen aktiv gewesen sein soll, wirft am Mittwoch dem Gericht ein paar Häppchen hin und beruft sich bei allen Details, bei Namen, Adressen, Gesprächsinhalten auf Erinnerungslücken durch die 16 Jahre, die seit der Flucht der drei Weggefährten aus Jena im Jahr 1998 vergangen seien.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Wie haben Sie von der Flucht erfahren?“, fragt Richter Manfred Götzl. – „Der Uwe Böhnhardt hat mich angerufen und gesagt, dass gerade Hausdurchsuchung ist, da bin ich zu ihm gekommen. Dann hat er mir gesagt, dass er wegfährt.“ Hausdurchsuchungen seien ja damals „ganz normal“ gewesen. Da sei er schnell gekommen, um „Beistand“ zu leisten.

          Stundenlange Vernehmung

          Einen Beistand hat er an diesem Mittwoch auch dabei, sein Rechtsanwalt, der genauso kahl rasiert ist wie er, sitzt neben ihm. Er habe ja nicht ahnen können, sagt André K., dass die sich „auf unabsehbare Zeit“ absetzen. „Waren Sie mal in Chemnitz in einer Wohnung?“, fragt Götzl. „Kann mich nicht an Wohnungen erinnern.“ – „Haben Sie mal Geld überbracht, 1998?“ – „Kann ich jetzt gar nicht genau sagen.“ – „Haben Sie mal Geld oder Kleidung bei Frau Böhnhardt abgeholt?“ – „Keine Erinnerung, dass ich da mal irgendwas abgeholt habe.“

          Was er während seiner stundenlangen Vernehmung sagt, lässt sich in wenige Sätze fassen: Nach seinen Angaben hat er telefonisch den Kontakt zu den Dreien gehalten, über Codes wurden Angaben zu Telefonzellen und neue Termine weitergegeben.

          Schleppend berichtet er, dass er für alle drei Pässe besorgen sollte, die „Namen“ seien jedoch noch nicht festgelegt gewesen. „Irgendwann kamen auch Lichtbilder.“ Ein Pass hat nach seinen Angaben 1000 Mark gekostet, am Ende habe er jedoch diese „leeren Pässen“ gekauft, mit denen man nichts habe anfangen können. Ob er auch mit Zschäpe gesprochen habe, wisse er nicht mehr, einmal sei es wohl um Südafrika als mögliches Fluchtland gegangen. Weder die Aufenthaltsorte noch die Pläne seien ihm bekannt gewesen: „Das wollte ich auch gar nicht wissen.“

          Eine rechtsradikale „Geburtstagszeitung“

          Genauso wenig kann er sich daran erinnern, warum in einer „Geburtstagszeitung“, die Jana A. und Ralf Wohlleben für ihn im Herbst 1998 gebastelt hätten, Bilder von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe abgebildet seien. Böhnhardt ist dort mit der Berufsbezeichnung „Kofferbauer“ angegeben, in Anspielung auf eine Bombe, die er in Jena in einem Koffer deponiert haben soll.

          Das in der „Zeitung“ sei doch alles Satire gewesen, sagt André K., als Götzl aus dem Machwerk zitiert: Dort ist unter anderem von der „Umwidmung“ des Konzentrationslagers Buchenwalds in eine Tankstelle für Gas die Rede und der Vermerk, dass André K. gerne einmal „Ignatz Bubis brutal ermorden will“.

          Ob denn Gewalt damals ein Thema in seinem engen Freundeskreis gewesen sei? Sicher habe es in der Szene Diskussionen über Gewalt gegeben, aber sie seien ja auch angegriffen worden, von den „Linken“. Doch ob Böhnhardt oder Mundlos eine „Zelle“ haben gründen wollen, nein, das habe er nicht in Erinnerung.

          Laut Anklage haben Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe nach ihrer Flucht den „Nationalsozialistischen Untergrund “ (NSU) gegründet. Dass ein Richter des Staatsschutzsenats die Abkürzung „NSU“ auf einen seiner Ordner geschrieben habe, nahm die Verteidigung von Beate Zschäpe am Mittwoch zum Anlass, Richter Peter Lang wegen der Besorgnis der Befangenheit abzulehnen.

          Der Nachweis einer terroristischen Vereinigung namens „NSU“ und der mutmaßlichen Mitgliedschaft von Frau Zschäpe sei ja erst zu führen, trägt Verteidiger Wolfgang Heer vor. Also sei diese Aufschrift ein Hinweis auf die Voreingenommenheit des Richters. „NSU“ sei doch nur eine „schlagwortartige Verkürzung der Prozessinhalte“ erwiderte die Sitzungsvertreterin des Generalbundesanwaltes, Anette Greger, und wies den Antrag als unbegründet zurück.

          Das Gericht braucht Geduld

          Die Geduld des Gerichts wurde in dieser Prozesswoche nicht nur durch langwierige Zeugenbefragungen – was immer der Fall ist, wenn Zeugen aus dem „Umfeld“ der Angeklagten gehört werden – auf die Probe gestellt.

          Schon am Dienstag musste der Vorsitzende den Sachverständigen des Bundeskriminalamts immer wieder darauf hinweisen, seine Ausführungen doch bitte den konkreten Mordfällen zuzuordnen. Der Beamte hatte dargelegt, dass die Waffe Ceska samt aufgeschraubtem Schalldämpfer, die im Brandschutt der Wohnung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gefunden worden war, die Tatwaffe bei neun Morden gewesen sein müsse. Nach seinen Ausführungen zeigen die Projektile und Hülsen, die an den Tatorten sichergestellt wurden, dieselben Merkmale auf wie die Vergleichsmunition, mit der die Ceska im Bundeskriminalamt „beschossen“ wurde. Zudem habe man bei der Tatmunition Aluminium-Spuren festgestellt, was darauf hindeuten könnte, dass ein Schalldämpfer verwendet worden sei.

          Jedes Geschoss erhält bei seinem Weg durch den Lauf einer Waffe charakteristische Spuren. Ebenso prägt zum Beispiel der Stoßboden die Hülse. Projektile und Hülsen aus Kapitalverbrechen werden im BKA, ähnlich den DNA-Spuren, gesammelt. Stellt die Polizei auch eine mutmaßliche Tatwaffe sicher, kann man durch das Beschießen mit Vergleichsmunition den Nachweis führen, ob der Täter mit genau dieser Waffe geschossen hat oder nicht. Im Brandschutt war auch die Waffe Bruni, eine umgebaute Schreckschusspistole, gefunden worden. Diese Waffe wurde laut Anklage ebenfalls bei manchen Morden verwendet. Die „Bruni“ sei jedoch so deformiert gewesen, dass ein Nachweis nicht mehr bei allen Geschossen zu führen gewesen sei. „Ausschließen kann man es allerdings auch nicht.“

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