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NSU-Prozess : „Die waren oft im Keller“

Beinahe mit einem Bein im Gefängnis: Die letzte Unterkunft des NSU in der Zwickauer Frühlingsstraße nach der Explosion Bild: dapd

Eine Zwickauer Nachbarin hat Beate Zschäpe als Susann D. kennen- und schätzen gelernt. Ihr konnte sie alles erzählen. Umgekehrt war das Mitteilungsbedürfnis wohl nicht so groß.

          Den schönsten Keller im Haus, den mit der doppelten Tür, hatte die Nachbarin Susann D. Das berichtet am Dienstag die Zeugin Heike K. vor Gericht. Die Eisenbahntransportfacharbeiterin aus Zwickau war eine Nachbarin von Beate Zschäpe, als sie mit Uwe Böhnardt und Uwe Mundlos in der Zwickauer Polenzstraße wohnte. Heike K. hatte Beate Zschäpe dort 2006 als Susann D. kennen- und schätzengelernt. Susann sei ihre beste Freundin und engste Vertraute gewesen. So vertraut, dass Heike K. ihr alles erzählte: über die Tristheit ihres Liebeslebens, Kinder- und Geldsorgen, Gezanke mit den Nachbarn. Nein, umgekehrt habe ihr die „Susann“ nie etwas erzählt: „Da frag ich doch nicht, ich frag niemanden aus, wenn er mir das nicht von sich aus erzählt“, sagt sie immer dann, wenn der Vorsitzende Richter und Nebenklägervertreter sich wundern, ob das Mitteilungsbedürfnis wirklich so einseitig gewesen sei.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Glaubwürdigkeit der Zeugin wird noch durch einiges mehr erschüttert: Die beiden Männer, die sich mit Susann in ihrer Wohnung aufhielten, seien angeblich nie Thema gewesen. Sie habe die auch kaum gesehen. „Die waren oft im Keller, da brannte dann das Licht noch lange.“ Und ihr Sohn Patrick K. der am Dienstag auch aussagt, will angeblich die Männer nicht im Haus gesehen haben. Nur einmal, sagt Heike K., habe Susann gesagt, dass sie mit ihrem Lebensgefährten seit 19 Jahren zusammen sei. Näher nachgefragt hat Heike K. jedoch nach ihren Worten nie: Nicht nach Berufen, Einstellungen, den Wohnwagen auf dem Parkplatz oder Urlaubszielen – auch nicht, wenn sich Susann D. für acht Wochen in die Ferien verabschiedet habe.

          Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wohnten von 2001 bis 2008 in der Erdgeschosswohnung in der Polenzstraße. Dort kam es dann auch im Dezember 2006 zu dem Vorfall, der die Wohngemeinschaft im Erdgeschoss in Gefahr brachte, enttarnt zu werden. Wasser war in der Wohnung über der Erdgeschosswohnung ausgelaufen, auch die Wohnung von Beate Zschäpe war betroffen. Zudem stand der Vorwurf im Raum, jemand habe etwas aus der oberen Wohnung gestohlen. Bei der Vernehmung als Zeugin bei der Polizei hatte sich Zschäpe, die Frau aus der Erdgeschosswohnung, dann als Susann E. ausgegeben – mit Ausweis, wie am Montag der damals zuständige Polizeibeamte vor Gericht aussagte. Susann E. ist der Name der Ehefrau des ebenfalls angeklagten Andre E. Zunächst sei ihm die Frau von Nachbarn als die Mieterin Lisa D. genannt worden. Bei der Polizei habe Susann E. dann nur gesagt, sie sei eben öfter in der Wohnung der D. Die Zeugin wurde entlassen, die Polizei ermittelte nicht weiter.

          Sie war auch immer so nett zu den Kindern

          Nach der Polenzstraße wurde die Wohnung in der Frühlingsstraße das letzte Domizil, bis Beate Zschäpe diese Wohnung laut Anklage am 4. November 2011 in Brand setzte. Sie habe nie gewusst, wohin Susann gezogen sei, sagt Heike K. am Dienstag. „Das hat mich doch nicht interessiert, wo jemand hinzieht.“ Doch Susann hat sie weiter interessiert, denn Susann kam etwa alle drei Wochen auch weiter in die Polenzstraße, öfter mit einer Flasche Wein. Heike K. springt in ihren Schilderungen wild zwischen Susann, Lisa und Beate hin und her. Auch die Nebenkläger nutzen die drei Namen, allerdings um deutlich den bewussten Gebrauch von Tarnnamen herauszustellen: „Haben Sie jemals mit Beate, Susann oder Lisa über Ausländer gesprochen?“. „Nein“. „Über Türken?“. „Nein“. „Über Asylbewerber?“. „Nein.“

          Laut Vernehmungsprotokollen hat Beate Zschäpe zu Patrick K. jedoch einmal gesagt, sie möge keine Ausländer, die nur vom Staat leben. Am Dienstag will sich Patrick K. daran auch nicht erinnern. Und seine Mutter fängt an, laut zu werden, als sie von Nebenklägern auf ihr Fernsehinterview angesprochen wird, das sie nach dem Bekanntwerden des NSU gegeben hat. Ja, sie habe gesagt, dass nicht alle „Rechten“ böse seien, dass manche eben auch „friedlich“ ihre Ziele verfolgen. Und auf Nachfragen gibt sie auch zu, dass mit Beate Zschäpe doch einmal Politik zur Sprache gekommen sei: Als im Fernsehen über eine Demonstration von Rechtsradikalen berichtet worden sei, habe ihr Sohn gesagt: „Da wäre ich auch gerne dabei.“ Beate Zschäpe habe daraufhin gesagt, er solle bloß die Finger davon lassen, das bringe nur Unglück. Sie habe fast mal mit einem Bein im Gefängnis gestanden deswegen.

          Die Zeugin vermeidet tunlichst, ebenso wie ihr Sohn, die Angeklagte in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen. So hebt Heike K. hervor, dass die Susann oft den Einkauf für sie und ihre Kinder bezahlt habe. Sie sei auch immer so nett zu ihren Kindern gewesen sei. Das letzte Treffen mit Beate Zschäpe war nach ihren Angaben Anfang November 2011. An diesem Abend sei sie zu Fuß zu ihr gekommen. Sie habe an dem Abend beunruhigt gewirkt, nicht so wie sonst. Zum Abschied habe sie Tränen in den Augen gehabt und Heike K. ganz fest gedrückt. „Ich habe mir gedacht, sie hat etwas auf dem Herzen.“ Sie habe sie auch gefragt, doch sie habe gesagt, es sei nichts.

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