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NSU-Prozess : Die verschlungenen Wege der Ceska 83

Der Angeklagte Carsten S. im Gerichtssaal Münchner Gerichtssaal Bild: dpa

Es soll die Waffe gewesen sein, mit der Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos neun Menschen aus nächster Nähe erschossen haben: die Pistole Ceska Modell 83, Kaliber 7,65. Aber wie gelangte die Waffe zum NSU-Trio nach Jena?

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          Der ehemalige Waffenhändler Franz Sch. zerstört zunächst einmal einige Illusionen des Verteidigers von Ralf Wohlleben. „Wissen Sie“, sagt er bedächtig und mit schweizerischem Akzent, „das ist nicht so, dass ich mich mit dem Lieferanten in einer dunklen Tiefgarage treffe.“ Waffenhandel sei ein Gewerbe wie der Handel mit anderen Waren auch, er verlaufe nach gesetzlichen Vorgaben und finde nicht unter dem Tisch statt. Der sonst nie um Worte verlegene Verteidiger Olaf Klemke muss sich geschlagen geben mit seinem Versuch, den Zeugen in die Schmuddelecke zu stellen. Denn Franz Sch. beantwortet souverän jede Frage nach An- und Verkauf seiner Waffen – insbesondere einer Waffe, um die es an diesem Mittwoch im NSU-Verfahren geht: die Pistole Ceska Modell 83, Kaliber 7,65.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Damit sollen laut Anklage Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos neun Menschen aus nächster Nähe erschossen haben. Der Mord an der Polizistin Michelle Kiesewetter ist demnach mit einer anderen Waffe begangen worden. Im Brandschutt der Wohnung in Zwickau war eine Ceska dieses Modells im November 2011 gefunden worden.

          Die Pistole konnte nach kriminaltechnischen Untersuchungen als Tatwaffe den neun Morden zugeordnet werden, die als „Ceska-Serie“ bezeichnet wurden. Der Angeklagte Carsten S. hatte vor Gericht ausgesagt, die Waffe im Auftrag des Angeklagten Ralf Wohlleben für die untergetauchten Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe besorgt zu haben. Im Frühjahr 2000 habe er sie den beiden Männern in Chemnitz übergeben.

          „Ein deutsches Modell“

          Nach seinen Aussagen hat Ralf Wohlleben ihn damals in ein Geschäft in Jena geschickt, in dem Andreas S. Neonazi-Artikel verkauft habe. Er habe dann bei Andreas S. die Waffe bestellt, das Geld für die Waffe habe ihm Wohlleben gegeben. Nach seinen Angaben hatten Böhnhardt und Mundlos bei ihm ein „deutsches Modell“ samt Munition bestellt. Daraufhin habe er die Bestellung so weitergegeben. Einen Schalldämpfer habe er bei Andreas S. nicht bestellt. Geliefert habe ihm dieser schließlich jedoch die tschechische Pistole Ceska samt Schalldämpfer – diese Waffe will Carsten S. in den Vernehmungen während des Ermittlungsverfahrens eindeutig wiedererkannt haben. Nach den Ermittlungsergebnissen stammt sie ursprünglich von Franz Sch., der bis 2003 in der Schweiz ein Waffengeschäft betrieb.

          Schweigt und lächelt: Die Angeklagte Beate Zschäpe
          Schweigt und lächelt: Die Angeklagte Beate Zschäpe : Bild: dpa

          „Man brauchte auf jeden Fall einen Waffenerwerbsschein, um eine Faustfeuerwaffe bei mir zu kaufen“, sagt Franz Sch. am Mittwoch. Zudem habe man bei ihm ein amtliches Dokument mit einer Adresse vorlegen müssen. Er habe damals bei einer Firma etwa acht bis zehn „Sets“ des Ceska-Modells bestellt, da dieses seltene Modell damals „gut nachgefragt“ gewesen sei. Allerdings habe er es immer nur „als Set“, also zusammen mit einem Schalldämpfer gekauft und verkauft. Seine Angabe könnte somit die Aussage von Carsten S. stützen, der nie eigens einen Schalldämpfer bestellt haben will.

          Nach den Geschäftsunterlagen von Franz Sch. wurde die Tatwaffe offenbar am 11. April 1996 innerhalb der Schweiz an den Kunden Anton G. versandt. Somit habe dieser zuvor den Erwerbsschein sowie ein amtliches Dokument vorlegen müssen, sagt Franz Sch.

          Nach den Ermittlungsergebnissen gelangte die Waffe schließlich über mehrere Mittelsmänner nach Jena, wo sie Carsten S. dann vermutlich im Frühjahr 2000 kaufte. Der Schweizer Anton G. ist ebenfalls als Zeuge im Prozess geladen, sagte sein Erscheinen am Mittwoch jedoch ab. Ebenfalls geladen ist der Schweizer Hans-Ulrich M., der am Donnerstag zu den weiteren Wegen der Ceska befragt werden sollte. Auch er hat schon angekündigt, nicht vor Gericht zu erscheinen. Man werde versuchen, sagte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl am Mittwoch, über die Schweizer Behörden zu beantragen, dass die Zeugen doch erscheinen mögen. Zwingen kann man sie hingegen nicht. So blieben am Mittwoch manche Stationen der Ceska weiterhin im Dunklen.

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