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NSU-Prozess : Die Erinnerung des Bankdirektors

Gleiche Masken: Der Banküberfall des NSU in Arnstadt, wenige Wochen vor dem in Eisenach Bild: dpa

Im NSU-Prozess geht es zum ersten Mal um einen der fünfzehn Raubüberfälle, die der Terrorgruppe zur Last gelegt werden. Eine Zeugenaussage legt nahe, dass Beate Zschäpe zuvor am Tatorte in Eisenach gewesen sein könnte.

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          Ein fünf-Euro-Schein liegt vor einem geöffneten Schrank auf dem Boden. „Das war alles was, uns geblieben ist.“ Zeuge Stefan C., 32 Jahre alt, Bankkaufmann, steht am Dienstag an der Richterbank und beschreibt Fotos, die die Räume einer Bankfiliale in Eisenach zeigen, kurz nachdem diese am 4. November 2011 überfallen wurde. Stefan C. war damals Leiter der Filiale, auch während des Überfalls war er dabei.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Filiale gibt es heute nicht mehr. Bald nach dem Überfall am 4. November 2011, der zur Enttarnung des NSU führte, wurde die Zweigstelle geschlossen. Vermutlich wegen der nicht gerade einzahlungskräftigen Kundschaft in der Umgebung: „Da waren ja überwiegend Rentner und Arbeitslose“, sagt Nadine W., die früher auch in der Bank gearbeitet hat. Bis der 4. November 2011 ihr Leben so verändert hat, dass sie es danach nur noch ein halbes Jahr ausgehalten hat, in einer Bank zu arbeiten. Heute ist sie Sachbearbeiterin in einer Elektronikfirma.

          Am 4. November 2011 haben nach den Ermittlungen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Filiale in Eisenach ausgeraubt. Demnach fuhren sie anschließend mit Fahrrädern zu ihrem Wohnmobil und flohen. Ein weiterer Zeuge sagt am Dienstag vor Gericht, er habe an dem Tag zwei Fahrradfahrer beobachtet, wie sie in Windeseile angefahren gekommen seien und die Räder auf einem Parkplatz in ein Wohnmobil verstaut hätten, um dann mit durchdrehenden Rädern fortzufahren. Den einen Mann habe er später als Uwe Mundlos wiedererkannt. Die Polizei in Eisenach spürte das Wohnmobil kurz darauf auf. Schüsse fielen, Flammen loderten. Am Ende waren Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos tot, im Wohnmobil fand man die Scheine aus der Bank.

          Um kurz nach neun Uhr an dem 4. November 2011 sei er aus seinem Büro in die Schalterhalle gekommen, um zu schauen, was dort für ein Lärm sei, sagt Stefan C. Zwei maskierte Männer mit Waffen habe er gesehen, zwei Kunden hätten auf dem Boden gelegen. Einer der Männer habe eine Kollegin um den Tisch „gejagt“. Dann habe er gehört, wie einer der Männer zu seinem Komplizen mit Blick auf ihn gesagt habe: „Du schnappst ihn!“. Der Mann zielte auf ihn, hielt ihm bald darauf einen „Revolver“ an den Kopf. Sie seien zur „Notkasse“ gegangen, wo sich eine Kollegin verschanzt hatte. Stefan C. ruft ihr zu, sie solle die Tür aufmachen, doch die Kollegin reagierte nicht. „Mach sofort die Tür auf!“. In dem Raum habe der Täter die ganze Zeit auf ihn gezielt. Auch Nadine W. habe er die Waffe in die Seite gehalten. Sie gaben ihm das ganze Geld, der Täter ließ aus Versehen Geldbündel fallen, die Kollegin klaubte die Scheine vom Boden auf . „Ich will mehr Geld“, habe der Mann gesagt. „Es gibt nicht mehr“, sagte der Filialleiter. „Das ist doch eine Lüge!“ Er schlug mit der Waffe zu, Stefan C. stürzte blutend zu Boden.

          Zschäpe könnte Bank ausgespäht haben

          Stefan C. stand auf und versuchte dann, dem Bankräuber zu erklären, dass sie an das Geld im Tagestresor nicht herankämen, wegen der Zeitschaltuhr. Schließlich sei der Mann mit seiner Kollegin in den Keller zum Tresorraum gegangen und habe dort weitere Geldscheine in seine Plastiktüte gestopft. „Der wollte nur Scheine, keine Münzen“, sagt Nadine W. Vor der Polizei berichteten die Zeugen nach dem Überfall auch von einem Vorfall, der sich Tage zuvor zugetragen hatte.

          Eine Frau war mit zwei Männern in die Bank gekommen und hatte etwas von einer nicht funktionierenden EC-Karte erzählt. Die Männer, habe die Frau gesagt, könnten kein Deutsch sprechen. Sie habe dann die Angaben der Bankangestellten ins Englische übersetzt. Von den Personen gab es Bilder einer Überwachungskamera der Bank. Stefan C. verneinte vor Gericht mit Nachdruck, dass die Männer den Bankräubern ähnlich gesehen hätten. Auch die Bilder von Böhnhardt und Mundlos habe er bei der Polizei nicht zuordnen können.

          Und die Frau? Er könne nicht sagen, ob die Frau Beate Zschäpe ähnlich gesehen habe, sagt Stefan C. vor Gericht. Die Qualität der Bilder sei zu schlecht gewesen. Nach sechs Minuten, die sich für die Überfallenen wie Stunden anfühlten, waren die Täter entkommen. Vor Gericht geben die Zeugen an, dass die beiden Männer Kapuzenjacken getragen hätten und etwa 1,90 Meter groß gewesen seien. Der eine habe eine Maske wie aus dem Film „Scream“ getragen, sagt Stefan C., der andere eine Tiermaske, vielleicht eine „Gorillamaske“.

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