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NSU-Prozess : Die Bombe im Geschenkkorb

Beate Zschäpe im Münchner Oberlandesgericht: Wie tief war die Hauptangeklagte im NSU-Prozess in den Bombenanschlag in Köln 2001 verstrickt. Bild: dpa

Es war ein besonders heimtückischer Anschlag, den die junge Frau in Köln nur knapp überlebte. Das Bombenattentat vom 19. Januar 2001 wird der rechtsextremen Terrorzelle NSU zugeschrieben. Im Prozess gegen Beate Zschäpe und andere wird der Anschlag erstmals juristisch aufgearbeitet.

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          Sie habe, sagt der Polizeibeamte, „wirklich schlimm“ ausgesehen. „Auch noch lange danach, als ich sie dann im Krankenhaus befragt habe.“ Die Frau, von der er als Zeuge am Dienstag vor Gericht spricht, hat wochenlang auf einer Station für Schwerstverbrannte gelegen, musste mehrmals operiert werden.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Am 19. Januar 2001 hatte sie gegen 7 Uhr morgens eine große rote Metalldose mit goldenen Sternen geöffnet. Sie sah eine Gasflasche, schloss die Dose sofort wieder. Zu spät, der Auslöser reagierte, der mit Schwarzpulver gefüllte Gasdruckbehälter zerbarst, die Explosion verbrannte ihren Körper und zerfetzte die Metalldose in dutzende messerscharfe Splitter, die der jungen Frau das Gesicht, Arme, Beine zerschnitten.

          Die Polizei, die den Tatort später sicherte, fotografierte den kleinen Raum, in dem die Bombe explodierte: den schwarzen Brandfleck an der Wand, die zerstörte Decke, die zerbrochene dicke Tischplatte, auf der die Dose in einem Korb stand. Auf den Fotos, die im Gericht gezeigt werden, sieht man neben der verkohlten Hose, die die Frau an dem Tag trug, auch eine Ladentheke mit Aufstellern für Kaugummi, Schokoladenriegel und Brötchen für die frühe Kundschaft.

          NSU bekannte sich in Video zu dem Anschlag

          Dahinter lag der Aufenthaltsraum, in dem die Dose stand. Der Sprengstoffanschlag in einem kleinen Lebensmittelgeschäft in der Kölner Probsteigasse in der Altstadt ist am Dienstag zum ersten Mal Thema im Verfahren gegen die rechtsextreme Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) thematisiert worden.

          Der Anschlag ist - ebenso wie die Morde - in das Bekennervideo des NSU eingearbeitet. Einige Tage vor Weihnachten im Jahr 2000, so die Anklage, sei Uwe Böhnhardt oder Uwe Mundlos mit einem Weidenkorb in das Geschäft in Köln gekommen. Nach Köln seien Böhnhardt und Mundlos in einem Wohnmobil gefahren, das der angeklagte André E. für sie gemietet habe.

          In dem Geschäft habe dann der Täter eine Flasche Whisky in den Korb gelegt, in dem neben einer Tüte Erdnussflips auch schon eine rote Dose mit weißen Sternen gelegen habe, verpackt mit Geschenkband. Der Mann sei zur Kasse gegangen und habe dann vorgegeben, sein Portemonnaie vergessen zu haben.

          Opfer entkam nur knapp dem Tod

          Den Korb stellte er ab und verließ das Geschäft, um das Geld zu holen, wie er sagte. Er kam nie zurück. Die Familie mit iranischen Wurzeln, die den Laden betrieb, stellte den Korb in ihren kleinen Aufenthaltsraum hinter der Ladentheke. Dort frühstückten die Kinder morgens, bevor sie zur Schule gingen. Am 19. Januar 2001 saß dort die 19 Jahre alte Tochter und öffnete die Dose.

          Eine ähnliche, etwa einen halben Meter breite, rote Dose mit weißen Sternen steht am Dienstag auf dem Zeugentisch. Ein Sprengstofffachmann des Landeskriminalamt in Düsseldorf, der damals auch ermittelte, hat sie mitgebracht, um die Größenverhältnisse zu demonstrieren. Er sagt auch, wie weit die Metallfetzen geflogen seien. „Das hätte für jeden tödlich sein können.“

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