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NSU-Prozess : Die Aussage des Boten

Nach mehr als einem Jahr: Beate Zschäpe zwischen ihren Anwälten Bild: dpa

Im NSU-Prozess belastet ein Zeuge den Angeklagten Ralf Wohlleben und erzählt, wie nah die Polizei an den Untergetauchten gewesen sei. Transportierte Zeuge Jürgen H. unwissentlich eine Waffe für die Terrorgruppe?

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          Lebt der Zeuge noch? Schwer zu sagen, so regungslos, wie er minutenlang auf seinem Zeugenstuhl verharrt. Dann, ein Wort, danach noch eines: „Telefonzelle.“ „Nein“. Es werden nicht viel mehr werden an diesem Montag, als der NSU-Prozess nach einwöchiger Pause fortgesetzt wird, mit einer gesundeten Angeklagten Beate Zschäpe und einem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl, der, wieder einmal, nicht zu beneiden ist.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Denn der Zeuge Jürgen H., der als Beruf „Spedition“ und auf Nachfragen „fahre“ angibt, ist bis jetzt das Paradebeispiel an Intransigenz dem Gericht gegenüber. Jürgen H. gehört zu den sogenannten Umfeldzeugen. Diese sollen Auskunft geben zum Leben von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Jena Ende der neunziger Jahre, vor allem auch zu ihrer Flucht 1998. Das wäre der Idealfall, im Sinne der gründlichen Aufarbeitung. Doch, und das ist und war allen Beteiligten klar: Vor Gericht sieht es dann ganz anders aus. Jürgen H., der zwar nach eigenem Bekunden ehemals ein guter Freund des Angeklagten Ralf Wohlleben war, kann sich angeblich an so gut wie nichts erinnern, was er mit diesem 1998 getan oder besprochen hat.

          Er antwortet nur bruchstückhaft, gibt seinen Sätzen noch nicht einmal ein Subjekt dazu, wahrscheinlich um seine Abwesenheit als handelnde Instanz nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Syntax her zu demonstrieren. „Wie oft haben Sie Böhnhard und Mundlos getroffen?“ - „Nicht viel zu tun gehabt mit denen“. „Wie waren denn die politischen Ansichten von Herrn Böhnhardt?“ - „Hatte eine rechte Ideologie drin“ -  „Wie hat sich das geäußert?“ - „Springerstiefel, Bomberjacke.“ „Wie war seine Meinung in Bezug auf Ausländer?“ - „Was weiß ich denn jetzt.“

          Immer ein Messer dabei gehabt

          Vor der Polizei klang das anders: Da hatte er angegeben, dass Böhnhardt nicht nur „der bewaffnete Kampf“ zuzutrauen gewesen sei, sondern dass Böhnhardt auch dafür gewesen sei, dass Ausländer „vergast“ werden sollten. Immerhin beschreibt er Uwe Böhnhardt vor Gericht als „sehr durchsetzungsstark“. Er habe immer ein Messer bei sich getragen. „Warum?“ - „Wohl zu seiner Verteidigung.“ Mit Mundlos habe er so gut wie nichts zu tun gehabt, Beate Zschäpe „nur mal ab und zu gesehen“. Darauf wird sich dann Zschäpes Verteidiger Wolfgang Stahl in seiner Befragung stürzen, und ihn, weil es so gut in die Verteidigungsstrategie passt, das einfach noch dreimal sagen lassen.

          Dass eben Beate Zschäpe angeblich nie eine große Rolle gespielt habe, schon gar nicht, wenn es um Gewalt oder Waffen gegangen sei. So dürr seine Angaben, so belastend sind sie trotz allem für Ralf Wohlleben, dem die Anklage Beihilfe zum Mord vorwirft. So zerrt der Zeuge, mehr als unwillig, an diesem Verhandlungstag die Person Ralf Wohlleben in den Vordergrund. Es ist das erste Mal nach gut einem Jahr Verfahrensdauer, dass Wohlleben so prominent in den Aussagen eines Zeugen vorkommt - dabei offenbart der Zeuge jedoch nur das, was die Polizei ohnehin gegen ihn in der Hand hat. So gibt er scheinbar dem zähen Nachfragen des Vorsitzenden nach und berichtet, wie Wohlleben und auch der ebenfalls angeklagte Carsten S. ihm etwa 20 Exemplare des Spiels „Pogromly“ zur Lagerung und zum Verkauf gegeben hätten. Hergestellt haben nach seinen Angaben das Spiel, diese menschenverachtende Hass-Variante von Monopoly, Böhnhardt und Mundlos.

          Für 100 Mark habe er es dann an „Leute aus der rechten Szene“ verkauft, das Geld habe er Ralf Wohlleben oder Carsten S. übergeben. Der Erlös habe den „Dreien“ zugute kommen sollen. Doch Ralf Wohlleben hat ihm demzufolge noch weitere Aufträge erteilt: Jürgen H. sollte nach seinen Angaben mittels einer Telefonzelle den Kontakt zu den 1998 Untergetauchten halten, Treffpunkte vereinbaren und „Sachen“ überbringen. Geflohen seien Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Wohllebens Auto. „Das hat er mir gesagt.“ So habe er einmal, sagt der Zeuge, mit seinem Wagen Ende 1998 eine Plastiktüte zu einem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Zwickau gebracht, wo Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos untergekommen waren.

          Waffe übergeben?

          Doch weder mag er sich erinnern, was in der Tüte war - „war eher weich, nix hartes“ -, noch, wer die Tüte auf dem Parkplatz entgegengenommen hat: „der hatte ein schwarzes Kapuzen-T-shirt an, mit der Kapuze über dem Kopf“. So ein T-Shirt habe auch derjenige „unbekannte Mann“ getragen, der ein Paket entgegennahm, das Jürgen H. nach seinen Angaben kurz darauf in Jena überbracht hatte. Das Paket habe ihm zuvor Ralf Wohlleben gegeben, die Übergabe angekündigt hat Uwe Böhnhardt am Telefon. Nein, sagt Jürgen H. vor Gericht mit einigem Zögern, er habe nicht gewusst, was „drinne“ gewesen sei.

          Zu Protokoll gab er 2012 bei der Polizei: Er vermute heute mit seinem Wissen, dass es eine Waffe gewesen sei. Offenbar war der Mann mit der Kapuze nicht der einzige, der sich für Tüte und Paket interessiert hat. Jürgen H. berichtet am Montag auch, dass neben dem thüringischen Verfassungsschutz und dem Landeskriminalamt (LKA) auch während seiner Bundeswehrzeit 1999 der Militärische Abschirmdienst (MAD) bei ihm vorstellig geworden sei. Das LKA sprach ihn demnach auf seine Kurierfahrten an, man zeigte ihm Fotos von seinem Auto auf dem Parkplatz in Zwickau. Auch von seiner Paket-Übergabe in Jena hätten sie gewusst. Ebenso wie der MAD, der ihn seinen Angaben zufolge fragte, ob er diese „Unterstützerleistungen“ wiederholen werde. Als Informant wiederum habe ihn der ebenfalls informierte Verfassungsschutz gewinnen wollen, das habe er aber abgelehnt.

          Die Polizei, so Jürgen H., habe ihn auf dem Parkplatz sogar mit dem Hubschrauber verfolgt. So hängt im Gerichtssaal über allem die Frage, warum die Polizei zwar sein Auto auf dem Parkplatz fotografieren, ihn beschatten, aber nicht dem weiteren Weg des „Kapuzen-Mannes“ zu den Empfängern der Tüten und Pakete folgen konnte, zu Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Und das lange bevor der erste Mord geschah. Ein Umstand, den viele Nebenklägervertreter wie auch Rechtsanwalt Ferhat Tikbas, der die Angehörigen des Mordopfers Abdurrahim Özüdogru vertritt, als unerträglich empfinden. „Wie kann es sein, dass man das Trio nicht früher aufspüren konnte, wenn die Sicherheitsbehörden doch so nah dran waren?“

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