https://www.faz.net/-gpf-7i2au

NSU-Prozess : Der Mord, den niemand bemerkt haben will

Die Angeklagte Beate Zschäpe kommt an diesem Dienstag in den Gerichtssaal des Oberlandesgerichts München Bild: dpa

Was geschah am 6. April 2006 in Kassel, als Halit Yozgat in einem Internetcafé erschossen wurde? An den Aussagen des Zeugen und früheren hessischen Verfassungsschützer Andreas T. hat der Richter im NSU-Prozess Zweifel.

          3 Min.

          Ismail Yozgat dreht sich weg von der Richterbank, legt sich vor der Anklagebank auf den Boden und drückt das Gesicht in den braunen Teppichboden des Gerichtssaal. Man hört seine Stimme nur noch gedämpft, doch der Dolmetscher übersetzt klar und deutlich: „So hat mein Sohn dagelegen.“

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Über ihm sitzen Beate Zschäpe und ihre Verteidiger mit verschränkten Armen, alle vier scheinbar festgefroren vor ihren Bildschirmen. Dann springt Ismail Yozgat wieder auf, geht zurück zur Richterbank, um auf dem Grundriss seines ehemaligen Internetcafes mit einem Kugelschreiber zu zeigen, wo er am 6.April 2006 seinen Sohn in dessen Blut liegend gefunden hat.

          Halit Yozgats Schulbücher lagen auf dem Tisch, hinter dem er laut Anklage von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos mit zwei Schüssen in den Kopf getötet wurde. Er war 21 Jahre alt und besuchte die Abendrealschule in Kassel. Sein Vater Ismail Yozgat, der am Dienstag vor Gericht als Zeuge aussagte, berichtet, wie er am 6. April gegen 17.05 Uhr in das Internetcafe kam, um seinen Sohn abzulösen, der zur Schule wollte. Da sah er Blutstropfen auf dem Schreibtisch.

          Dann sah er auch seinen Sohn. „Ich nahm ihn in die Arme“, sagt Ismail Yozgat. Er springt von seinem Zeugenstuhl auf, zeigt dem Vorsitzenden, wie er Halit in seinem Arm gehalten hat, dreht sich im Kreis, beginnt zu weinen, ruft: „Er gab keine Antwort mehr, gab keine Antwort.“ Ein Justizbeamter kommt, bittet ihn, sich zu beruhigen, Yozgat setzt sich wieder, seine Frau, die hinter ihm sitzt, streicht ihm immer wieder mit ihrer Hand über den Rücken. Der Vater spricht weiter, berichtet von den zwei roten Flecken am Kopf seines Sohnes, und wie er selbst versuchte, sein Handy zu finden. Schließlich sei er rausgerannt, in ein Teehaus nebenan und habe um Hilfe gerufen. Noch in der gleichen Woche hat Ismail Yozgat seinen Sohn in der Türkei beerdigt.

          Ismael Yozgat, Vater des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat
          Ismael Yozgat, Vater des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat : Bild: dpa

          „Mit welchem Recht haben Sie das getan?“, ruft Ismail Yozgat am Dienstag den Angeklagten zu. Und berichtet von Anfeindungen der Nachbarn und Verwandten, von Türken und Deutschen gleichermaßen. „Immer fragten sie: Warum haben sie Deinen Sohn getötet? Wegen Haschisch, wegen Rauschgift? Wegen der Mafia?“ Er, seine Frau und seine vier Kinder hätten sich bis 2011 kaum getraut, das Haus zu verlassen. „Alle haben uns schlecht behandelt. Aber wir sind eine aufrichtige Familie.“ Er habe später einen Herzinfarkt erlitten, das Internetcafe, ihre Lebensgrundlage, habe die Familie aufgeben müssen. Seinen Sohn und alle anderen Opfer bezeichnet der Vater am Dienstag als „Märtyrer“ und spricht dem Vorsitzenden Richter sein Vertrauen aus: Die Justiz werde über die Täter richten.

          „Haben Sie denn etwas auf dem Schreibtisch liegen sehen“, fragt ihn ein Nebenklägervertreter. „Ja, ein Geldstück.“ Damit leitet er zu dem Zeugen über, der am Dienstag mit Spannung erwartet wurde: Der ehemalige Beschuldigte im Mordfall Yozgat, nunmehr Zeuge Andreas T. – zur Tatzeit Mitarbeiter beim Hessischen Landesamt für Verfassungsschutz. Andreas T. war um die Tatzeit herum in dem Internetcafe. Allerdings meldete er sich nicht freiwillig als Zeuge. Die Polizei fand ihn über die Auswertung der besuchten Internetseiten. Bei der Polizei hatte T. angegeben, dass er nach seiner Internetsitzung Yozgat nicht habe finden können. Dann habe er ihm 50 Cent auf den Tisch gelegt und sei gegangen. Er habe weder etwas Ungewöhnliches gehört noch gesehen.

          Fatale Fehleinschätzung

          Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl wird am Dienstag deutlich: „Die Frage ist, ob Sie sich aus dem Fall raushalten wollten? Haben Sie sich deshalb nicht gemeldet?“ Nein, sagt Andreas T. immer wieder. Zum einen habe er sich im Tag vertan. Der Mord geschah an einem Donnerstag, Andreas T. will davon erst am Sonntag erfahren haben. Da sei er zu dem Schluss gekommen, dass er nur am Mittwoch da gewesen sein könne, schließlich habe er „nichts Außergewöhnliches gehört“. D

          Diese Fehleinschätzung sei „begünstigt“ worden durch seine Angst vor dienstlichen und privaten Konsequenzen. T. ist nach seinen Angaben oft im Internetcafe gewesen, um in einem Flirtportal „zu chatten“. Er sei jung verheiratet gewesen, seine Frau erwartete das erste Kind, da habe er sich nicht offenbaren wollen. Zudem sei in der Nähe des Internetcafes ein „Objekt“ aus dem islamischen Bereich gewesen, das der Verfassungsschutz observiert habe. Er habe damals verschiedene V-Leute geführt, aus dem islamistischen und rechtsextremistischen Bereich. „Mir war bewusst, dass es sich für einen V-Mann-Führer nicht gehört, die Nähe eines Objektes zu suchen, wo man auf Personen stoßen kann, die man führt.“ Doch alle Gründe, die T. für sein Sich-Wegducken angibt, überzeugen den Richter nicht. Sie werden, sagt er, noch weiter vernommen werden.

          Am Montag hatte ein Polizeibeamter aus Kassel ausgesagt, dass T. ungefähr eine Minute und fünf Sekunden gebraucht haben muss, um nach Beendigung der Internetsitzung zu seinem Auto zu gelangen. Um 17.01 Uhr wurde seine Sitzung beendet, gegen 17.05 wurde Halit Yozgat von seinem Vater gefunden. Sollte er noch gelebt und nur nicht am Schreibtisch gesessen haben, dann hätten die Mörder ungefähr 40 Sekunden gehabt, ihn zu töten, da um 17.05 Uhr oder kurz davor sein Vater ihn gefunden hatte. „Vierzig Sekunden, das ist ziemlich knapp“, sagte der Beamte. Demnach besteht noch die Möglichkeit, dass Halit Yozgat schon tot hinter seinem Schreibtisch lag, als T. das Geld darauf gelegt haben will. Allerdings hätte er dann, sagte der Polizist, zumal mit seiner Größe von 1,90 Meter, das Opfer auf dem Boden liegen sehen müssen. „Ich bin der Meinung, dass er ihn gesehen haben muss, wenn er dort schon gelegen hat.“

          Weitere Themen

          „November wird der Monat der Entscheidung“ Video-Seite öffnen

          Armin Laschet : „November wird der Monat der Entscheidung“

          Der NRW-Ministerpräsident fordert die Wiedereinführung strenger Kontaktregeln zur Bekämpfung des Coronavirus. „Die Lage ist sehr, sehr ernst“, im November entscheide sich, wie Deutschland durch die nächsten Monate durch die Pandemie komme, betonte Laschet.

          Topmeldungen

          Neue Corona-Maßnahmen : Treffen unter dramatischen Vorzeichen

          Vor zwei Wochen konnten sich die Ministerpräsidenten nicht einigen. Jetzt sind die Infektionszahlen kaum noch kontrollierbar. Vor dem Treffen mit Merkel fordern immer mehr Politiker und Wissenschaftler harte Einschnitte mit strikten Kontaktbeschränkungen.
          Ilhan Omar spricht bei einem Auftritt im Vorwahlkampf in Minneapolis vergangenen August mit der Presse.

          Wahlkampf in Amerika : Trump attackiert muslimische Abgeordnete

          Sie hasse Amerika, sagt der Präsident über die Amerikanerin Ilhan Omar, und greift auch noch die demokratische Gouverneurin von Michigan an. Joe Bidens Unterstützer setzen unterdessen auch auf Staaten, die eigentlich als sichere Bank der Republikaner gelten. Und Melania Trump hat ihren ersten Solo-Auftritt.
          Unser Autor: Martin Benninghoff

          F.A.Z.-Newsletter : Was bringt der Lockdown-Gipfel?

          Deutschlands sechzehn Ministerpräsidenten suchen einen Konsens über Maßnahmen in der Pandemie-Bekämpfung. Es ist nicht der einzige Showdown in der Hauptstadt. Was sonst noch wichtig wird, der F.A.Z.-Newsletter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.