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NSU-Prozess : Der Brief

Neonazis bewundern Beate Zschäpe schon lange für ihre Radikalität. Und jetzt auch dafür, wie sie büßt.

          3 Min.

          Diese Woche ist ein Brief von Beate Zschäpe publik geworden. Er war die Antwort an einen Neonazi, der ihr aus einem anderen Gefängnis geschrieben hatte. In dem Brief gibt es Passagen, in denen Zschäpe hart und kalt den Mann demütigt, der sie offenbar verehrt, und andere, in denen sie Späßchen macht. Zschäpe schreibt schlau und wortgewandt, und sie garniert den Text mit Zeichnungen, zum Beispiel von einem Schaf. Der NSU hat seine Opfer in einem Video mit Paulchen Panther verhöhnt. Zschäpe wirbt mit den Mitteln, die ihr geblieben sind, genau so für sich wie früher der NSU. In dem Brief zeigt sie sich, wie die rechtsextreme Szene sie schon lange sieht. Jetzt sieht es auch die breite Öffentlichkeit.

          Beate Zschäpe ist eine Rechtsextremistin, die in Untersuchungshaft sitzt. Sie steht im Verdacht, eine rechtsradikale Terrorzelle mitbegründet zu haben, die in Deutschland mindestens zehn Menschen ermordet haben soll. Zschäpe soll an der Ausführung der Morde nicht beteiligt gewesen sein, aber davon gewusst und das Leben des Terror-Trios im Untergrund organisiert haben. Auf Fotos aus den letzten Jahren sieht sie meist unscheinbar aus: ein bisschen verkniffen, mit Brille und zurückgebundenem Haar. Es gibt Berichte über ihre Katzen und über das gute Verhältnis zu ihrer Oma, bei der sie aufgewachsen ist. Bevor der Brief an ihren Verehrer öffentlich wurde, hielten viele Zschäpe für eine orientierungslose Mitläuferin, die da in etwas „hineingeraten“ war. Das ist vorbei.

          Als der Prozess in München begann, schrieben manche Journalisten von der „Coolness“ der „Nazi-Braut“: der dunkle Hosenanzug, das Lächeln, das Noch-mal-in-die-Kamera-Schauen, das Wegdrehen. Aber das waren Äußerlichkeiten. Wie sollte eine Angeklagte denn sonst vor Gericht erscheinen: heulend und in Jogginghose? Andere Journalisten schrieben zornig, man solle nicht so viel darüber schreiben, wie Zschäpe aussehe und auftrete. Wichtig seien schließlich die Opfer. Aber was die Faszinierten beobachtet hatten, schrieben sie in ihren Artikeln ab. Es tauchten auch Bilder aus Zschäpes Jugend auf: Beate als Vierzehnjährige, die mit den Jungs rauchte und flirtete. Später mit langen Haaren und normalen Klamotten, anders als die anderen Frauen in der Szene. Leute, die sie mal gekannt hatten, sagten: Beate war kein Anhängsel der Männer, die hatte ihren eigenen Stil und machte ihr eigenes Ding. Doch für viele waren das nur Beobachtungen aus einer anderen Zeit.

          Die Szene hat jetzt einen Star

          Rechtsradikale beobachteten sie auch während ihrer Jahre im NSU. Als Zschäpe mit Mundlos und Böhnhardt in den Untergrund ging, schrieb eine rechtsextreme Band ein Lied zu Ehren der Drei. Eine Frau singt zur Melodie von Bob Dylans „Knocking on Heaven’s Door“: „Ihr hattet wohl keine andere Wahl, mit eurer Freiheit habt ihr das bezahlt.“ Auf Youtube hat jemand Fotos der drei zu dem Song hochgeladen; Schwarz-Weiß-Bilder, leicht grobkörnig. Es gibt neuere Fotos von den Freunden. Aber keine, mit denen man sie besser zu Ikonen stilisieren könnte. Unter dem Video hat ein Nutzer namens „NSdennisRuhrgebiet“ kommentiert: „Wer sagt, dass es falsch war, was sie getan hat? Sie haben den Worten Taten folgen lassen! 14 88 für ein freies Deutschland!“ 14 steht für ein in der Szene bekanntes Zitat eines amerikanischen Rechtsterroristen. 88 ist der Code für „Heil Hitler“.

          Rechtsextremisten bewundern Beate Zschäpe schon lange für ihre Radikalität. Und jetzt auch dafür, wie sie büßt. Eine rechtsextreme Kameradschaft schreibt auf ihrer Internetseite: „Während es für manche selbsternannten Aktivisten schon zu viel ist, regelmäßig Veranstaltungen zu besuchen und seine Pflicht der Bewegung gegenüber zu erledigen, sitzen unsere Kameraden für mehrere Jahre in den Kerkern des Systems.“ Da ist Zschäpe nun. Und sie bewahrt die Fassung, so lässt sie es zumindest nach außen aussehen. Während draußen ihre Fans Verschwörungstheorien spinnen („Beate Zschäpe wird durch Schlafentzug gefoltert“), bleibt sie still. Für viele Neonazis ist sie sogar stärker als die beiden anderen Terroristen, obwohl denen die Morde zur Last gelegt werden. In einem Blog kommentiert einer: „Respekt vor Beate - sie hat Stil und Rückgrat - weil Mundlos, Böhnhardt Suizid begannen haben... sie ist tapfer und hat Mut bewiesen.“ Es gibt jede Menge solcher Verklärungen. „Halte durch, Beate, auch die schlimmsten Tage geh’n vorbei!“ Und: „Beate, ich liebe dich!“ Rechtsradikale schicken ihr Briefe und Fotos von sich, so wie Teenies einem Popstar.

          Der Umgang mit ihrem eigenen Brief spiegelt diese Faszination. Zeitungen haben Textstellen und Zeichnungen abgedruckt und ausführlich analysiert. Schon vor Monaten hatte einer in einem „offenen Brief“ an die „liebe Beate“ geschrieben, er habe Angst, dass sie „das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen“ werde. Der Mann verglich sie mit Ulrike Meinhof. Die Szene hat jetzt einen Star.

          Friederike Haupt
          Politische Korrespondentin in Berlin.

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