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NSU-Prozess : Das Ende der trügerischen Ruhe

Beate Zschäpes Anwälte Anja Sturm (v.l.), Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl Ende September im Gerichtssaal in München, während die Angeklagte neben ihrem vierten Anwalt Mathias Grasel. Bild: dpa

Im Fall des falschen NSU-Opfers haben drei Verteidiger von Beate Zschäpe das Gericht ins Visier genommen – und damit die eigene Mandantin überrascht. Der Tag endet schließlich mit einer Brüskierung.

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          Was am Mittwoch als Fortsetzung des Debakels um das „falsche Oper“ vor Gericht begann, endete kurz darauf in einer Brüskierung des neuen Verteidigers von Beate Zschäpe. Wolfgang Heer hatte den Antrag gestellt, das Gericht möge doch umfassend klären, wie gründlich es die Nebenklageberechtigung von „Meral K.“ geprüft habe. Er forderte „dienstliche Erklärungen“ vom Vorsitzenden Richter, fragte, warum das Gericht den Zweifeln am Opferstatus, die die Bundesanwaltschaft offenbar schon 2013 geäußert habe, nicht nachgegangen sei. Schon während Heer sprach, drehte sich eine sichtlich überraschte Zschäpe zu ihm um - was sie seit Monaten eigentlich tunlichst vermeidet. Und ihr neuer Verteidiger Mathias Grasel bat umgehend um eine Unterbrechung: „Meine Mandantin und ich hatten keinerlei Kenntnis von dem Antrag.“

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Meral K.“ war als vermeintliches Opfer des Anschlags in der Kölner Keupstrasse als Nebenklägerin zugelassen, bis sich vergangenen Freitag herausstellte, dass es dieses Opfer offenbar nie gegeben hat. Der Nebenklägervertreter hat inzwischen sein Mandat niedergelegt, gegen Attila Ö. den „Vermittler“ des „Opfers“, der selber Nebenkläger ist, wird ermittelt. Heer, der den Antrag auch im Namen seiner Kollegen Anja Sturm und Wolfgang Stahl verlas, will den Vorfall „weiter aufklären“, wie er angab, um dann vielleicht weitere „prozessuale Anträge“ vorzubereiten. „Welcher Art, wissen wir noch nicht“, sagte Heer nebulös, doch in der Luft lag sofort ein Befangenheitsantrag gegen das Gericht. 

          Welche kurz- oder langfristige Strategie der Antrag auch verfolgen soll, keiner der drei Verteidiger hatte es offenbar für angemessen gehalten, Grasel und Zschäpe vorab zu informieren. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, „Warum denn nicht?“, zuckte Heer nur mit den Schultern: „Wir haben Ihnen doch schon ausführlich mitgeteilt, dass unter diesen Bedingungen die sachgemäße Verteidigung der Mandantin unserer Meinung nach nicht gewährleistet ist. Daran hat sich nichts geändert.“ Während der Verhandlungsunterbrechung im Sommer, so Heer, nach Bestellung des neuen Anwalts Grasel, sei,  „dem Zweck einer vernünftigen Einarbeitung nicht entsprochen“ worden. „Und das liegt nicht an uns Dreien.“ Doch Grasel konterte: Natürlich habe er sich eingearbeitet und man habe sich auch getroffen – am 13. Juli, mit allen drei Kollegen in seiner Kanzlei in München. Zudem warf er nun erstmals öffentlich den Kollegen mangelnde Kooperation vor: Oft habe er nach den Aufzeichnungen über die Sitzungstage gefragt, an denen er noch nicht anwesend gewesen sei. Doch Informationen habe er nur zögernd und nach mehrfacher Aufforderung erhalten.

          Antrag nicht vorab gemailt

          Im Gespräch mit dieser Zeitung weist Grasel die Vorwürfe abermals zurück: Er habe seit seiner Bestellung Anfang Juli mehrfach das Gespräch mit den Anwälten gesucht. Die drei Verteidiger hätten jedoch eine Entbindung von ihrer Schweigepflicht durch Beate Zschäpe als Bedingung für ein Gespräch über Inhalte genannt. Demnach kam diese Besprechung erst am 13. Juli zustande, als er die entsprechende Erklärung von seiner Mandantin erhalten habe. „Wir haben uns aber auch danach noch regelmäßig vor und nach der Verhandlung kurz ausgetauscht.“ Natürlich stimme es, so Grasel, dass seine Mandantin nach wie vor nicht mit den Kollegen spreche. „Aber dazu bin ich ja da.“ Er verstehe daher auch nicht, wieso ihm der Antrag der Kollegen nicht vorab gemailt worden sei. „Das haben die Kollegen mit ihren früheren Anträgen sonst auch gemacht.“

          Das Gericht wusste vorab, dass ein Antrag geplant war, warum also sollte es Heer und seinen Kollegen nicht möglich gewesen sein, auch den vierten Kollegen und somit Beate Zschäpe vorab zu informieren? Neue Verwerfungen, die die drei zu diesem Schritt zwangen, scheint es nicht zu geben. Sind die drei Anwälte vielleicht unzufrieden über eine ungleiche Arbeitsaufteilung? Erwarten sie mehr Engagement seitens des Kollegen, mit ihnen in Kontakt zu treten? Aber vielleicht spielt auch die Kränkung, von der eigenen Mandantin mit anwaltlicher Beratung angezeigt worden zu sein, immer noch eine Rolle. So wollten Sturm, Stahl und Heer ihrem Kollegen Grasel vermutlich mal eben demonstrieren, wie Verteidigung geht – trotz einer Mandantin, die nichts mehr von ihnen wissen will. Es scheint also mit der trügerischen Ruhe, die sich auf der Anklagebank nach den Aufregungen um die Entpflichtungsanträge ausgebreitet hatte, erst einmal wieder vorbei zu sein.

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