https://www.faz.net/-gpf-815v3

NSU-Prozess : „Deutliche Entwicklungsdefizite“ bei Carsten S.

Der Angeklagte Carsten S.im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München (Archivbild 2013) Bild: dpa

Im NSU-Verfahren wird das Gutachten über den Reifegrad des Angeklagten Carsten S. im Jahr 2000 dargelegt. Der Generalbundesanwalt wirft dem damaligen Vertrauten des rechtsradikalen Terror-Trios Beihilfe zum Mord vor.

          Der Angeklagte Carsten S. ist eher als Jugendlicher denn als Erwachsener zu beurteilen. Diese Schlussfolgerung zog zumindest der Sachverständige Norbert Leygraf am Mittwoch, als er sein psychologisches Gutachten über die Frage ausführte, welcher Entwicklungsstand Carsten S. im Jahr 2000 zu attestieren sei.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Leygraf wollte sich jedoch nicht genau festlegen und hob hervor, dass es generell „natürlich schwer ist, nach fünfzehn Jahre den damaligen Entwicklungsstand noch eindeutig festzustellen“. Die Beurteilung der geistigen Reife des Carsten S. ist wichtig für die Entscheidung des Gerichts, bei ihm das Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht anzuwenden. Leygraf legte in seinem Gutachten den Schwerpunkt auf die Identitätsfindung: Die Tatsache, dass Carsten S. sich im Jahr 2000 als 20 Jahre alter Mann und Mitglied der homophoben rechtsradikalen Szene nicht offen zu seiner Homosexualität und somit Identität bekannt habe, spreche dafür, dass er nach seiner „sittlichem und geistigen Entwicklung“ einem Jugendlichen gleichstehe. Die rechtsradikale Szene habe ihn nicht zuletzt wegen des dortigen „Männlichkeitskultes“ angezogen.

          Carsten S. habe ihm erzählt, wie er bei seiner ersten Begegnung mit Böhnhardt „Tränen in den Augen“ gehabt habe. Der Generalbundesanwalt wirft Carsten S. Beihilfe zum Mord vor. Er hat nach eigenen Angaben im Jahr 2000 die Waffe vom Typ Ceska an Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos überbracht. Mit dieser Waffe wurden laut Anklage neun der zehn Morde verübt, die dem NSU zur Last gelegt werden. Ende des Jahres 2000 stieg Carsten S. wegen seiner Homosexualität aus der Szene aus. In Düsseldorf begann er ein Studium und arbeitete später für ein Schwulen- und Lesben-Netzwerk.

          Die rechte Szene habe er offenbar vor allem verlassen, um seine Homosexualität ausleben zu können und nicht, weil er sich von den Inhalten habe distanzieren wollen, hielt Leygraf fest. Dies sei dann später erfolgt, als er sich im Studium und im Beruf offen damit auseinandersetzte.

          Ausschlaggebend für die Beurteilung des Reifegrades seien, so Leygraf, zehn Kriterien. Dazu zählen unter anderem die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen, der äußerer Eindruck, das Alter der Freunde sowie die Einstellung zu Arbeit und Schule. Da die Identitätsfindung bei Carsten S. mangelhaft gewesen sei, da er seine Neigungen nicht offen habe leben können, müsse man von einer Entwicklungsverzögerung sprechen. Es habe danach noch eine „deutliche Weiterentwicklung“ stattgefunden.

          Weitere Themen

          G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete Video-Seite öffnen

          Noch keine konkreten Maßnahmen : G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete

          Ungeachtet anhaltender Spannungen in wichtigen politischen Fragen haben sich die G7-Staaten bei ihrem Gipfel in Biarritz auf einen gemeinsamen Gegner einigen können: die Feuer im Amazonasgebiet. Die sieben westlichen Industriestaaten seien überein gekommen, den betroffenen Staaten „so schnell wie möglich“ Unterstützung zukommen zu lassen, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

          Topmeldungen

          Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

          Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.
          Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über die Soli-Abschaffung

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.