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NSU-Prozess : Besuch der blonden Dame

Beate Zschäpe neben ihrem Anwalt Wolfgang Heer Bild: dpa

Im NSU-Prozess werden die Zeugen des Mordes an Abdurrahim Özüdogru vernommen. Viele Nebenkläger gehen davon aus, dass der NSU weit mehr Helfer hatte als behauptet - und sehen Hinweise am Tatort in Nürnberg.

          Die Puppe ist schwarz, gesichtslos und durchbohrt von dünnen Stäben. Wie riesige Akkupunktur-Nadeln stecken sie in der Schläfe, unterhalb der Nase und im Oberkörper. Manche Stäbe treten am Hinterkopf wieder aus der Puppe heraus. „Durch den Eintrittswinkel der Schüsse ist relativ klar, dass das Opfer gestanden haben muss“, sagt der Zeuge. Die Puppe stellt das Mordopfer Abdurrahim Özüdogru dar, und die Stäbe sollen die Einschüsse und Austrittwinkel der Projektile verdeutlichen. „Hier am Hinterkopf konnte man einen harten Gegenstand tasten, das war ein Steckschuss.“  Der Zeuge, ein mittlerweile pensionierter Kriminalbeamter, hat den Leichnam am 13. Juni 2001 in einer Nürnberger Änderungsschneiderei fotografiert.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Auf den Fotos wurden auch die ballistischen Untersuchungen an dem Puppen-Modell festgehalten. Gezeigt werden die Aufnahmen am Montag auf Bildschirmen im Gerichtssaal, damit alle Verfahrensbeteiligten sie in Augenschein nehmen können. Auf diese Weise umgeht man, dass etwa 120 Personen an die Richterbank treten, wie es sonst, in Verfahren normalen Ausmaßes, üblich wäre. So sehen diesmal alle im Saal die Bilder des ermordeten Abdurrahim Özüdogru, wie er, die Füße in den Hausschuhen weit von sich gestreckt, auf dem Boden liegt.

          Zwei Männer und eine „blonde Dame“

          Abdurrahim Özüdogru wurde 49 Jahre alt und hinterließ eine 19 Jahre alte Tochter. 1980 war der gelernte Maschinenarbeiter nach Deutschland gekommen, hatte erst bei einer Firma gearbeitet und später, nach der Trennung von seiner Frau, ihre Änderungsschneiderei fortgeführt. Am 13. Juni 2001 sollen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gegen 16.30 Uhr in die Schneiderei in der Nürnberger Südstadt gekommen seien. Als die Täter sein Geschäft betraten, stand Abdurrahim Özüdogru vermutlich drinnen vor der Verbindungstür zu seiner Wohnung, die direkt neben dem Laden lag. Der erste Schuss traf ihn mitten ins Gesicht, er sackte zusammen. Der zweite Schuss zielte auf die rechte Schläfe.

          Danach fotografierten ihn die Täter in seinem Blut liegend, wie es in der Anklage heißt. Die Fotos ihrer Opfer fügten Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe laut Anklage in die sogenannten Bekennervideos des NSU ein. Als diese am Montag auf den Leinwänden abgespielt werden, ist das Entsetzen, das den Saal erfasst, groß: Zu der so positiv besetzten Melodie des „Paulchen-Panther“-Trickfilms sieht man Aufnahmen von dem Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße aus dem Jahr 2004: Blutende Menschen werden von Sanitätern versorgt, geschockte Passanten stehen am Straßenrand, gebogene Nägel aus der Bombe liegen auf dem Bürgersteig. Durch die Bilder spaziert der pinkfarbene Paulchen Panther.

          Immer wieder eingeblendet werden Bilder der Mordopfer Enver Şimşek und Abdurrahim Özüdogru, dazwischen Schlagzeilen aus Zeitungen: „Noch keine Spur vom Döner-Killer“, „Opfer liegt in künstlichem Koma“. Und eine frühere Version der DVD zeigt zu dem hämmernden „Kraft-Kraft-Kraft-für-Deutschland“-Gebrülle einer Band die Ermordeten und dazu in blutrot ein NSU-Logo, unterlegt mit Pistolen-Schüssen. Dann Totenköpfe, denen ein Zettel aus dem Kiefer baumelt, auf dem Name und Todestag der Opfer stehen. Dazu stets der gleiche Text, nur die Namen verändert: „Jetzt weiß A. Özüdogru, wie ernst uns der Erhalt der Deutschen Nation ist.“

          Die Schrift des Textes ist rot, verläuft, als wäre der Satz mit Blut geschrieben. Eine Nachbarin des ermordeten Abdurrahim Özüdogru sagt am Montag, sie hätte Schüsse gehört und zwei Männer aus der Schneiderei weggehen sehen. Warum sie allerdings die Polizei nicht gerufen hätte, weiß sie nicht mehr. Diese Männer und eine „blonde Dame“ hätte sie schon Tage zuvor in der Straße gesehen. Und die ehemalige Inhaberin eines Lotto-Geschäftes gibt an, dass ein Mann, den sie auf Phantombildern in der Zeitung erkannt hätte, am Tattag bei ihr Zigaretten gekauft habe. Ja, und der Schneider, das Opfer, sei ein „ganz, ganz lieber Mann“ gewesen.

          Ob es denn auch hoch aufgelöste Fotos von der Außenansicht des Hauses gebe, besonders der Fallrohre, fragt ein Nebenklägervertreter den Kriminalbeamten, der die Fotos vom Tatort angefertigt hatte. „Fallrohre, Sie meinen von der Regenrinne?“ - „Ja“. Der Polizist schüttelt sichtlich irritiert den Kopf. Der Anwalt erläutert: Es hätte 2012 Fotos von den Fallrohren gegeben, auf denen neonazistische Aufkleber einer fränkischen Gruppierung zu erkennen gewesen seien. „Alte Aufkleber.“ Aufkleber, wie er sagt, die vermutlich schon 2001 dort gewesen sein könnten. Der Hinweis des Anwalts passt zu der seit Prozessbeginn immer wieder mit Vehemenz vorgetragenen Ansicht vieler Nebenklägervertreter, dass der NSU doch mehr Helfer, vor allem an den Tatorten, gehabt haben müsse.

          Schon am Montagmorgen hatte Rechtsanwalt Thomas Bliwier, der die Familie des in Kassel ermordeten Halil Yozgat vertritt, einen Beweisantrag gestellt, der in die gleiche Richtung zielt: Es müsse der Empfänger des Briefes von Beate Zschäpe, Robin Sch., als Zeuge gehört werden. Der Neonazi, der seit Juli 2007 inhaftiert sei, habe Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe schon länger gekannt. Zudem habe Sch. auch Kontakte zu Neonazis in Kassel gehabt - ebenso wie Böhnhardt und Mundlos durch Konzerte auch Verbindungen zu Neonazis aus Kassel geknüpft hätten. Zudem, hebt der Rechtsanwalt hervor, sei, unabhängig vom Inhalt, schon die Tatsache, dass Zschäpe einem gewalttätigen Neonazi schreibe, für die Schuldfrage von Bedeutung.

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