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NSU-Prozess : Aussage von Carsten S. könnte Beate Zschäpe entlasten

Die Angeklagten Beate Zschäpe und Carsten S., der sein Gesicht hinter einer Kapuze verbirgt, im Münchner Gerichtssaal Bild: dpa

Carsten S. entlastet mit seiner Aussage womöglich die Hauptangeklagte. Unter Tränen sagt er, Mundlos und Böhnhardt hätten ihre Aktion vor Beate Zschäpe verheimlicht.

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          Mit seiner Aussage vom Dienstag könnte Carsten S. – ein mutmaßlicher Helfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) – die Hauptangeklagte Beate Zschäpe zum Teil entlastet haben. Als S. der Terrorgruppe im Frühjahr 2000 in Chemnitz die mutmaßliche Tatwaffe übergab, sollen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos von einer Aktion der Gruppe berichtet haben. Beide hätten in Nürnberg „eine Taschenlampe in einem Geschäft oder so“ abgestellt. Es habe sich um etwas „Spektakuläres“ gehandelt, soll Böhnhardt gesagt haben. Die beiden Männer seien sehr darauf aus gewesen, von ihrer Tat zu berichten. Als sich Beate Zschäpe näherte, sollen Böhnhardt und Mundlos zu ihm gesagt haben: „Psst – sie soll das nicht mitbekommen!“ Mit dieser Aussage lässt S. den Eindruck entstehen, Beate Zschäpe sei über diese Aktion von Böhnhardt und Mundlos nicht informiert gewesen.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Bei seiner Vernehmung durch den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl sagte S. unter Tränen, er habe nicht gewusst, was Mundlos und Böhnhardt meinten. Beide hätten nichts von „Türken oder Iranern oder so“ gesagt. Später sei ihm der Gedanke gekommen, dass „die da Sprengstoff eingebaut“ haben könnten. Götzl forderte S. auf, diese Äußerung zeitlich einzuordnen. Der erste bekannte Sprengstoffanschlag, der dem NSU zur Last gelegt wird, geschah im Januar 2001 in Köln. Der erste Mord wurde im September 2000 in Nürnberg begangen, also nach der von S. geschilderten Waffenübergabe. Wie konnten Böhnhardt und Mundlos also über Ereignisse sprechen, die noch gar nicht passiert waren, fragte Richter Götzl. Es gebe vielleicht schon frühere „Ereignisse“, über die er noch nicht berichtet habe, sagte S. Wie er denn auf die Vermutung mit dem Sprengstoff gekommen sei?

          Eine Taschenlampe habe doch einen Knopf, sagte S – offenbar in Anspielung auf einen möglichen Zünder. Verfahrensbeteiligte sagten außerhalb der Verhandlung, es könne auch sein, dass mit der „Taschenlampe“ vielleicht eine „Ausspähaktion“ für den späteren Tatort Nürnberg gemeint gewesen sei.
          Auf die Frage, warum er von diesen Ereignissen nicht schon bei früheren Vernehmungen berichtet habe, sagte S., er habe Angst vor den Konsequenzen gehabt, „was er Leuten damit antue“. Er habe befürchtete, seine Mutter könnte einen Nervenzusammenbruch erleiden. Nun wolle er aber „reinen Tisch machen“.

          Wohlleben weiter belastet

          Der Angeklagte Ralf Wohlleben wurde durch die Aussage von Carsten S. weitergehend belastet. Wohlleben habe ihm nicht nur die Beschaffung der Waffe aufgetragen, sondern sei auch selbst an Gewalttaten beteiligt gewesen. Er soll in Jena einem „Linken“ auf dem Gesicht „herumgesprungen“ sein. S. konnte allerdings nicht genau sagen, ob er das von Erzählungen anderer wisse oder von Wohlleben selbst. Mehrfach habe er Wohlleben bei drohenden Schlägereien „zurückhalten“ müssen.

          Zu den Details der Waffenübergabe sagte S., er habe die Pistole mit dem Auto nach Chemnitz gebracht. Nach der Übergabe hätten Böhnhardt und Mundlos ihm auch Geld übergeben: Kleine Scheine, die mit einer Banderole umwickelt gewesen seien. Er habe gedacht, dass dieses Geld wohl von einem Banküberfall stammen müsse. Böhnhardt und Mundlos hätten ihm auch gesagt, sie seien immer bewaffnet. Beide seien „stinknormal“ gekleidet gewesen, in Outdoor-Jacken. Böhnhardt habe bei dem Treffen mit dem Handy von S. herumgespielt und einen Fingerabdruck auf dem Display hinterlassen. Als Böhnhardt ihm das Handy reichte, habe er in Anspielung auf seinen Fingerabdruck gesagt: „Weißt du, was der wert ist?“ In früheren Vernehmungen hatte S. noch behauptet, nichts von den kriminellen Bestrebungen der Terrorgruppe gewusst zu haben.

          Beckstein:Keine Fehler gemacht

          Der frühere bayerische Ministerpräsident und Innenminister Günther Beckstein (CSU) sieht nach wie vor keine eklatanten Ermittlungsfehler nach den NSU-Morden. „Ich kenne keinen Punkt, wo ich sage: Hätte man das anders gemacht, dann wären die Täter sofort gefasst worden – kenne ich bis heute nicht“, sagte Beckstein am Dienstag im NSU-Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags. „Aus heutiger Sicht sage ich: Man hätte sehr viel stärker im rechtsextremen Bereich ermitteln sollen.“ Er habe immer gemahnt, man müsse in alle Richtungen ermitteln und gefragt, ob ein ausländerfeindlicher Hintergrund denkbar sei. Er habe dann nach jedem weiteren Mord „immer heftiger nachgefragt“, sagte Beckstein.

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