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NSU-Prozess : Im Zweifel gegen die Verteidigung

Von der „Staranwältin“ zur unerwünschten Pflichtverteidigerin: Anja Sturm mit Mandantin Beate Zschäpe Bild: Picture-Alliance

Die Anwältin Anja Sturm wollte einen großen Prozess führen. Nun kämpft sie einen Kleinkrieg gegen ihre Mandantin Beate Zschäpe.

          7 Min.

          Anja Sturm ist eine ehrgeizige Strafverteidigerin. Sie hatte sich vorgenommen, Beate Zschäpe zu verteidigen, die Nazi-Frau. Die Anwältin wollte gegen Bundesanwälte, Nebenkläger und das Gericht antreten, sie wollte den Ausgang des Münchener Verfahrens prägen, vor aller Öffentlichkeit. Aber das ist bis jetzt schiefgegangen: Heute muss sich Sturm der Vorwürfe ihrer Mandantin erwehren, die ihre Verteidiger bloßstellt. Zschäpe will sie sogar loswerden. Das Gericht verbietet das der Angeklagten. Aber der Richter hat erlaubt, dass ein weiterer, vierter Verteidiger bestellt wird. Dieser Anwaltsstreit findet im Münchener Verfahren gegen die mutmaßlichen Beteiligten und Helfer vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ mehr Aufmerksamkeit als die Morde und Bombenanschläge. Zschäpe kann das recht sein. Für Anja Sturm und ihre beiden Kollegen ist es ein Albtraum.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Kürzlich hat Zschäpe ihre Anwältin sogar von ihrem Platz verdrängt. Auf Sturms Stuhl nahm nun Zschäpe selbst Platz, damit sie neben ihrem neuen Verteidiger sitzen kann, einem blutjungen Kerl, dessen Selbstbewusstsein ungefähr zehnmal so groß ist wie seine Berufserfahrung. Zschäpe hatte nur Augen für ihn, Sturm war an den Rand der Anklagebank verbannt, weit weg von der Mandantin. Dabei hatten die Altverteidiger extra früh am Morgen ihre schwarzen Roben auf ihre alten Plätze gelegt, als ob’s um die Reservierung einer Strandliege ginge. Die Prozessbeobachter spotteten, genützt hat es nichts. Wieder ein Rückschlag.

          Die Strapazen des „Killer-Mandats“

          Dabei hatte es so stark begonnen. Schon die Namen des Pflichtverteidiger-Trios schienen serientauglich: Stahl–Sturm–Heer. Hatte Zschäpe sie etwa deswegen ausgesucht oder wegen ihrer juristischen Kompetenz? Anfangs inszenierten Anja Sturm und ihre Kollegen ihre Auftritte: Da wurden die Rollkoffer zackig zur Anklagebank gezogen, da genossen sie die Blicke von der Zuschauertribüne und schauten, die Arme verschränkt, angriffslustig in die Phalanx der Fotografen, schirmten Zschäpe gegen neugierige Blicke ab. In der ersten Prozessphase trug Anja Sturm jeden Tag ein anderes ausgefallenes Kleid oder Kostüm: apfelgrünes Kleid zu apfelgrünen High Heels, die Outfits so selbstbewusst wie die attraktive, große, schlanke, blonde Strafverteidigerin. Doch nach zwei Prozessjahren sind nicht nur ihre Garderobe schlichter, die Absätze niedriger und die Farben gedeckter geworden. Auch das Selbstbewusstsein scheint verloren. Die Strapazen des „Killer-Mandats“, das den drei Verteidigern zusehends entgleitet, haben sie verändert.

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          Sturm muss sich gut überlegt haben, Beate Zschäpe zu verteidigen. Denn sie kalkuliert und wägt die Dinge sorgsam ab. Das merkt man im Gerichtssaal, wenn sie Zeugen befragt, ihre Worte wählt und manchmal während der Frage noch einmal innehält, um den Satz doch noch in eine andere Richtung zu drehen. Das wirkt oft umständlich, zeigt jedoch, wie gut sie ihre Akten kennt und scheinbare Nebensächlichkeiten beachtet. Dieselbe Vorsicht lässt sie im Gespräch mit Journalisten walten: Zögernd und förmlich kommen die Antworten, ohne irgendetwas preiszugeben, was vielleicht auf Atmosphärisches in ihrem Mandatsverhältnis schließen ließe.

          Wettkämpfe hätten ihr schon in der Schule gut gefallen, hat Anja Sturm einmal gesagt, als Strafverteidigerin ist die Lust am Gewinnen ein Antrieb und wirtschaftliches Überlebensprinzip. Nach dem Referendariat ging sie von Berlin nach München in eine renommierte Kanzlei, verteidigte dort unter anderem 2011 in einem Münchener Islamistenprozess. Ein Jahr später ging es zurück nach Berlin, wieder in eine angesehene Kanzlei. Und dann war sie zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle, um sich das Mandat des Jahrzehnts zu greifen: Beate Zschäpe habe unbedingt noch eine Frau neben ihren Verteidigern Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl haben wollen, heißt es. Anja Sturm kannte die beiden Strafverteidiger schon lange. Aber ahnte sie, was sie sich mit Zschäpes Verteidigung antat?

          Rechts nichts zu finden

          Das Mandat brachte ihr eine geballte internationale Aufmerksamkeit, die sie zunächst bereitwillig bediente. Überall waren auf einmal Porträts der drei bis dahin unbekannten Anwälte zu lesen, die auch darüber sprachen, was andere Strafverteidiger in anderen Verfahren ihrer Meinung nach falsch machten. Anja Sturm erzählte in Interviews von gewonnenen Fällen und perfekter Aufgabenteilung: Ihr Mann kümmere sich um die beiden Kinder, sie um das Geldverdienen. So sei der NSU-Prozess bloß eine weitere Herausforderung, die durchaus zu stemmen sei. Denn weder komplexe Verfahren noch das Oberlandesgericht München seien für sie Neuland. Die Stadt München bezeichnete sie in einem Gespräch damals als „na ja, ganz nett“. Aber natürlich nichts gegen Berlin. Das war im Mai 2013. Drei Monate später fand sie sich in Köln wieder.

          Die Trennung von ihrer Berliner Kanzlei, Weimann & Meyer, war bitter für sie. Einen Rauswurf will es niemand nennen, und wer bei Axel Weimann danach fragt, bekommt ellenlange Ehrenerklärungen für Sturm und die eigene Kanzlei. Dass die Kanzlei wegen Sturm Sorge um Mandate von Türkischstämmigen gehabt habe, sei „von unserer Seite nie so gesagt worden“, teilt Weimann mit. Sie verließ also die Kanzlei, fand in Berlin nichts Adäquates und ging kurzerhand, mitten im kräftezehrenden Prozessbeginn, nach Köln. Dort arbeitet sie nun mit ihrem Kollegen Heer in einer Kanzlei zusammen. Beruflich war das sicher der erste größere Schlag für Anja Sturm. Auch ihre Familie, zwei Kinder und der Vater, musste viel aushalten.

          Sie ließ sich damals äußerlich wenig anmerken, organisierte ihr Leben neu, verteidigte im Gerichtssaal konzentriert Beate Zschäpe und außerhalb des Saales nichts weniger als den Rechtsstaat: Gerade nach Behörden- und Polizeiversagen sei eine saubere juristische Aufarbeitung durch alle Prozessbeteiligten essentiell. Einige Zeit wurde herumgesucht, ob nicht einer der Verteidiger doch der Neonazi-Szene nahestehe. Schon wegen der Namen. Gefunden wurde nichts, außer einer Porsche-Liebhaberei beim einen, Reiselust und Freude am kölschen Liedgut beim anderen. Rechts war nichts zu finden.

          Der Geiz der bayerischen Justiz

          Befremdlich wirkte die Wir-Show der Verteidiger allerdings schon. Irgendwann muss das auch Zschäpe auf die Nerven gegangen sein. Es habe sie gestört, ist zu erfahren, dass die Anwälte ausgerechnet bei ihr über Geldprobleme klagten. Das Geld: Obwohl klar war, dass mit einer Pflichtverteidigung keiner reich werden kann, begaben sich die drei Zschäpe-Verteidiger in einen handfesten Streit um Vorschusszahlungen des Gerichts. Als die kleinlich ausfielen, fünftausend statt der veranschlagten 77.000 Euro im Falle des Anwalts Stahl, beantragte die Verteidigung, die Richter wegen Befangenheit abzulehnen. In diesem Zusammenhang wurde offengelegt, dass 2013 zumindest in Stahls Kanzlei „drastische Umsatzeinbrüche“ zu verzeichnen seien und Umsätze erzielt wurden, „die teilweise erheblich unter den von ihm zu tragenden Fixkosten lägen“, so das Oberlandesgericht.

          Hilfesuchend wandte sich auch Sturm an mindestens einen Bundestagsabgeordneten von der CDU, klagte über wirtschaftliche Schwierigkeiten und die möglicherweise üblen Motive für den mickrigen Vorschuss. Der völlig überflüssige Geiz der bayerischen Justiz schien jedenfalls nicht ohne Nebeneffekt auf die Verteidigung zu bleiben. Kollegen wunderten sich über die herbe Fehlkalkulation der Zschäpe-Anwälte. Vor allem aber darüber, wie man im Angesicht von Dutzenden Mord- und Bombenopfern den Münchener Gerichtssaal in ein Tribunal über Vorschusssätze verwandeln konnte. Unpassend erschien auch Wohlmeinenden, dass die Anwälte zumindest damals zu den Verhandlungstagen immer im feinen „Hotel Vier Jahreszeiten“ abstiegen und Heer und Sturm sich dort auch bei Hauspartys fotografieren ließen. Ein hübsches Paar gaben sie da ab, aber auch eine Karikatur ihrer professionellen Mission.

          Dass sie „keine Angst davor haben, sich unbeliebt zu machen“, haben die Zschäpe-Anwälte immer wieder behauptet. Auch wissen die Verteidiger, dass sie mit einigen Nebenklägervertretern konfrontiert sind, die das Verfahren immer wieder politisieren und in Gesprächen mitunter durchblicken lassen, dass die Morde der linksextremen „Rote Armee Fraktion“ der siebziger und achtziger Jahre „durchaus anders“ zu bewerten seien als die NSU-Morde. Es sei „moralisch wertvoller“, einen Linksterroristen zu verteidigen, als einen Rechtsterroristen zu vertreten. Mit einer solchen Stimmung sah sich Sturm auch unter Berliner Kollegen konfrontiert, als sie vergeblich für den Vorstand der Berliner Strafverteidigervereinigung kandidierte. Weil sie fest daran glaubt, dass jeder, wirklich jeder Angeklagte eine optimale Verteidigung verdient, zeigt Anja Sturm im Gericht immer wieder kopfschüttelnd ihren Unmut, wenn Nebenklägervertreter während der Verhandlung die Verteidiger anfeinden.

          Wird Zschäpe aussagen?

          Als „zugewandt, sehr freundlich und völlig unkompliziert“ wird sie von anderen Nebenklägervertretern charakterisiert, auch von solchen, die sie zu Prozessbeginn eher als „arrogant“ eingeschätzt hatten. Sie wirkte oft so, aber das Kokettieren mit dem Klischee der coolen, unbezwingbaren Anwältin aus amerikanischen Serien ist schon lange vorbei. Erst recht jetzt, wo Zschäpe dann doch ein vierter Pflichtverteidiger gestattet wurde. Dessen Bestellung stellt nun vor aller Augen zwei Jahre Verteidigerleistung in Frage. Denn das Gericht versucht offensichtlich, den ausufernden Konflikt zwischen der Angeklagten und ihren Verteidigern zu entschärfen.

          Wird Beate Zschäpe mit Mathias Grasel an ihrer Seite jetzt aussagen, obwohl Sturm und ihre Kollegen immer wieder das Schweigen als beste aller Möglichkeiten gepriesen haben? Vieles hat aus Sicht der Verteidiger für das Schweigen gesprochen. Andere sagen, was taktisch und in einem konventionellen Prozess vielleicht richtig wäre, könne in einem politisch aufgeladenen Verfahren verheerend wirken. Dass der neue Anwalt jetzt den Strategiewechsel als Option ins Spiel bringt – „derzeit ist keine Aussage geplant“ –, lässt Anja Sturm und ihre Kollegen schlecht aussehen. Das ist nicht fair.

          Nichts ist leichter, als nach zwei Jahren atomisierter Beweisaufnahme in ein Verfahren zu springen und mit einer Aussage zu winken, die die Angeklagte retten und der Öffentlichkeit die Wahrheit bringen soll. Vielleicht haben die drei Verteidiger Beate Zschäpe dann doch unterschätzt, die zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres versucht, ihre Anwälte bloßzustellen. Gescheitert sind sie auf jeden Fall damit, Zschäpe von ihrer Strategie zu überzeugen. Aber womöglich wäre sie mit allen Anwälten früher oder später so umgesprungen. Vielleicht erkennt man in dieser Art mehr von Zschäpes starker Rolle innerhalb des mutmaßlichen NSU-Trios, als die Hausmütterchen-Theorie jemals ahnen ließ.

          Besonders Anja Sturm wird von Zschäpe vorgeführt. Mit festgezurrten Gesichtszügen tat Sturm in der Erniedrigung so, als sei es völlig normal, auf der Anklagebank die Plätze zu tauschen. Zschäpe hat ihre Verteidigerin als geldgierig und unfähig verunglimpft. Und das nach all der Arbeit und Lebenszeit, die Sturm schon in dieses Verfahren investiert hat: die Stunden im Zug, die Trennung von der Familie, die zermürbenden, langen Prozesstage, an denen jedes Wort von Brandgutachten, Verletzungsmustern und Sonnenwendfeiern minutiös protokolliert werden muss. Zudem läuft es, was angesichts der Komplexität nicht verwundert, auch nicht immer rund im Gericht, schon vor dem Zerwürfnis mit Zschäpe nicht. Manchmal verheddert sich Anja Sturm während der Befragungen, kontert Beanstandungen nicht oder nicht so schneidend, wie es erforderlich wäre.

          Der Prozess hat weit in ihr Leben übergegriffen, frisst Nerven, Zeit und Geld. Er lässt kaum Raum für andere Mandate, die sich alle drei durch die große Aufmerksamkeit erhofft hatten. Und ob die großen Mandate so kommen werden, wenn der Prozess vorbei ist, bezweifeln Kollegen. Die „rechte Szene“ würde sich lieber von Gleichgesinnten verteidigen lassen. Und Wirtschaftskriminelle, mit denen sich Geld verdienen lässt, fänden Anwälte, die Beate Zschäpe über Jahre vertreten haben, zu „schmuddelig“. Mit diesen Fragen muss sich Anja Sturm auseinandersetzen – als sei es im Moment mit einer unberechenbaren Mandantin nicht anstrengend genug. Von der „Staranwältin“ zur unerwünschten Pflichtverteidigerin – der umgekehrte Weg in der öffentlichen Wahrnehmung wäre ihr lieber gewesen. „Jeder Angeklagte hat den Anwalt, den er verdient“, hat Anja Sturm vor Prozessbeginn dieser Zeitung gesagt. Sie wird sich allmählich fragen müssen, ob Beate Zschäpe sie überhaupt verdient hat.

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