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NSU-Prozess : Im Zweifel gegen die Verteidigung

Von der „Staranwältin“ zur unerwünschten Pflichtverteidigerin: Anja Sturm mit Mandantin Beate Zschäpe Bild: Picture-Alliance

Die Anwältin Anja Sturm wollte einen großen Prozess führen. Nun kämpft sie einen Kleinkrieg gegen ihre Mandantin Beate Zschäpe.

          Anja Sturm ist eine ehrgeizige Strafverteidigerin. Sie hatte sich vorgenommen, Beate Zschäpe zu verteidigen, die Nazi-Frau. Die Anwältin wollte gegen Bundesanwälte, Nebenkläger und das Gericht antreten, sie wollte den Ausgang des Münchener Verfahrens prägen, vor aller Öffentlichkeit. Aber das ist bis jetzt schiefgegangen: Heute muss sich Sturm der Vorwürfe ihrer Mandantin erwehren, die ihre Verteidiger bloßstellt. Zschäpe will sie sogar loswerden. Das Gericht verbietet das der Angeklagten. Aber der Richter hat erlaubt, dass ein weiterer, vierter Verteidiger bestellt wird. Dieser Anwaltsstreit findet im Münchener Verfahren gegen die mutmaßlichen Beteiligten und Helfer vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ mehr Aufmerksamkeit als die Morde und Bombenanschläge. Zschäpe kann das recht sein. Für Anja Sturm und ihre beiden Kollegen ist es ein Albtraum.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Kürzlich hat Zschäpe ihre Anwältin sogar von ihrem Platz verdrängt. Auf Sturms Stuhl nahm nun Zschäpe selbst Platz, damit sie neben ihrem neuen Verteidiger sitzen kann, einem blutjungen Kerl, dessen Selbstbewusstsein ungefähr zehnmal so groß ist wie seine Berufserfahrung. Zschäpe hatte nur Augen für ihn, Sturm war an den Rand der Anklagebank verbannt, weit weg von der Mandantin. Dabei hatten die Altverteidiger extra früh am Morgen ihre schwarzen Roben auf ihre alten Plätze gelegt, als ob’s um die Reservierung einer Strandliege ginge. Die Prozessbeobachter spotteten, genützt hat es nichts. Wieder ein Rückschlag.

          Die Strapazen des „Killer-Mandats“

          Dabei hatte es so stark begonnen. Schon die Namen des Pflichtverteidiger-Trios schienen serientauglich: Stahl–Sturm–Heer. Hatte Zschäpe sie etwa deswegen ausgesucht oder wegen ihrer juristischen Kompetenz? Anfangs inszenierten Anja Sturm und ihre Kollegen ihre Auftritte: Da wurden die Rollkoffer zackig zur Anklagebank gezogen, da genossen sie die Blicke von der Zuschauertribüne und schauten, die Arme verschränkt, angriffslustig in die Phalanx der Fotografen, schirmten Zschäpe gegen neugierige Blicke ab. In der ersten Prozessphase trug Anja Sturm jeden Tag ein anderes ausgefallenes Kleid oder Kostüm: apfelgrünes Kleid zu apfelgrünen High Heels, die Outfits so selbstbewusst wie die attraktive, große, schlanke, blonde Strafverteidigerin. Doch nach zwei Prozessjahren sind nicht nur ihre Garderobe schlichter, die Absätze niedriger und die Farben gedeckter geworden. Auch das Selbstbewusstsein scheint verloren. Die Strapazen des „Killer-Mandats“, das den drei Verteidigern zusehends entgleitet, haben sie verändert.

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          Sturm muss sich gut überlegt haben, Beate Zschäpe zu verteidigen. Denn sie kalkuliert und wägt die Dinge sorgsam ab. Das merkt man im Gerichtssaal, wenn sie Zeugen befragt, ihre Worte wählt und manchmal während der Frage noch einmal innehält, um den Satz doch noch in eine andere Richtung zu drehen. Das wirkt oft umständlich, zeigt jedoch, wie gut sie ihre Akten kennt und scheinbare Nebensächlichkeiten beachtet. Dieselbe Vorsicht lässt sie im Gespräch mit Journalisten walten: Zögernd und förmlich kommen die Antworten, ohne irgendetwas preiszugeben, was vielleicht auf Atmosphärisches in ihrem Mandatsverhältnis schließen ließe.

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