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NSU-Prozess : Im Zweifel gegen die Verteidigung

Der Geiz der bayerischen Justiz

Befremdlich wirkte die Wir-Show der Verteidiger allerdings schon. Irgendwann muss das auch Zschäpe auf die Nerven gegangen sein. Es habe sie gestört, ist zu erfahren, dass die Anwälte ausgerechnet bei ihr über Geldprobleme klagten. Das Geld: Obwohl klar war, dass mit einer Pflichtverteidigung keiner reich werden kann, begaben sich die drei Zschäpe-Verteidiger in einen handfesten Streit um Vorschusszahlungen des Gerichts. Als die kleinlich ausfielen, fünftausend statt der veranschlagten 77.000 Euro im Falle des Anwalts Stahl, beantragte die Verteidigung, die Richter wegen Befangenheit abzulehnen. In diesem Zusammenhang wurde offengelegt, dass 2013 zumindest in Stahls Kanzlei „drastische Umsatzeinbrüche“ zu verzeichnen seien und Umsätze erzielt wurden, „die teilweise erheblich unter den von ihm zu tragenden Fixkosten lägen“, so das Oberlandesgericht.

Hilfesuchend wandte sich auch Sturm an mindestens einen Bundestagsabgeordneten von der CDU, klagte über wirtschaftliche Schwierigkeiten und die möglicherweise üblen Motive für den mickrigen Vorschuss. Der völlig überflüssige Geiz der bayerischen Justiz schien jedenfalls nicht ohne Nebeneffekt auf die Verteidigung zu bleiben. Kollegen wunderten sich über die herbe Fehlkalkulation der Zschäpe-Anwälte. Vor allem aber darüber, wie man im Angesicht von Dutzenden Mord- und Bombenopfern den Münchener Gerichtssaal in ein Tribunal über Vorschusssätze verwandeln konnte. Unpassend erschien auch Wohlmeinenden, dass die Anwälte zumindest damals zu den Verhandlungstagen immer im feinen „Hotel Vier Jahreszeiten“ abstiegen und Heer und Sturm sich dort auch bei Hauspartys fotografieren ließen. Ein hübsches Paar gaben sie da ab, aber auch eine Karikatur ihrer professionellen Mission.

Dass sie „keine Angst davor haben, sich unbeliebt zu machen“, haben die Zschäpe-Anwälte immer wieder behauptet. Auch wissen die Verteidiger, dass sie mit einigen Nebenklägervertretern konfrontiert sind, die das Verfahren immer wieder politisieren und in Gesprächen mitunter durchblicken lassen, dass die Morde der linksextremen „Rote Armee Fraktion“ der siebziger und achtziger Jahre „durchaus anders“ zu bewerten seien als die NSU-Morde. Es sei „moralisch wertvoller“, einen Linksterroristen zu verteidigen, als einen Rechtsterroristen zu vertreten. Mit einer solchen Stimmung sah sich Sturm auch unter Berliner Kollegen konfrontiert, als sie vergeblich für den Vorstand der Berliner Strafverteidigervereinigung kandidierte. Weil sie fest daran glaubt, dass jeder, wirklich jeder Angeklagte eine optimale Verteidigung verdient, zeigt Anja Sturm im Gericht immer wieder kopfschüttelnd ihren Unmut, wenn Nebenklägervertreter während der Verhandlung die Verteidiger anfeinden.

Wird Zschäpe aussagen?

Als „zugewandt, sehr freundlich und völlig unkompliziert“ wird sie von anderen Nebenklägervertretern charakterisiert, auch von solchen, die sie zu Prozessbeginn eher als „arrogant“ eingeschätzt hatten. Sie wirkte oft so, aber das Kokettieren mit dem Klischee der coolen, unbezwingbaren Anwältin aus amerikanischen Serien ist schon lange vorbei. Erst recht jetzt, wo Zschäpe dann doch ein vierter Pflichtverteidiger gestattet wurde. Dessen Bestellung stellt nun vor aller Augen zwei Jahre Verteidigerleistung in Frage. Denn das Gericht versucht offensichtlich, den ausufernden Konflikt zwischen der Angeklagten und ihren Verteidigern zu entschärfen.

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