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NSU-Prozess : Im Zweifel gegen die Verteidigung

Wettkämpfe hätten ihr schon in der Schule gut gefallen, hat Anja Sturm einmal gesagt, als Strafverteidigerin ist die Lust am Gewinnen ein Antrieb und wirtschaftliches Überlebensprinzip. Nach dem Referendariat ging sie von Berlin nach München in eine renommierte Kanzlei, verteidigte dort unter anderem 2011 in einem Münchener Islamistenprozess. Ein Jahr später ging es zurück nach Berlin, wieder in eine angesehene Kanzlei. Und dann war sie zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle, um sich das Mandat des Jahrzehnts zu greifen: Beate Zschäpe habe unbedingt noch eine Frau neben ihren Verteidigern Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl haben wollen, heißt es. Anja Sturm kannte die beiden Strafverteidiger schon lange. Aber ahnte sie, was sie sich mit Zschäpes Verteidigung antat?

Rechts nichts zu finden

Das Mandat brachte ihr eine geballte internationale Aufmerksamkeit, die sie zunächst bereitwillig bediente. Überall waren auf einmal Porträts der drei bis dahin unbekannten Anwälte zu lesen, die auch darüber sprachen, was andere Strafverteidiger in anderen Verfahren ihrer Meinung nach falsch machten. Anja Sturm erzählte in Interviews von gewonnenen Fällen und perfekter Aufgabenteilung: Ihr Mann kümmere sich um die beiden Kinder, sie um das Geldverdienen. So sei der NSU-Prozess bloß eine weitere Herausforderung, die durchaus zu stemmen sei. Denn weder komplexe Verfahren noch das Oberlandesgericht München seien für sie Neuland. Die Stadt München bezeichnete sie in einem Gespräch damals als „na ja, ganz nett“. Aber natürlich nichts gegen Berlin. Das war im Mai 2013. Drei Monate später fand sie sich in Köln wieder.

Die Trennung von ihrer Berliner Kanzlei, Weimann & Meyer, war bitter für sie. Einen Rauswurf will es niemand nennen, und wer bei Axel Weimann danach fragt, bekommt ellenlange Ehrenerklärungen für Sturm und die eigene Kanzlei. Dass die Kanzlei wegen Sturm Sorge um Mandate von Türkischstämmigen gehabt habe, sei „von unserer Seite nie so gesagt worden“, teilt Weimann mit. Sie verließ also die Kanzlei, fand in Berlin nichts Adäquates und ging kurzerhand, mitten im kräftezehrenden Prozessbeginn, nach Köln. Dort arbeitet sie nun mit ihrem Kollegen Heer in einer Kanzlei zusammen. Beruflich war das sicher der erste größere Schlag für Anja Sturm. Auch ihre Familie, zwei Kinder und der Vater, musste viel aushalten.

Sie ließ sich damals äußerlich wenig anmerken, organisierte ihr Leben neu, verteidigte im Gerichtssaal konzentriert Beate Zschäpe und außerhalb des Saales nichts weniger als den Rechtsstaat: Gerade nach Behörden- und Polizeiversagen sei eine saubere juristische Aufarbeitung durch alle Prozessbeteiligten essentiell. Einige Zeit wurde herumgesucht, ob nicht einer der Verteidiger doch der Neonazi-Szene nahestehe. Schon wegen der Namen. Gefunden wurde nichts, außer einer Porsche-Liebhaberei beim einen, Reiselust und Freude am kölschen Liedgut beim anderen. Rechts war nichts zu finden.

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