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NSU-Prozess : 2013 ist nicht 2001

  • -Aktualisiert am

Der langjährige Leiter der Münchner Mordkommission Josef Wilfling hat die Mörder von Walter Sedlmayr und Rudolph Moshammer hinter Gitter gebracht. Dem NSU kam er nicht auf die Spur. Warum nicht, darüber kam es im Prozess nun zu heftigen Vorwürfen. Bild: dpa

Im Prozess gegen Beate Zschäpe in München schlagen die Emotionen hoch. Die Aussage eines leitenden Ermittlers führt zur immer wieder gleichen Frage: Warum ging die Polizei nicht sorgfältiger möglichen rechtsextremistischen Motiven nach? Die Antwort bleibt bitter.

          Mit einer zeitlichen Dissonanz hatte der NSU-Prozess am Donnerstag zu kämpfen. Als Josef Wilfling, eine kleine Berühmtheit unter Kriminalisten, die Ermittlungen im Fall des Münchner Mordopfers Habil Kiliç schilderte, waren die Zuhörer elektrisiert. Zwei Zeuginnen hätten von zwei Radfahrern berichtet, die zur Tatzeit nahe des Lebensmittelgeschäfts weggefahren seien, in dem Kiliç in seinem Blut lag. Wilfling, lange Jahre Leiter der Münchner Mordkommission und inzwischen Pensionär, versuchte sich selbst an der Auflösung der Dissonanz: Heute wisse er, dass es die Täter gewesen seien, aber damals habe man die beiden Männer nur als mögliche Zeugen betrachtet. Eine Suche nach ihnen sei ergebnislos verlaufen, auch weil die beiden Zeuginnen sie nicht hätten näher beschreiben können - nur dass es sich um junge, sportlich wirkende Männer gehandelt habe.

          Es ist nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft das Tatmuster von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gewesen: Das Anfahren der Tatorte mit Fahrrädern, die eine Flucht auch über schmale Wege ermöglichten. Mit dem Wissen von 2013 wäre am 29. August 2001, als Kiliç ermordet wurde, der Hinweis auf die Radfahrer die heiße Spur gewesen. Damals war es eine Spur unter vielen, die sich oft als falsch herausstellten. Wilfling berichtete von den Angaben zweier weiterer Zeuginnen, dass ein dunkelhäutiger Mann zur Tatzeit aus dem Lebensmittelgeschäft gelaufen und in einem Wagen mit quietschenden Reifen weggefahren sei. Später habe sich herausgestellt, dass der Mann der Phantasie einer der Zeuginnen entsprungen sei, die alkoholkrank gewesen sei.

          Ein „kreuzbraver“, fleißiger Mann

          Die Dissonanz, dass 2001 fern war, was 2013 auf der Hand zu liegen scheint, zog sich durch die gesamte Vernehmung Wilflings. Warum nicht stärker in Richtung auf rechtsextremistische Täter ermittelt worden sei, wurde der Zeuge gefragt. Wilfling, der die Mörder von Walter Sedlmayr und Rudolph Moshammer hinter Gitter gebracht hat, verwies darauf, dass die Ermordung Kiliçs mit zwei Kopfschüssen „eine absolut professionelle Hinrichtung“ gewesen sei. Diese kaltblütige Ausführung habe nicht zu vergangenen rechtsextremistischen Taten gepasst, in denen die Opfer über Straßen gejagt und geschlagen worden seien. Man habe auch nachgeforscht, ob es im Umfeld des Lebensmittelgeschäfts, das auf Kiliçs Frau angemeldet war, rechtsextremistische Schmierereien gegeben habe, oder die Familie Anwürfen aus solchen Kreisen ausgesetzt gewesen sei. Nicht der kleinste Anhaltspunkt habe sich ergeben.

          Stattdessen seien die Ermittler von Zeugen mit einer Myriade Gerüchten konfrontiert worden, berichtete Wilfling - angefangen von Drogengeschäften in der Münchner Großmarkthalle, in der Kiliç als Staplerfahrer arbeitete, bis zu seiner angeblichen Glücksspielsucht. Nichts davon habe sich bewahrheitet: Kiliç sei ein „kreuzbraver“, fleißiger Mann gewesen, der neben der Arbeit in der Großmarkthalle in dem Geschäft seiner Frau ausgeholfen habe.

          Ein erregter Anwalt, ein unfreundlicher Richter

          Auch Andeutungen, möglicherweise seien türkische Extremisten oder die kurdische PKK in die Ermordung verstrickt, hätten sich als haltlos erwiesen. Es habe nur über die sichergestellten Projektile, die Verbindung zu den vorangegangen Mordtaten in Nürnberg und Hamburg gegeben, bei der immer dieselbe Pistole der Marke Ceska 83 verwandt worden sei - eine Verbindung, auf die sich zur damaligen Zeit die Polizei keinen Reim machen konnte.

          Am Donnerstag gerieten der Vorsitzende des Staatsschutzsenats und ein Nebenklageanwalt aneinander, der sich darüber erboste, dass die Polizei nicht mit der gebotenen Sorgfalt rechtsextremistischen Motiven nachgegangen sei. Die Hauptverhandlung wurde kurz unterbrochen, mit der unfreundlichen Aufforderung an den Anwalt, er möge sich abregen. Es dürfte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass die zeitliche Dissonanz, dass 2001 nicht vor Augen stand, was 2013 glasklar zu sein scheint, die Emotionen im Prozess schürte.

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