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Ein Jahr NSU-Prozess : Minirock und Bomberjacke

Seit einem Jahr wird gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte verhandelt – doch die einzige Person, die die vielen offenen Fragen beantworten könnte, schweigt beharrlich.

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          Diese Bomberjacken seien sehr praktisch, weil die so viele Taschen hätten, sagte Ilona Mundlos, die Mutter des NSU-Terroristen, vor kurzem vor Gericht. Sie habe sich weiter keine Gedanken gemacht, was es mit diesen Jacken auf sich habe. „Die erste habe ich dem Uwe sogar gekauft.“ Für ihren zweiten Sohn, der schwerstbehindert im Rollstuhl saß, kaufte sie auch so eine Jacke. „Die waren auch mit den schwarzen Ärmeln so wenig schmutzempfindlich.“ Ilona Mundlos, kurze blonde Haare, pelzverbrämte Strickjacke, wurde vom Gericht zu Kindheit und Jugend ihres Sohnes Uwe befragt. Sie schilderte ein Familienleben, in dem es an Verständnis nicht, dafür aber sicher an einem mangelte – an Zeit.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Tag war getaktet: morgens machte sie ihren behinderten Sohn fertig, brachte ihn zu seiner Arbeitsstelle, fuhr dann zur Kaufhalle, wo sie jeden Tag von 15 bis 20 Uhr an der Kasse saß. Dazwischen quetschte sie einkaufen, putzen, kochen. Die Aufgaben waren verteilt, sie kümmerte sich überwiegend um den ältesten Sohn und um den Haushalt, ihr Mann Siegfried um Uwe. Wie ihr Mann, der vor Monaten schon vor Gericht aussagte, schilderte auch sie das Aufwachsen ihres Sohnes Uwe als „völlig normal“. In der Schule gab es „Zweier und Dreier“, vielleicht mal einen „Vierer“, dann lernte der Vater mit ihm.

          Nachdem Uwe eine Lehre gemacht hatte und ausgezogen war, hatte sie auch nicht mehr so viel von ihm mitbekommen, wie sie sagte. Man traf sich mal zum Kaffeetrinken oder zum Abendbrot. Auch mit seiner Freundin Beate sei er öfter zu Hause gewesen. Beate Zschäpe sei ein „liebes, nettes Mädel“ gewesen, die habe lieber Minirock als Bomberjacke getragen. Drei Jahre waren die beiden ein Paar. Dann, 1995, habe sie Schluss gemacht. „Sie hatte einen Neuen, den Uwe Böhnhardt.“ Doch die drei Freunde trafen sich weiterhin. Ob es ihrem Uwe etwas ausgemacht hatte, vermag sie heute nicht mehr zu sagen, ebenso wenig könne sie zu den Freunden sagen, die Uwe nach seiner Schulzeit hatte. „Wissen Sie, das soll jetzt keine Ausrede sein, aber ich musste halt immer viel arbeiten.“

          „Mutti, ich muss weg“

          Wie sehr ihre Arbeit ihr Leben dominierte, zeigte sich vor allem im Januar 1998, als ihr Sohn zusammen mit Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe aus Jena flüchtete. Er sei an dem Montag, als die Garagen durchsucht wurden, mit André K. zu ihr in die Kaufhalle gekommen, um sich „für lange Zeit“ zu verabschieden. Das habe sie gar nicht fassen können. „Mutti, ich muss weg.“ Er sagte ihr auch, dass er „mit den Waffen in der Garage“ nichts zu tun habe. „Aber ein Rechtsanwalt habe ihm gesagt: ‚Für das Schriftzeug gibt es sieben Jahre‘“. Und „das mit dem Propagandamaterial“ verjähre erst nach zehn Jahren. Ilona Mundlos gab ihm noch schnell ihre EC-Karte. „Dann war er weg.“ Ob sie denn nicht weiter nachgefragt habe, was denn überhaupt los sei und wie es jetzt weitergehen solle, fragte sie der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. „Da war ja noch mein Chef, ich wusste, er wollte die Kaufhalle jetzt zumachen, und ich musste ja noch das Fleisch abdecken.“

          Die Aussage von Ilona Mundlos fügte sich in das Verhandlungsthema, das die vergangenen Wochen beherrschte: die Umstände der Flucht aus Jena im Januar 1998. Seit Wochen werden verstärkt Zeugen aus dem Umfeld aus den neunziger Jahren vor Gericht gehört, vor allem auch, um die unmittelbare Zeit vor, während und nach der Garagendurchsuchung zu rekapitulieren. Wer hat geholfen? Wie haben sich die Drei verhalten? Wem haben sie von ihren Plänen erzählt? War Ideologie und Gewalt ein Thema? Doch Zeugen wie Mandy S., Juliane W., André K. oder Thomas R., die der rechten Szene angehören oder angehörten, wollen sich kaum an etwas erinnern. Zäh verlaufen solche Verhandlungstage, wenn der Vorsitzende Richter immer wieder nachfragt – und die Zeugen immer wieder nur antworten: „Ich versuche es ja, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern.“

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