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NSU-Prozess : Zschäpe schiebt Schuld auf Böhnhardt und Mundlos

  • Aktualisiert am

Großzügig fotografieren lassen: Anders als sonst drehte Beate Zschäpe den Fotografen an diesem Mittwoch nicht den Rücken zu. Bild: dpa

Die Hauptangeklagte sagt erstmals im NSU-Prozess aus – und stellt sich in ihrer Erklärung als ängstliche und unbeteiligte Mitwisserin dar. An den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen sei sie nicht beteiligt gewesen. Sie fühle sich allenfalls „moralisch schuldig“. 

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          Im Münchner NSU-Prozess hat sich die Hauptangeklagte Beate Zschäpe erstmals nach fast 250 Verhandlungstagen persönlich erklärt und bestritten, an den Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) beteiligt gewesen zu sein. Ihr vierter Pflichtverteidiger Matthias Grasel hat an diesem Mittwoch vor dem Oberlandesgericht München einen Text verlesen, in dem Zschäpe eine direkte Beteiligung an den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen aus rechtsextremen Motiven abstreitet. Sie ist angeklagt, für diese Taten mitverantwortlich zu sein.

          „Ich war weder an den Vorbereitungshandlungen noch an der Tatausführung beteiligt“, las ihr Anwalt vor. Von den Taten ihrer Kameraden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos habe sie erst später erfahren, aber nicht die Kraft gehabt, sich zu stellen. Sie sei kein gleichberechtigtes Mitglied des NSU gewesen und habe sich selbst nie als Mitglied einer „solchen Bewegung“ betrachtet.

          Das Haus in Zwickau, in dem das NSU-Trio wohnte, habe sie in Brand gesteckt, um den letzten Willen von Mundlos und Böhnhardt zu erfüllen. Zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter erklärte Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt hätten sie getötet, um deren Pistole stehlen zu können.

          In der Aussage heißt es weiter, nach ihrem Untertauchen hätten die drei Ende 1998 in ständiger Angst gelebt, entdeckt zu werden. Das Geld sei ihnen ausgegangen. Böhnhardt habe daher vorgeschlagen, einen Bankraub in Chemnitz zu begehen. Zschäpe hatte nach eigenen Angaben zu viel Angst, um sich daran zu beteiligen. „Sie wollten mich ganz bewusst nicht dabei haben.“ Mundlos und Böhnhardt hätten ihr zuvor auch nichts von Rohrbomben und Sprengstoff erzählt, mit denen sie hantierten.

          Zschäpe: Heiter und gelöst im Gerichtssaal

          In der Erklärung machte die Angeklagte zunächst Angaben zu ihrer Biografie. Darin schilderte die in Jena aufgewachsene Zschäpe unter anderem die Alkoholprobleme ihrer Mutter, die Geldprobleme der Familie und ihre Beteiligung an kleineren Diebstählen.

          Über ihre Beziehung zu Mundlos und Böhnhardt berichtete Zschäpe, an ihrem 19. Geburtstag habe sie Böhnhardt kennengelernt. Sie habe sich in ihn verliebt, sei aber noch mit Mundlos zusammen gewesen. Kurz nach dem Ende von Mundlos' Wehrdienst hätten sie sich getrennt. Anschließend sei sie eine Beziehung mit Böhnhardt eingegangen. So sei sie stärker in Kontakt zu Böhnhardts Freunden gekommen, die nationalistischer eingestellt gewesen seien als die Freunde von Mundlos. Mundlos und Böhnhardt hatten sich kurz vor der mutmaßlich bevorstehenden Festnahme das Leben genommen.

          NSU-Prozess : Zschäpe bestreitet Mitwisserschaft bei erstem NSU-Mord

          Am Ende der Erklärung entschuldigte sich Zschäpe „aufrichtig“ bei den Opfern des NSU. Sie bezeichnete die Taten dabei als „von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangene Straftaten“. Zschäpe gab sich in ihrer Erklärung lediglich eine moralische Mitverantwortung. „Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte“, ließ sie ihren Verteidiger in ihrem Namen erklären. Dass sie in der fraglichen Zeit nicht zur Polizei ging, begründete sie an diesem Mittwoch mit der Angst, dass sich Mundlos und Böhnhardt umbringen könnten und sie vor allem Böhnhardt verlieren würde.

          Zschäpe wirkte beim Betreten des Gerichtssaales gelöst, lächelte und ließ sich vor Verhandlungsbeginn ungehindert von den zahlreichen Journalisten fotografieren. Das im Mai 2013 eröffnete Verfahren gegen sie und vier weitere Angeklagte wurde bisher überwiegend als Indizienprozess geführt. Umfassend hat sich bisher lediglich ein Angeklagter mit einem Geständnis geäußert. Grasel war vom Gericht erst im laufenden Verfahren als Zschäpes vierter Pflichtverteidiger bestellt worden, nachdem sie sich mit ihren übrigen Pflichtverteidigern überworfen hatte.

          Das Strafverfahren gegen Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zählt zu den spektakulärsten und umfangreichsten der deutschen Geschichte. Binnen zehn Jahren soll die Gruppe nach Überzeugung der Anklage unerkannt von den Sicherheitsbehörden Männer griechischer und türkischer Abstammung und eine Polizistin ermordet sowie Bombenanschläge und Raubüberfälle begangen haben. Beobachter erwarten ein Urteil im Frühjahr 2016.

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