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Ralf Wohlleben im NSU-Prozess : Der Mann, der wusste, wie man Waffen beschafft

Ralf Wohlleben Bild: AP

Der NSU-Angeklagte Ralf Wohlleben hat überraschend ausgesagt. Und behauptet, immer gegen Gewalt gewesen zu sein. Warum?

          Ralf Wohlleben ist ein überzeugter Europäer, schätzt fremde Kulturen und verabscheut Gewalt. Dieses Bild wollte der Angeklagte zumindest mit seiner überraschenden Einlassung am Mittwoch im NSU-Verfahren vermitteln, die man auch als „Multi-Media-Show“ bezeichnen könnte. Mit eingespielten Bildern und einem Video versuchte er über zwei Stunden lang, die Vorwürfe gegen ihn zu entkräften. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm Beihilfe zu den Morden des NSU vor: Er habe die Waffe samt Schalldämpfer besorgt, mit denen der NSU neun Menschen ermordet habe.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das sei eine Fehlinterpretation: „Uwe Böhnhardt sagte, ich soll mich nach einer Pistole umhören, aber ich sagte ihm, da kenne ich mich nicht aus.“ Kein Problem, habe Böhnhardt gesagt, er solle nur darauf achten, dass es ein deutsches Fabrikat sei. Zur Bezahlung sollte er sich demnach an Tino Brandt wenden. „Natürlich habe ich Uwe Böhnhardt gefragt, wozu er die Waffe brauche.“ Aber Böhnhardt habe ihm versichert, er wolle nie mehr ins Gefängnis gehen. „Ich ging davon aus, dass er sich damit selbst töten wollte in diesem Fall.“

          Carsten S. warf er hingegen „Belastungseifer“ vor. Denn Carsten S. hatte Wohlleben in der Beweisaufnahme schwer belastet, indem er angab, Wohlleben habe ihn beauftragt, die Waffe samt Schalldämpfer zu besorgen und ihm dann in seiner Wohnung zu zeigen. Er habe Carsten S. lediglich gesagt, er solle sich an den Szene-Laden in Jena wenden, ob er dort vielleicht wegen der Waffe fündig würde. Als Carsten S. dann mit der Waffe zu ihm in die Wohnung gekommen sei, sei er „erschrocken“ gewesen.

          Kontaktaufnahme aus einer Telefonzelle

          Schließlich sei er ja „permanent“ von der Polizei beobachtet worden. Auch habe er gedacht, der Schalldämpfer sei nur ein „reines Zubehör“. Deshalb habe er ihn auf die Waffe geschraubt. Handschuhe habe er, wie Carsten S. gesagt hatte, nicht getragen. Und schon gar nicht habe er Carsten S. 2000 Euro für den Kauf zur Verfügung gestellt. „Ich hatte überhaupt nicht so viel Geld damals.“ Um seine Kenntnisse von der späteren Tatwaffe weiter zu entkräften, beschreibt er den Schalldämpfer, den er gesehen haben will, als „viel kürzer und dicker“ als denjenigen, den er auf den Bildern in der Akte gesehen habe – an der Ceska 83.

          Neben der „Hilfe“ bei der Waffenbeschaffung gab Wohlleben zudem eine „Unterstützung“ der drei Untergetauchten zu. So führte er in seiner Einlassung an, er habe im Januar 1998 Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe sein Auto zur Verfügung gestellt, damit sie fliehen konnten. Und er habe den Auftrag entgegengenommen, aus Zschäpes Wohnung Sachen herauszuholen und ein Motorrad zu stehlen. Bis er den Kontakt zu ihnen im Jahr 2001 abgebrochen habe, will Wohlleben nur ab und zu mit ihnen telefoniert und Böhnhardt und Mundlos einmal getroffen haben. Die Kontaktaufnahme sei über eine Telefonzelle erfolgt. Er habe Gespräche mit einem Rechtsanwalt vermittelt oder Grüße an Böhnhardts Mutter ausgerichtet. Er könne sich jedoch nicht daran erinnern, je mit Zschäpe telefoniert zu haben.

          Beate Zschäpe, das wird in seiner Einlassung schnell deutlich, soll so unbeteiligt wie möglich erscheinen. Weder hat sie nach seinen Angaben etwas mit der Aktion „Puppentorso“ zu tun, als er zusammen mit Böhnhardt und Mundlos an einer Autobahnbrücke eine an einer Schlinge hängende Puppe mit der Aufschrift „Jude“ und einem Davidstern befestigte. Noch tritt sie bei seiner Schilderung der politischen Aktivitäten im Jena der neunziger Jahre besonders hervor. Denn ob sie überhaupt Mitglied der Kameradschaft Jena gewesen sei, daran könne er sich nicht mehr erinnern.

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