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NSU-Prozess : Ausrede und Antwort

Will sich begutachten lassen: die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe Bild: dpa

Am 313. Verhandlungstag im NSU-Prozess bricht die Angeklagte Beate Zschäpe ihr Schweigen. Doch statt Aufklärung kommen Ausreden. Damit widerspricht sie ihrer bisherigen Verteidigungsstrategie.

          Am 313. Verhandlungstag des NSU-Prozesses spricht Beate Zschäpe zum ersten Mal. Allerdings ist es kein Wortwechsel zwischen ihr und dem Vorsitzenden Richter. Zschäpe verliest am Donnerstag eine kurze Erklärung. Selbstbewusst, wenn auch leise und mit leichtem thüringischen Akzent trägt sie wenige Sätze vor, die im Wesentlichen das wiederholen, was ihr Verteidiger im Dezember vergangenen Jahres in ihrem Namen verlesen hatte: Die Verbrechen, die sie verurteile, seien von ihren Gefährten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos begangen worden.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          „Ich verurteile, was Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Opfern und deren Familien angetan haben, sowie mein bisheriges Fehlverhalten, zu dem ich mich ja schon geäußert habe“, sagt Zschäpe. Damit bezieht sie sich offenbar auf ihr Unvermögen, Böhnhardt und Mundlos vom Morden abzuhalten, nachdem diese ihr von den Taten berichtet hatten. Das hatte sie zumindest schon in ihrer Erklärung im Dezember behauptet. Ebenso, dass es deswegen zu Streitigkeiten mit ihren Gefährten gekommen sei. Von mehr „Fehlverhalten“ sprach sie indes auch in ihrer neuen Erklärung nicht. Zwar habe sie sich am Anfang ihrer Freundschaft mit Böhnhardt und Mundlos mit „Teilen“ des nationalsozialistischen Gedankenguts identifiziert, sagt Zschäpe am Donnerstag. Doch sei während des Untertauchens „die Angst vor Überfremdung“ immer weniger wichtig geworden.

          Schon in ihrer ersten Erklärung hatte Zschäpe von politischen Aktivitäten berichten lassen und von ihrer Teilnahme an Demonstrationen, Rechtsrockkonzerten oder Protesten gegen die Wehrmachtsausstellung. Doch an Straftaten wie dem Aufhängen eines Puppentorsos mit Judenstern an einer Autobahnbrücke, die Böhnhardt und Mundlos zugeschrieben werden, sei sie nicht beteiligt gewesen. Am Donnerstag bleibt sie bei dieser Haltung, auch als ihr Verteidiger Hermann Borchert weitere schriftliche Stellungnahmen verliest.

          „Die üblichen Gesprächsthemen“

          Mit Uwe Böhnhardt, so lautete eine Antwort auf die Frage des Gerichts nach „Konfliktfeldern“, habe sie vor ihrer Flucht im Januar 1998 allein nur über „die üblichen Gesprächsthemen“ gesprochen, „die verliebte Pärchen“ miteinander haben. Politisches sei angeblich nie Thema gewesen. Nach dem Abtauchen sei sie weder an den Raubüberfällen noch an den Morden beteiligt gewesen. Die Männer hätten sie von den Planungen ausgeschlossen. Sie habe vor den Morden davon ausgehen sollen, „dass sie einen erneuten Raubüberfall planten“. Auch von den Kriterien, nach denen die Mordopfer ausgesucht worden seien, habe sie nichts gewusst. Zwar habe sie sich Gedanken gemacht, dass deren Taten einen ausländerfeindlichen Hintergrund hatten, und den Männern auch „entsprechende Vorhalte“ gemacht. Doch „ehrliche Antworten“ habe sie nie bekommen.

          Genauso hatte Zschäpe auch schon in ihrer Erklärung im Dezember argumentiert. Sie fügte am Donnerstag lediglich hinzu, dass sie „heute“ keine „Sympathien“ mehr für dieses Gedankengut hege. Gewalt halte sie als „Mittel der Auseinandersetzung nie für zulässig“, Menschen beurteile sie heute „nicht nach ihrer Herkunft, sondern nach ihrem Benehmen“.

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