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Beate Zschäpe : Königin von Stadelheim

Gibt scheinbar den Ton im Knast an: Beate Zschäpe Bild: dpa

Forsch und dominant soll sich Beate Zschäpe im Gefängnis verhalten – und dabei andere Frauen einschüchtern und manipulieren. Das berichtet nun eine Mitgefangene über die Hauptangeklagte im NSU-Verfahren.

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          Eine „andere Beate“ als im Gericht soll man angeblich im Gefängnis beobachten können, da sie sich dort sehr selbstbewusst, forsch und tonangebend verhalten soll. Das ist zumindest die These einer früheren Mitgefangenen von Beate Zschäpe, die der Wochenzeitung „Die Zeit“ von ihren Eindrücken berichtet hat – obwohl auch Zschäpes Auftreten im Gerichtssaal einen ähnlichen Schluss auf ihren Charakter zulässt. Die Mitgefangene teilte „kurzzeitig“, vier Tage im April dieses Jahr, mit der Hauptangeklagten im NSU-Verfahren zwar nicht die Zelle, aber doch das Gefängnis. Über ihre Beobachtungen von ihrer Zelle aus, die gegenüber der Zelle von Zschäpe lag, hat sie ein Protokoll geführt.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Was man darin über Zschäpes Verhalten in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim erfahren kann, befriedigt in Teilen einen gewissen Voyeurismus, zum anderen bestätigt es schon bestehende Einschätzungen zu ihrer Persönlichkeit. Beschrieben wird, wie die Insassin Zschäpe auf ihrem Fenstersims „thront“, lautstark über den Innenhof mit anderen Gefangenen kommuniziert oder beim Hofgang „breitbeinig“ an der Tischtennisplatte vor den anderen Frauen den Ton angibt. Sie soll nicht nur eine breite Schar an „Fans“ um sich scharen, andere Frauen mit „Küsschen und Umarmungen“ begrüßen und ihnen oft juristische Tipps und praktische Lebenshilfe vermitteln, sondern auch „Privilegien“ in Anspruch nehmen: Laptop, Privatkleidung und ausreichend Zigaretten.

          Einschüchterung und Manipulation

          Einmal soll sie sogar Frauen dazu aufgefordert haben, an das Fenster der Zelle einer Gefangenen mit Migrationshintergrund heißes Wasser und Mehl zu schütten. Es habe sich ein richtiger „Mob“ gebildet, Zschäpe habe applaudiert und die Frauen angestachelt. Die Gefangene hinter dem Fenster habe zuvor Zschäpe als „Nazi“ bezeichnet und vor ihr auf den Boden gespuckt. Gesehen hat die ehemalige Gefangene diesen ersten Vorfall nicht, aber die Betroffene habe ihr das Geschehen so geschildert. Zschäpe, so ist zudem zu lesen, kleide sich oft in „khakifarbenen Hosen“ im „Military“-Stil mit dazu passenden schwarzen Stiefeln.

          Ergänzt werden die Wahrnehmungen um Anekdoten, die andere Mitgefangenen, Ausländerinnen, ihr über Zschäpe erzählt haben: Zschäpe soll andere Frauen einschüchtern und manipulieren, sich gebärden wie eine „Königin“ oder wie ein „Filmstar“. All diese Beobachtungen, das ist die zentrale These der Mitgefangenen, zeigten einen Gegenentwurf zu dem Bild Zschäpes, das sie im Gericht präsentiere – das Bild einer unsicheren, zurückhaltenden Frau, die nur Mitläuferin gewesen sein will.

          Tatsächlich hat sich Zschäpe in dem seit drei Jahre dauernden Verfahren nie zurückhaltend oder unsicher präsentiert. Schweigend, sicherlich, aber selbst da schwindet Zschäpes Zurückhaltung. Diese Woche hat sie das erste Mal Fragen des Gerichts fast unmittelbar beantwortet: So ließ sie an diesem Donnerstag nach kurzer Rücksprache mit ihrem Verteidiger mitteilen, dass sie zusammen mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos einmal in Hannover in eine Polizeikontrolle geraten sei. Alles andere als zurückhaltend, sondern mit großer Geste marschierte sie auch schon am ersten Prozesstag in den Gerichtssaal. Den Schwung hat sie auch nach drei Jahren Prozessdauer kaum eingebüßt.

          Bild von Zschäpe authentisch?

          Jede Woche begrüßt sie die Verteidiger der anderen Angeklagten sowie den „Anwalt ihres Vertrauens“, Mathias Grasel, mit einem strahlenden Lächeln und ignoriert demonstrativ ihre drei in Ungnade gefallenen Pflichtverteidiger. So konnte man sie sich auch gut im Innenhof von Stadelheim vorstellen, wenn sie ihre Gunst offenbar mal dieser, mal jener Mitgefangenen gewährt. Ihr öffentlich gemachtes Verhalten in allen Stadien ihres Zerwürfnisses mit ihren Pflichtverteidigern Wolfgang Heer, Anja Sturm und Wolfgang Stahl lässt auf viele Aspekte von Zschäpes Charakter schließen, aber nicht auf eine vorgetäuschte „Unsicherheit“. Lediglich in ihrer Erklärung vom Dezember sprach Zschäpe von Ängsten und dem Unvermögen, sich den Taten, die angeblich Mundlos und Böhnhardt allein planten und ausführten, zu widersetzen. Doch allein die Einschätzung ihrer ersten Pflichtverteidiger Monate zuvor, sie schwinge sich als „Vorsitzende der Verteidigung“ auf, stand im klaren Gegensatz zu dem von Zschäpe in deren Erklärung behaupteten Bild einer Frau, die nicht wirklich Herrin ihres Lebens ist.

          Die Mitgefangene, die Zschäpe so genau beobachtet haben will – „die authentische Zschäpe ist die, die ich im Knast beobachtet habe“ –, ist Journalistin. Auf ihrer Internetseite houndsandpeople.com geht es vor allem um Tiergeschichten wie „Sieben Frauen retteten 200 Pferde“ oder „Schwanzwedeln ist nicht gleich Schwanzwedeln“. Einen genauen Grund, warum sie inhaftiert war, gibt sie nicht an, nur dass man ja in Deutschland „schon wegen eines nicht gezahlten Bußgeldes“ in Haft genommen werden könne. Die Leitung der Justizvollzugsanstalt Stadelheim hat ihr, auch das ist in dem Bericht zu lesen, in wesentlichen Dingen widersprochen: Den Laptop habe Zschäpe mit Genehmigung des Gerichts, um sich auf die Verhandlungstermine vorbereiten zu können. Auch trage Zschäpe weder Kleidung, die an Uniformen erinnere, noch habe sie etwas mit dem „Wasser“-Vorfall zu tun. Es habe sich lediglich um „Blödsinn“ unter Insassen gehandelt.

          „Beate Zschäpe spendet seit Jahren für einen Verein, der Kinder mit Migrationshintergrund unterstützt.“ Das wäre wohl eine Nachricht gewesen, die vieles relativiert hätte, was man bislang über die Hauptangeklagte in Erfahrung bringen konnte. Dass Zschäpe sich im Gefängnis forsch und dominant verhalten soll, entspricht hingegen dem Bild, das die Anklage stets von ihr gezeichnet hatte.

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