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NSU-Prozess : Zeugin: Beate Zschäpe war sehr aggressiv

Trug auch damals lieber Minirock als Springerstiefel: Zschäpe am Dienstag mit ihren Verteidigern Sturm und Heer Bild: dpa

Beate Zschäpe soll im Jahr 1996 eine junge Frau in Jena beschimpft und geschubst haben. Sie sei selbstbewusst und „raumgreifend“ gewesen. Doch sind die Aussagen der Zeugin glaubhaft?

          Die Zeugin ist sich sicher: Beate Zschäpe habe sie zu Boden geschubst. Damals, als sie am 16. September 1996 zusammen mit einer Bekannten auf dem Heimweg vom Altstadtfest in Jena gewesen sei. Zschäpe und deren Freundin hätten die beiden jungen Mädchen schon in der S-Bahn eingeschüchtert und dann beim Aussteigen angesprochen. Beate Zschäpe habe sie beschimpft, warum sie sich eben so lustig über sie gemacht habe. „Dann hat sie mich geschubst, dass ich unglücklich auf den Fuß gefallen bin.“, sagt die 33 Jahre alte Studentin Maria H. am Mittwoch vor Gericht. Sie ging danach zum Arzt, der eine Fraktur des Fußes feststellte, und erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Jahre später, 2011, kam nach ihren Worten ein Journalist zu ihr und suchte mit ihr zusammen Bilder von der gerade festgenommenen Beate Zschäpe im Internet. Auf den älteren Fotos habe sie ihre Angreiferin deutlich erkannt: „Das war Beate Zschäpe.“

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ob das wirklich so war, versuchte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl an diesem Mittwoch durch stundenlanges Nachfragen herauszufinden. Denn sollte es so gewesen sein, wäre dies die erste Augenzeugin, die nicht nur von einer Gewalttat der Angeklagten berichtet, sondern diese auch am eigenen Leib erfahren hätte. Denn Zeugen für eine gewalttätige Beate Zschäpe gibt es kaum. Ein Cousin von ihr hatte vor Monaten berichtet, Zschäpe habe einmal in einer Diskothek einer Frau „ein Glas über den Kopf“ gezogen. Am Mittwoch schildert Maria H., dass sie damals als 16 Jahre alte Schülerin schon optisch der linken Szene zuzuordnen gewesen sei: „Ich trug lange, bunte Röcke, Springerstiefel mit bunten Schnürsenkeln, hatte die Haare an einer Seite rasiert und Zöpfe oder Perlen reingeflochten.“

          Als Zschäpe sie zu Fall gebracht habe, habe sie sich sofort auf ihren Rücken gesetzt: „Dann sollte ich diesen Satz sagen: ‚Ich bin eine Potte.‘“ Was das bedeutet, blieb am Mittwoch unklar. Dass der Journalist, der ihr eröffnete, dass Beate Zschäpe die Angreiferin gewesen sei, ihr offenbar ausschließlich Bilder von Zschäpe gezeigt hatte, schwächt ihre Aussage. Doch glaubhaft wirkt sie wiederum durch die Angabe, dass die Täterin gar nicht auffällig als „Rechte“ gekleidet gewesen sei. Das haben bislang alle Zeugen angegeben: dass Beate Zschäpe lieber Minirock als Springerstiefel trug.

          Im Februar 2014 wurde Maria H. genauso wie ihre Freundin Steffi S. auch von Beamten des Bundeskriminalamtes verhört. Über Beate Zschäpe habe es in der Szene geheißen, sie laufe immer mit einem Messer rum, sagte die 33 Jahre alte Krankenpflegerin Steffi S. am Mittwoch vor Gericht. Auch Steffi S. war damals „links“ orientiert, wie sie angibt. Zschäpe sei sehr selbstbewusst, geradezu „raumgreifend“ gewesen und soll auch aggressiv Männern gegenüber gewesen sein. „Woher wussten Sie das?“, fragt der Vorsitzende. „Das hat man sich so erzählt.“ In Winzerla habe man sich eben vom Sehen gekannt. Auch Böhnhardt will sie damals auf der Straße mal gesehen haben. Es ging bei ihrer Aussage viel um das „Hörensagen“, weniger um konkrete Vorfälle, an die sie sich erinnerte.

          Dies schmälerte die Glaubhaftigkeit ihrer Angaben genau wie ihre Aussage, sie könne sich nicht daran erinnern, die Frau, die sie als Zschäpe kannte, mit zwei Männern gesehen zu haben. Bei dem Übergriff auf Maria H. will sie die Täterin jedoch schon an dem Abend als Beate Zschäpe erkannt haben: „Sie hat Maria mit zwei gekonnten Handgriffen zu Boden gebracht, das sah sehr geübt aus, wie Kampfsport.“ Sie erstatte 1996 ebenfalls Anzeige. „Haben Sie bei der Polizei gesagt, dass eine Beate Zschäpe das getan hat?“ – „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern, was ich bei der Polizei gesagt habe.“ Die Polizeiakten zu dem Vorfall gibt es nicht mehr. Beim Bundeskriminalamt wurde bei der Kontaktaufnahme mit den Zeuginnen sofort nach Beate Zschäpe gefragt. Damit war die Marschrichtung mehr als festgelegt. So äußerte der Vorsitzende Richter am Mittwoch sein Unverständnis darüber, als er die zuständige Beamtin des BKA befragte: „Warum ist denn der ganze Sachverhalt samt Beate Zschäpes Namen direkt angesprochen worden?“ Die Antwort, dass die Zeugen direkt wissen sollten, worum es geht, konnte ihn nicht zufrieden stellen.

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