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NSU-Prozess : Post vom bösen Sonnenscheinchen

Ob der Brief vor Gericht gegen Beate Zschäpe verwendet werden kann, ist noch offen Bild: dpa

Was denkt die Angeklagte Beate Zschäpe? Aufschluss gibt ein Brief, den sie im März an einen Häftling schickte - 26 Seiten, handgeschrieben. Wird er Teil des Verfahrens?

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          Für die Richter des NSU-Prozesses ist die psychische Verfassung von Beate Zschäpe relevant, weil sie ihre Motive einschätzen müssen, die Frage der Schuldfähigkeit zu klären und schließlich die Höhe des Strafmaßes festzusetzen haben. Die Überlegung, was für ein Mensch die Angeklagte ist, beschäftigt auch in hohem Maße die Öffentlichkeit - weil sie so wenig von sich preisgibt und die Taten, deren sie beschuldigt wird, so monströs sind.

          Helene Bubrowski
          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Beate Zschäpe ist angeklagt, als Mittäterin zehn Menschen heimtückisch und aus rassistischen Motiven ermordet zu haben. Außerdem soll sie mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt eine terroristische Vereinigung gegründet haben, Sprengstoffanschläge geplant und eine schwere Brandstiftung begangen haben. All das hat die Bundesanwaltschaft in einer 488 Seiten langen Anklageschrift aufgeführt. Bezeichnend ist aber auch das, was man sonst über Beate Zschäpe gehört hat: In ihrem Zimmer soll eine Reichskriegsflagge über dem Bett gehangen haben; sie soll das Spiel „Pogromly“ gebastelt haben, eine nazistische, mit SS- und SA-Symbolen und KZ-Namen versehene Abwandlung des Spiels „Monopoly“. Nun sitzt Frau Zschäpe im Münchner Gericht und schweigt. Nicht einmal über ihren Namen wollte sie am ersten Prozesstag Auskunft geben.

          26 Seiten, handgeschrieben

          In dem Versuch, ihre Motive zu ergründen, verfolgte die Öffentlichkeit seit Prozessbeginn jede Regung von Beate Zschäpe im Gerichtssaal. Während ein unbeschwertes Auftreten und das Tragen eines Blazers ihr anfangs den Vorwurf einbrachte, sie verhöhne die Opfer, wird mittlerweile über ihren Gesundheitszustand spekuliert. Nach Angaben des Oberlandesgerichts München soll Beate Zschäpe am neunten Prozesstag über Schwindel und Übelkeit geklagt haben. Auch das wurde zum Gegenstand öffentlicher Spekulationen über eine mögliche Reaktion der Angeklagten auf das Geständnis des mutmaßlichen NSU-Helfers Carsten S.

          Nun ist ein 26 Seiten langer, handschriftlicher Brief von Beate Zschäpe an den inhaftierten Neonazi Robin Sch. beschlagnahmt worden, der wegen schwerer räuberischer Erpressung verurteilt wurde und seit sechs Jahren als Freigänger in Haft in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld sitzt. Frau Zschäpe hat ihn kurz vor Prozessbeginn im März dieses Jahres verfasst. Wie sie in dem Brief schildert, ist sie Robin Sch. noch nie begegnet. Sie nennt ihn ihren „Brieffreund“, dem sie - trotz aller Distanz - selbst intime Gedanken anvertraut.

          Der Brief, der dieser Zeitung vorliegt, wurde von den für die Kontrolle zuständigen Mitarbeitern des Oberlandesgerichts München zunächst als irrelevant erachtet. Aufmerksam gemacht wurde die Bundesanwaltschaft erst von Mitarbeitern der Justizvollzugsanstalt Bielefeld, die den Brief bei Robin Sch. fanden. Das Schreiben wurde mittlerweile zu den Gerichtsakten genommen und ist eine der wenigen Quellen, mit der sich die Verfahrensbeteiligten ein Urteil über die Motive der schweigenden Angeklagten bilden können.

          Grillwürste statt Gefängniskost

          Einen großen Teil des Briefes bildet die Niederschrift freier Assoziationen, wenig stringent und kaum relevant für die Schuldfrage. Gleichwohl wird in der Öffentlichkeit seit Bekanntwerden des Schreibens selbst über Details aus Beate Zschäpes Privatleben diskutiert. Spekuliert wird etwa, ob die Angeklagte dem Empfänger Sch. durch versteckte Andeutungen mitteilen will, dass sie den Glauben an die Ideologie der rechtsextremen Szene noch nicht verloren hat. So wird die Aussage von Beate Zschäpe, dass sie angesichts der Gefängniskost thüringische Grillwürste vermisst, als möglicher Code verstanden. Der Slogan „Bratwurst statt Döner“ wird in der rechtsextremen Szene seit Jahren in Form von Aufklebern und Aufdrucken auf Kleidungsstücken verbreitet.

          An anderer Stelle schreibt Beate Zschäpe, dass sie nicht bei einer Temperatur von plus 18 Grad frieren will. Die Zahl 18 steht in der rechtsextremen Szene für den Namen Adolf Hitlers, weil A der erste und H der achte Buchstabe des Alphabets sind. Warum Beate Zschäpe ihren „Brieffreund“ mal als „Robin“, mal als „Chris“, mal als „Graf Usagra“ anspricht, erschließt sich nicht. Ebenso ist fraglich, ob die Namen, die Beate Zschäpe für sich selbst gewählt hat, relevante Anspielungen enthalten - „Pferdeknusperin“ wohl nicht. Wenn sie sich den Kosenamen „Sonnenscheinchen“ gibt, könnte ein Bezug zu dem Rohrbombenattentat im Nürnberger Gasthaus „Sonnenschein“ vorliegen. Auch eine am Ende von Beate Zschäpe angefügte Bemerkung, der Brief sei mit einem Augenzwinkern zu lesen, könnte als freundschaftliche Geste, oder aber als Hinweis auf versteckte Botschaften gemeint sein.

          Spekuliert wird in der Öffentlichkeit auch über mögliche Hinweise auf die Rolle der Angeklagten in der Beziehung zu Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. In einem langen Monolog schildert Beate Zschäpe dem „Brieffreund“ Seite um Seite ihre Gedanken. Sie lobt ihn, schmeichelt ihm über Absätze, eine Seite später beleidigt sie ihn, verunglimpft sein Aussehen und versucht, seine Persönlichkeit in Frage zu stellen. Dann lockt sie ihn wieder mit Anspielungen, unterstellt ihm eine verfängliche Sehnsucht nach Phantasien, um ihm im Anschluss ausführliche Beispiele für solche Phantasien auszumalen. Der ausgeprägte Narzissmus, der in diesem Verhalten zum Vorschein kommt, könnte im weiteren Verlauf des Verfahrens bei der Beurteilung von Beate Zschäpes Persönlichkeit eine wichtige Rolle spielen. Mehrere Rechtsvertreter von NSU-Opfern erwägen derzeit, die vollständige Verlesung des Briefes vor Gericht zu beantragen.

          Dichtmachen, um sich zu schützen

          Auch der Prozess spielt in Beate Zschäpes Brief eine Rolle. Sie beklagt - damals noch vor Prozessbeginn - die voraussichtliche Anstrengung von drei Verhandlungstagen in der Woche und empfindet die Anklage als ungerecht. Sie verabscheut ihren Worten nach Gefühlsausbrüche und will gelernt haben, in öffentlichen Situationen dichtzumachen, um sich vor Enttäuschungen zu schützen. Deshalb, so ihr Argument, können andere Menschen kein Mitleid oder Verständnis erwarten. Gleichzeitig reflektiert die Angeklagte, dass Außenstehende dieses Verhalten als Sturheit und Emotionslosigkeit auslegen könnten.

          An anderer Stelle beschreibt sie die Verärgerung darüber, Neuigkeiten über den Prozessverlauf zuerst aus dem Fernsehen zu erfahren. Ihrer Meinung nach kann der Prozess aufgrund der Vorverurteilung in der Öffentlichkeit nicht mehr fair verlaufen. Auch mit Vorwürfen gegen ihre Anwälte spart sie nicht und schreibt von wütenden Kommentaren, die sie an diese verfasste, aber nicht abschickte.

          Unbestreitbar ist nach dem Auffinden des Briefes, dass Beate Zschäpe nicht mit ihrer Vergangenheit gebrochen hat und weiterhin den Kontakt zu Mitgliedern der rechtsextremen Szene sucht. Der Generalbundesanwalt wird auch zu klären haben, ob Robin Sch. etwas mit der Ermordung des Dortmunders Mehmet Kubasik am 4. April 2006 zu tun hat, die dem NSU zugeschrieben wird. Ob die Richter und Sachverständigen das Schreiben im weiteren Verfahren in ihre Erwägungen einbeziehen dürfen, ist noch unklar. Zwar durften die Beamten den Brief beschlagnahmen - geschützt ist nur der schriftliche und mündliche Verkehr zwischen einem Angeklagten und seinen Verteidigern. Verwertet werden darf er allerdings dann nicht, wenn das Gericht der Auffassung ist, die Äußerungen fielen in die Intimsphäre, die als Teil der Menschenwürde absoluten Schutz vor staatlichem Zugriff genieße.

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