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NSU-Prozess : „Im Vordergrund stand, Spaß zu haben“

Carsten S. im Gerichtssaal Bild: dpa

Der mutmaßliche NSU-Helfer Carsten S. spricht den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus. Konkrete Antworten bleibt er aber schuldig – will er nicht oder kann er nicht?

          Carsten S. möchte noch etwas sagen. Er faltet die Hände, er räuspert sich. Es verstreicht eine gute Minute. Er setzt drei Mal an, schaut auf die Tischfläche vor sich und spricht folgende Worte: „Ich kann nicht ermessen, was Ihren Angehörigen für unglaubliches Leid und Unrecht angetan wurde. Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, wie ich empfinde. Da finde ich nicht die passenden Worte, was das in mir auslöst. Ich bin mir auch absolut sicher - eine Entschuldigung wäre zu wenig. Das klingt für mich wie ein ,Sorry’ und dann ist es vorbei - aber es ist noch lange nicht vorbei. Ich möchte Ihnen mein tiefes Mitgefühl ausdrücken.“

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Ein Strafverfahren im Format des NSU-Prozesses ist ein mühevolles Umdrehen von unzähligen Mosaiksteinchen. Die Befragungen sind häufig zäh - und werden immer wieder von Beanstandungen und Anträgen von Seiten der Verteidiger, der Nebenklägervertreter oder auch der Richter unterbrochen. Die Palette der prozessualen Tricks und Kniffe ist breit. So könnte die Erklärung von Carsten S., der wegen Beihilfe zum neunfachen Mord und weiterer Straftaten angeklagt ist, eine Erinnerung sein, dass die juristische Aufarbeitung letztlich auch der Versöhnung dienen kann.

          „Ja, ich fühle Verantwortung“

          Schon am Morgen zu Beginn des zwölften Verhandlungstages vor dem Oberlandesgericht München spricht Carsten S. zum ersten Mal ausdrücklich von seiner „Verantwortung“ im Zusammenhang mit den Verbrechen, die dem NSU zugeschrieben werden. „Ja, ich fühle Verantwortung, dass ich mich damals schuldig gemacht habe, die Waffe zu übergeben und die Sachen dann wegzuschieben“, sagt er. Ob er auch deshalb Verantwortung fühle, weil er es unterlassen habe, die Ermittlungsbehörden zu informieren, fragt ein Nebenklägeranwalt. „Ja, auch das“, sagt S.

          Allerdings verlässt der Angeklagte nur selten die Ebene des Generellen. Zur konkreten Aufklärung der Taten scheint er keinen Beitrag leisten zu können oder - so zuweilen der Eindruck - zu wollen. Er spricht von seiner Scham. Wenn die Nebenklagevertreter aber Fragen nach Personen aus dem rechtsradikalen Umfeld in Jena stellen, nach der Gewaltbereitschaft in der Szene, nach dem Verhältnis zwischen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, nach den konkreten Umständen der Übergabe der Ceska-Pistole, die als Tatwaffe gilt, strapazieren die kurzen Antworten von Carsten S. die Geduld der Zuhörer: „Ich weiß es nicht.“ - „Ich habe nicht drüber nachgedacht“ - „Im Vordergrund stand, Spaß zu haben.“ - „Ich kann mich nicht daran erinnern.“ - „Ich habe erst jetzt aus den Medien davon gehört.“ - „Es gab damals keine Diskussionen über Gewalt.“

          Mit der Frage nach seiner Gesinnung vor dem Ausstieg aus der rechtsextremen Szene könne er nichts anfangen, sagt S. Auf wiederholtes Nachfragen nennt er den Begriff „Nationalbewusstsein“. Was das bedeute, fragt ein Anwalt, der Opfer des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße vertritt. „Für sein Land kämpfen“, sagt S. Und was das bedeute? „Sich zum Beispiel in der NPD organisieren.“ Mit Hinweis darauf, dass S. selbst in der NDP organisiert war, fragt der Anwalt nach den Zielen dieser Partei. „Dass der Kapitalismus dann nicht mehr regiert“, antwortet S. Als weiteres Ziel fällt ihm der Umweltschutz ein. Und von der „Rückführung von Ausländern“ habe er auch im Programm gelesen. Darüber, was Rückführung bedeute, habe er sich keine Gedanken gemacht.

          „Was sind Sie denn?“

          Dann wieder entsteht der Eindruck von echter Reue - allerdings denkt er dabei wohl in erster Linie an sich selbst: „Erst nach meinem Ausstieg habe ich mich richtig kennen gelernt und Sachen ausprobiert, die ich mich vorher nicht so getraut hab.“ Damit meint S. offenbar seine Homosexualität, zu der er sich nun bekennt. Er spricht wiederholt davon, wie viel er mit sich selbst zu tun habe. Er berichtet über seine Therapie, über die „Gefühle und Zwänge“, die dabei zum Vorschein gekommen seien, die Probleme, die er gehabt habe - „auch mit meinem Vater“. Dass er nicht wisse, wie er selbst die Befragungen verkrafte und „was die mit mir machen“. Auch daher habe er sich dagegen entschieden, einen der Tatorte aufzusuchen.

          In einem Moment droht die Befragung von Carsten S. zu eskalieren. Das liegt allerdings nicht an seinen Antworten. Vielmehr liefern sich ein Nebenklagevertreter und der Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben ein Wortgefecht. Der Nebenklagevertreter, der Opfer des Kölner Anschlags vertritt, fragt nach Aktivitäten in „Neonazi-Kreisen“. Wohllebens Verteidiger beanstandet diese Eingrenzung als nicht konkret genug. „Was sind Sie denn?“, sagt der Nebenklagevertreter. „Überprüfen Sie doch mal Ihre Aktivitäten und die Ihrer Kollegin.“

          Die Mitverteidigerin von Wohlleben war in den neunziger Jahren Mitglied der NPD. „Meinen Sie mich? Nicht dass Sie noch eine Anzeige kassieren!“ Der glatzköpfige Verteidiger von Wohlleben reagiert aggressiv. Daraufhin der Nebenklagevertreter: „Ich bin gegen Scheinheiligkeit. Ich meine, wenn man solche Leute vertritt...“ Richter Manfred Götzl geht dazwischen und verhindert ein Abgleiten des Schlagabtauschs in persönliche Beleidigungen. So stammen die einzig versöhnlichen Worte an diesem Prozesstag ausgerechnet von einem mutmaßlichen Terrorhelfer.

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