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„Nationalsozialistischer Untergrund“ : Mit ein wenig Hilfe von den Kameraden

  • -Aktualisiert am
Das Viertel mit Loch: In der Frühlingsstraße in Zwickau wohnte das Trio zuletzt
          4 Min.

           „In den Untergrund gehen“, das sagt sich im dicht durchregelten Deutschland leichter als es getan ist. Jedenfalls dachte man bisher so. Denn immerhin ist es den drei Mitgliedern des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Z. gelungen, fast vierzehn Jahre lang versteckt vor den Sicherheitsbehörden, zugleich aber überwiegend offen zu leben. In seiner letzten Wohnumgebung, der Zwickauer Frühlingsstraße, war das „Trio“ als Paar und dessen Bruder nachbarschaftlich bekannt, beispielsweise dem griechischen Lokalbesitzer im Hause Nummer 26, über dem die konspirative Terroristenwohnung lange lag. Jedenfalls in den letzten Jahren hatte das Trio sich neben bürgerlicher Harmlosigkeit eingerichtet und beging aus diesem sicheren Umfeld heraus und unbehelligt von jedweder Sicherheitsbehörde reihenweise Banküberfälle und Morde.

          Bild: REUTERS

          Wenn es stimmt, das die Gruppe seit 2003 eine erste Wohnung in der Zwickauer Polenzstraße und dann von 2007 an die Wohnung in der Frühlingsstrasse bewohnte, dann hat sie von diesen aus möglicherweise neun Banküberfälle und sechs ihrer mutmaßlich zehn Morde begangen, um jeweils anschließend wieder dorthin zurückzukehren. Sogar die bei den Überfällen benutzten, jeweils angemieteten Wohnmobile seien dort nach Zeugenaussagen gesichtet worden, heißt es nun. Möglich wurde dieses Dasein ohne eigenen Ausweise, ohne Krankenversicherung, Gehaltsnachweis und alles, was man sonst an Unterlagen im Leben braucht, durch ein offenbar großes Netz an Helfern und Unterstützern. Die seit anderthalb Wochen ermittelnden Sonderkommission „Trio“ aus Bundes- und Landeskriminalämtern ermittelt täglich neue Verbindungen und Personen, die mit Führerschienen, Ausweisen, Mietverträgen, Bahncards oder auch Geldsammlungen die Terrorgruppe unterstützt haben.

          Unterstützer aus dem „Thüringer Heimatschutz“

          Nicht alle werden das ganze Ausmaß des mörderischen und räuberischen Treibens umfassend gekannt haben, aber klar war in den meisten Fällen, dass man abgetauchten „Kameraden“ half.  Professorensohn Mundlos, sein Freund Böhnhardt und und die Begleiterin Beate Z., gelernte Gärtnerin, stammten aus Jena und waren dort vor ihrem Untertauchen in der Neonazi-Szene aktiv. Dem sogenannten „Thüringer Heimatschutz“ (THS) wurden dort Ende der neunziger Jahre etwa 150 bis 170 Personen zugerechnet. Aus diesem Umfeld kamen meistens auch die Unterstützer und möglichen Mittäter.

          Etwa Holger G. aus Jena-Lobeda. Während seiner Neonazi-Karriere in Thüringen wohnte er noch bei seiner Mutter, später zog er nach Niedersachsen, wo der Verfassungsschutz seine Spur für ein Jahrzehnt verlor. Holger G. lieh dem Trio mehrfach Führerschein und Reisepass, auf seinen Namen wurden in wenigstens drei Fällen die Reisemobile angemietet, von denen die Täter aus dann mit Fahrrädern zum jeweiligen Tatort fuhren. So auch beim Heilbronner Polizistenmord 2007 und auch beim letzten Banküberfall am 4. November 2011 in Eisenach.

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